Lokales

Die Auferstehung des Herausforderers John F. Kerry

Vor fünf Jahren ist Tim Ganser von Kirchheim in die Vereinigten Staaten umgezogen. Er studiert Internationale Beziehungen und Wirtschaftswissenschaften an der University of Pennsylvania und hat dort die Stimmung vor der anstehenden Präsidentenwahl eingefangen.

KIRCHHEIM Tim Ganser, der bis zur elften Klasse das Kirchheimer Schlossgymnasium besuchte, machte seinen High-School-Abschluss an der "Choate Rosemary Hall". Mittlerweile studiert er im siebten Semster an der University of Pennsylvania in Philadelphia. Die Präsidentenwahl und das sich immer stärker abzeichnende Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Bush und Kerry ist auch unter den amerikanischen Studenten derzeit das zentrale Thema. Nachfolgend beschreibt der junge Kirchheimer die Stimmung auf dem Campus, wenige Tage vor der Wahl:

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"Als sich Anfang September die ersten Studenten nach und nach wieder auf dem Campus der University of Pennsylvania einfanden, war die bevorstehende Präsidentschaftswahl allgegenwärtig: Verschiedenste Organisationen waren tagtäglich in Philadelphia und auch auf unserem Campus bemüht, Wähler zu registrieren, besonders Studenten aus anderen Bundesstaaten, in denen der Wahlausgang schon als entschieden galt. Pennsylvania ist nämlich ein so genannter "swing state" ein Bundesstaat, in dem ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Präsident Bush und Herausforderer John Kerry vorausgesagt wird. In Pennsylvania kommt somit jeder einzelnen Stimme größte Bedeutung zu. Viele Studenten ließen sich folglich auch in Pennsylvania registrieren. Trotzdem herrschte meist eine gedrückte Stimmung, wenn die Sprache auf die bevorstehende Präsidentschaftswahl kam, da die überwiegend mit den Demokraten sympathisierenden Studenten nicht wirklich an eine Chance Kerrys glaubten.

Die Republikaner unter den Studenten waren dagegen bester Dinge und absolut davon überzeugt, dass George W. Bush, den sie als entscheidungsstark charakterisierten, dem angeblichen Wendehals Kerry im November weit überlegen sein würde. Die Oberhäupter der "College Republicans", der Studentenorganisation der Republikaner, hatten im Sommer einer Lokalzeitschrift ein großes Interview gegeben, in dem sie sich damit brüsteten, dass sie bis zur Wahl am 2. November rund um die Uhr Mitglieder auf dem Locust Walk, der Hauptverkehrsader der Universität, haben würden. So wollten sie tatkräftig zu Präsident Bushs Wiederwahl beitragen.

Aber dann kam alles doch ganz anders. Trotz der vollmundigen Ankündigungen, war von den "College Republicans" wenig zu sehen. Die "College Democrats" hingegen, die als Vertreter des Campus-Mainstreams gemeinhin als weniger engagiert gelten, machten von Anfang an deutlich, dass sie nicht kampflos aufgeben würden. Sie waren unermüdlich bemüht, mit Flugzetteln und Plakaten Optimismus zu verbreiten und Geld für Kerrys Kampagne zu sammeln. Zwei Wochen nach Studienbeginn gelang ihnen dann ein großer Coup mit der Ankündigung, dass Kerry eine Rede an unserer Universität halten würde. Am Freitag, 24. September, jubelten dann tausende von Studenten und Anwohnern John Kerry zu, als er eine engagierte Rede hielt und George W. Bush scharf attackierte. Die Studenten erlebten John Kerry als einen kämpferischen Kandidaten, der sich nicht scheute, hart mit Bush ins Gericht zu gehen.

Der zarte Funke Hoffnung unter den Kerry-Anhängern entwickelte sich dann durch die erste Präsidentschaftsdebatte in der darauf folgenden Woche zu einer ansehnlichen Flamme. Die Stimmung auf dem Campus war innerhalb eines Monates komplett umgeschlagen. Kerry hatte sich als ein mehr denn ebenbürtiger Herausforderer des Präsidenten erwiesen und die Angriffe der Republikaner entschieden zurückgewiesen.

Das Wichtigste in einem medienbewussten Land wie den USA war, dass Kerry "presidential" gewirkt hatte; sein Auftreten war eines Präsidenten würdig gewesen, was man von Bush nicht gerade behaupten konnte. Republikanische Studenten versuchten zwar den Erfolg Kerrys in der Debatte als Strohfeuer herunterzuspielen, doch sie waren spürbar unsicher geworden. Bush war nicht mehr unangreifbar und Kerry schloss in den Umfragen wieder zu ihm auf. Auch in den weiteren Debatten konnte Bush bekanntermaßen den verlorenen Boden nicht wiedergutmachen.

Der aktuelle Gemütszustand auf dem Campus wird sehr schön widergespiegelt in einem Bild, das sich mir letzte Woche eingeprägt hat: Keine zweihundert Meter voneinander entfernt hatten die "College Republicans" und die "College Democrats" ihre Stände aufgebaut, um Freiwillige zu rekrutieren, die auf der Zielgeraden nochmals Werbung machen für den jeweiligen Kandidaten. Die "College Democrats" waren engagiert bei der Sache, vergaßen darüber jedoch nicht ihren Humor, sondern alberten auch ein wenig herum. Die "College Republicans" hingegen machten einen verbissenen Eindruck, der in einem Plakat gipfelte, welches die Aufschrift trug: "Volunteers $ 50 per day plus your meals." "Freiwillige $ 50 pro Tag plus Verpflegung." Die Unsicherheit muss schon sehr groß sein, um zu der Maßnahme zu greifen, Freiwillige zu bezahlen, was ja ein Widerspruch in sich ist. Die Republikaner haben somit lernen müssen, wie schnell Übermut in Unsicherheit umschlagen kann. Die Demokraten, und auch alle anderen, die einen Regierungswechsel wünschen, haben dagegen endlich wieder Anlass zur Freude. Zwar wissen sie, dass der Wahlausgang noch komplett offen ist, aber das ist immerhin schon ein Fortschritt."

tg