Lokales

Die Ärzte wollen ihren Protest fortsetzen

Im ganzen Land standen Patienten in der vergangenen Woche vor verschlossenen Praxistüren: Die Mediziner haben gegen Reformen im Gesundheitswesen protestiert. "Halten die Politiker an ihrem Gesetzentwurf fest, werden bei gleich bleibender Versorgung auf Ärzte und Patienten Mehrkosten in Höhe von 25 Prozent zukommen", beklagt Dr. Martin Häberle vom Medi-Praxisverbund Nürtingen.

KIRCHHEIM/NÜRTINGEN Die Ärzteverbände hatten ihre Mitglieder dazu aufgerufen, ihre Praxen geschlossen zu halten, um auf diese Weise auf schlechte Arbeitsbedingungen, überbordende Bürokratie und knapp bemessene Budgets aufmerksam zu machen. "Wenn man den Gesetzentwurf liest, der von den derzeitigen Fraktionsvorsitzenden unterschrieben wurde, drängt sich der Eindruck auf, dass die Pharma-Industrie die Feder geführt hat", sagt Dr. Martin Häberle. Die Entwicklung der vergangenen Jahre unterstreiche diese Vermutung, bekräftigt Dr. Utz Blickle, ebenfalls Mitglied im Vorstand des Medi-Verbundes Nürtingen. Seit 1982 habe es fast jedes Jahr Änderungen bei den Medikamentenverordnungen gegeben. Doch weder Zuzahlungen noch die Festbetragsregelung hätten spürbare Erfolge gebracht. "Wir wissen nicht, wo das eingesparte Geld hingeht", wundert sich Dr. Blickle. Die Pharma-Industrie indes habe in all den Jahren ihre Preise erhöht.

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In ihrem Forderungs- und Maßnahmenkatalog, der bei der Protestkundgebung vergangene Woche in Sindelfingen von allen beteiligten Ärzten einstimmig verabschiedet wurde, steht der Verzicht auf die Einführung der Bonus-Malus-Regelung für die Arzneimittelverordnung an erster Stelle. Diese Regelung besagt, dass ein Arzt dann Bonus-Punkte erhalten soll, wenn er seinen Patienten möglichst wenig Medikamente oder Hilfsmittel verschreibt. Der Mediziner wird jedoch selbst zur Kasse gebeten, wenn die Verordnungen das tägliche Budget übersteigen. "Das ist haarsträubend", sagen die Ärzte.

Um die Patienten auf das Problem hinzuweisen, sind auch in Nürtingen und Kirchheim Protestmaßnahmen in Planung. Durch Stempel oder Aufdruck auf dem Rezept "Kommt Bonus-Malus, wäre dies ein Privatrezept" oder "Kommt Bonus-Malus, zahlt Ihr Arzt Ihre Medikamente" wollen die Mediziner die Öffentlichkeit voraussichtlich ab März auf die Situation aufmerksam machen.

Doch nicht nur die Budgetierung macht den Ärzten das Leben schwer. Sie wehren sich auch gegen die zunehmende Bürokratie, die ihnen vom Gesetzgeber und den Krankenkassen aufgehalst wird. "Je länger wir uns mit dem Papierkram herumschlagen müssen, desto weniger Zeit bleibt uns für Patienten", ärgert sich Dr. Häberle. Praxisgebühr, Anfragen, Formulare und Dokumentationen erhöhen den Aufwand enorm. Wenn Sprechstunden und Hausbesuche erledigt sind, folgen zusätzliche Arbeitsstunden am Schreibtisch, um die Anforderungen der Kassen zu erfüllen. Sollten die Protestmaßnahmen nicht fruchten, wollen die Ärzte zum Beispiel keine neuen Disease-Management-Programme für chronisch kranke Patienten mehr mit den Krankenkassen abschließen.

Auf der Liste der Protestmaßnahmen stehen auch ambulante Operationen, die gestrichen werden sollen. Und darüber hinaus sind erneute Praxisschließungen in der letzten Juni-Woche vorgesehen. "Das wird ein heißer Sommer", sind sich Dr. Häberle, Dr. Blickle und der Kirchheimer Urologe Dr. Robert Rudolph einig.

Die Ärzte fühlen sich bei ihrer Arbeit zunehmend im Dilemma: einerseits gibt es die von der Politik zugesagte Rundum-Versorgung in der Medizin, und auf der anderen Seite wollen die Kassen nur einen Teil des Programms bezahlen. Die Gründe für die steigenden Kosten im Gesundheitswesen sind für Dr. Häberle und seine Kollegen vielfältig. "Für einen Hartz-IV-Empfänger zahlt der Staat heute 127 Euro Krankenkassenbeitrag und da hängt dann noch die eine ganze Familie dran." In den Krankenhäusern würden die Patienten heute immer früher entlassen und die Kosten für die Weiterbehandlung hätten die Praxen zu tragen. Die demografische Entwicklung und der medizinische Fortschritt sind weitere Faktoren, die für höhere Kosten sorgen, um nur einige Beispiel zu nennen.

nz