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Die Anspannung weicht dem Gefühl: "Frei wie ein Vogel"

KIRCHHEIM Franziska Baur, 22, und Nicolas Zuber, 17, haben's geschafft. Vor acht Tagen noch waren für beide Begriffe wie Querruder, Seitenruder, Gegenanflug, Queranflug und Abfangen böhmische Dörfer. Gestern Nachmittag nun durften sowohl Franziska als auch Nicolas nach

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RICHARD UMSTADT

nur einer Woche Kompaktkurs "Von 0 auf 100" zum ersten Mal alleine Platzrunden über der Hahnweide drehen. Beide landeten so sanft, wie sie es von ihrem Fluglehrer Michael Weingart von der Fliegergruppe Wolf Hirth gelernt hatten.

Die Anspannung, die Franziska noch beim Start zu ihrem ersten Flug ohne Ausbilder ins Gesicht geschrieben stand, machte sich einer großen Erleichterung nach der Landung Raum. "Oben habe ich mich dann vollkommen frei gefühlt", beschreibt die 22-Jährige ihre Gefühle, während sie ohne Fluglehrer Michael Weingart flog. "Und bei der Landung war ich so konzentriert, dass sich gar keine anderen Gedanken breit machen konnten."

Ähnlich erging es Nicolas. "Es war ein super Gefühl", ist auch bei dem eher zurückhaltenden jungen Mann die Begeisterung herauszuhören. Was Franziska mit der Freiheit "oben" umschreibt, ist auch Nicolas Zuber nicht unbekannt und mit einem schmunzelnden Seitenblick auf seinen Fluglehrer meint er: "Niemand redet einem drein."

Doch bis es so weit ist, lässt der Fluglehrer die Zügel nicht locker. Bevor er dem Flugschüler das rund 60 000 Euro teure Schulflugzeug "Twin Astir" alleine überlässt, will er zuvor perfekte Landungen sehen. Deshalb konzentrierten sich gestern Morgen auch Simon Blum, 17, und Christian Nothdurft, 17, die weiteren Gewinner der Aktion "Von 0 auf 100", auf ihre Landungen. Simon hat 29 Starts in der Starterkladde eingetragen er musste aufgrund einer kleinen Verstauchung zwei Tage pausieren, Christian saß gestern zu seinem 40. Start im Twin Astir. Fehlt dem einen nur noch ein Quäntchen bis zum ersten Alleinflug, so ist's bei Christian der Besuch beim "Onkel Doktor", den er noch vor sich hat, denn ohne ein fliegerärztliches Tauglichkeitszeugnis darf er nicht zu seinem ersten Alleinflug starten.

Jedenfalls waren alle vier Flugschüler der Aktion "Von 0 auf 100" bereits nach einer Woche so weit, dass sie während des Fluges "alles alleine" machen konnten. Das heißt, Fluglehrer Michael Weingart musste ihnen keine Anweisungen mehr geben. Nur beim Landen, dem schwierigsten Teil des Fluges, will er ganz sicher gehen. "Die muss perfekt sitzen. Dann kann ich sie alleine fliegen lassen." So geschehen bei Nicolas und Franziska. In nur einer Woche flogen sie sich "frei", verwandelten sich von "Fußgängern" zu "Vogelmenschen" sozusagen "von 0 auf 100". Und dies war auch Sinn und Zweck der von der Fliegergruppe Wolf Hirth im Rahmen des Segelflug Grand Prix initiierten gleichnamigen Aktion. Zu beweisen, dass Segelfliegen kein Hexenwerk ist und der Himmel jedem (jungen) gesunden Menschen mit Einsatzfreude und Geschick offensteht.

Für Nicolas Zuber und Franziska Baur ist klar: Sie werden weitermachen. Der Gewinn der Aktion und ihre Mühe soll nicht umsonst gewesen sein. Heute beginnt auf der Hahnweide ein einwöchiges Fluglager, und da wollen sie mit von der Partie sein. "Seil straff und frei." Die Kommandos kennen sie zur Genüge. Ihr Segelflugzeug schießt nach vorn, gezogen vom Windenseil. Nach rund 400 Metern Höhe klinkt es automatisch aus und die Platzrunde beginnt. Sie werden über dem Talwald kreisen wie der Bussard, in den Gegenanflug gehen und nach wenigen Minuten wieder sanft auf der Grasbahn landen, um anschließend gemeinsam mit den anderen Fliegern ihren Segler zum Start zurückzuschieben. Das lautlose Segelfliegen ist ein Gemeinschaftssport. Jeder ist auf den anderen angewiesen. Dennoch oder gerade deshalb macht's Spaß. Nicolas und Franziska haben diese Erfahrung gemacht.

So hat sich für beide der Traum vom Fliegen erfüllt.