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Die abgründige Liebe im ersten Roman des einsamen Vikars

RICHARD UMSTADT

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BISSINGEN Dem einzigen Roman Eduard Mörikes, dem "Maler Nolten", ist die Sonderausstellung im neuen Museumsraum gewidmet. Die Novelle in zwei Bänden, als solche wurde sie 1832 bei Schweizerbart verlegt, beschäftigte nicht nur den Dichter und seine Freunde, sondern auch viele Mörikekenner und -liebhaber. Dr. Reiner Strunk hatte in seinem Vortrag die Zuhörer im Ochsenwanger Mörike-Kirchlein in spannender Weise an seinen Beobachtungen zum Roman "Maler Nolten" teilhaben lassen und den Blickwinkel speziell auf die Konzeption der zweierlei Lieben in der "Novelle" gerichtet: Auf das griechisch-platonische Liebeskonzept, das die Sehnsucht nach der Liebeserfüllung beschreibt, und im Gegensatz dazu das christliche Bild, in dem die Liebe die Fülle selbst ist eine göttliche Liebe, die nicht verletzt und nicht zerstört.

In diesem Spannungsfeld lässt Mörike seine tragischen Romanfiguren, den Maler Nolten, seine Verlobte Agnes, die Gräfin Konstanze, die Zigeunerin Elisabeth und den blinden Henni, bis zum bitteren Ende handeln. Dr. Strunk veranschaulichte seine "Beobachtungen" immer wieder anhand von Zitaten aus dem Roman und belegte so seine These von der unterschiedlich angelegten Konzeption der Liebe. "Die Liebe, die die Romangestalten treibt, war in der Literatur bis dahin alles andere als neu. Neu ist vielmehr die Abgründigkeit, die wahnhafte Liebe, wie Mörike sie in seinem Roman beschreibt."

Pfarrer Ulrich Müller ging in seiner Begrüßung kurz auf die Museumsgeschichte ein und freute sich über die Einweihung des dritten Raumes. In diesem Zusammenhang dankte er der Leiterin des Mörike-Hauses, Gisa König, und all ihren Helfern. Außerdem wies er auf den neu gegründeten Mörike-Freundeskreis hin.

"Seit vielen Jahren steht der neue Raum auf der Wunschliste, heute geht dieser Wunsch in Erfüllung," sagte Bissingens Bürgermeister Wolfgang Kümmerle in seinem Grußwort und überreichte dem Hausherrn, Pfarrer Müller, "etwas Habhaftes" in Form eines Schecks.

Bibliotheksdirektorin Dr. Ursula Bernhardt vom baden-württembergischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, zeichnete den Weg von der Mörike-Gedenktafel des Schwäbischen Albvereins 1904 bis zum 1981 eingeweihten Museum in Ochsenwang nach und vergaß auch Eduard Mörikes größten und originellsten Fan, das Fräulein Kneile, nicht. Das Mörike-Haus ist eines von neun literarischen Museen, die dem Dichter gewidmet sind, und eines von insgesamt 90 literarischen Gedenkstätten im Land, die der Arbeitsstelle für literarische Museen in Marbach angeschlossen sind. Diese "vorbildliche Kooperation" von Land und Kommunen sei einmalig in Deutschland, sagte Dr. Ursula Bernhardt.

An die Einweihung des Mörike-Hauses am 25. Oktober 1981 erinnerte Professor Dr. Thomas Scheuffelen von der Arbeitsstelle für literarische Museen, Marbach. In seiner Rede schlug er eine Brücke von damals zur aktuellen Eröffnung des dritten Raumes in der Ochsenwanger Gedenkstätte. Er dankte Dr. Ute Harbusch und Manfred Jaschek, die die ständige Ausstellung "Maler Nolten" konzipierten, ebenso wie der Museumsleiterin Gisa König. "Von ihr kam die Anregung zur Erweiterung."

Für seine Zuhörer warf Dr. Scheuffelen einen informativen Blick in den neuen Museumsraum im Obergeschoss der Gedenkstätte: An der Wand gegenüber der Tür hängt der Druck des Grieshaber-Schülers Joshua Reichert mit dem Gesang Weylas "Du bist Orplid, mein Land . . ." von Mörike. Links vom Eingang finden die Besucher in zwei Vitrinen verschiedene Ausgaben des "Maler Nolten", darunter die bei Schweizerbart erschienene Erstausgabe der Novelle, und Faksimile-Briefe des Dichters sowie erste Reaktionen auf den Roman. Über den Vitrinen angeordnet wurden acht Porträts von Freunden Mörikes, die sich damals zu "Maler Nolten" äußerten, darunter Johannes Mährlen und Gustav Schwab. In einer dritten Vitrine befinden sich weitere Materialien zum Thema, unter anderem eine koreanische Ausgabe des Romans. Neu aufgenommen wurden fünf im Museum verteilte große Textfahnen mit Mörikes originalem Wortlaut sowie ein stark vergrößertes Porträt von Johann Georg Schreiner, das den Dichter in jungen Jahren zeigt.

Die Einweihungsfeier im Kirchlein wurde umrahmt vom Ochsenwanger Kirchenchor, der Mörikelieder sang.

Erweitertes Mörike-Museum: Im Obergeschoss hinter dem rechten Fenster verbirgt sich der neue, dritte Raum, in dem nun die Sonderausstellung "Maler Nolten" eingerichtet wurde. Professor Dr. Thomas Scheuffelen von der Arbeitsstelle für literarische Museen, Marbach, (kl. Foto) begleitet die Gedenkstätte seit ihrer Eröffnung 1981.