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"Die Ausrottung der Haie ist in vollem Gange"

Um mehr Verständnis für den Angstmacher Nummer eins unter den Tauchern, den Hai, warb der Präsident der Internationalen Haischutzorganisation Sharkproject, in der Holzmadener Gemeindehalle.

DANIELA HAUSSMANN

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HOLZMADEN Kuscheltiere sind Haie gewiss nicht. Doch sind sie auch weit davon entfernt, jene gefräßigen Räuber zu sein, für die sie oft gehalten werden. Global gesehen, sterben jährlich rund 200 Millionen Tiere durch Menschenhand oder anders ausgedrückt: Täglich lassen etwa 500 000 Haie ihr Leben, erklärt Gerhard Wegner, Präsident der internationalen Haischutzorganisation Sharkproject, der die ungeliebten Meeresbewohner nicht allein dem Auditorium in der Gemeindehalle Holzmaden näher bringen möchte, sondern einer breiten Öffentlichkeit.

Im Rahmen der Hai-Sonderausstellung "Hybodus, ein Jäger der Jurazeit" im Urweltmuseum Hauff, hielt der Experte einen dreistündigen Vortrag, an dessen Anfang ihm Museumsleiter Rolf Hauff einen Scheck über 1 500 Euro überreichte, der dem Schutz der Haie zugute kommt.

Was zuvor in der Runde kaum einer für möglich hielt, macht der Vortrag mehr als deutlich: Der Mensch gehört nicht ins Beuteschema des gejagten Jägers. Da kann es vorkommen, dass der Hai den Besucher in seinem Lebensraum auskundschaftet. Schließlich gehört die Neugierde zum Grundnaturell des Tieres. In solchen Fällen kann es auch zum Körperkontakt kommen. Allerdings, nicht um die Zähne ins Fleisch des Tauchers zu stoßen und gleichsam Stücke herauszureißen, wie Hollywood-Streifen oder Medien oft glauben machen. Der Fachmann unterscheidet hier den so genannten Gaumenbiss, mit dem der Hai das vermeintliche Opfer lediglich festhält, um zu testen, ob es eine geeignete Beute ist.

Begegnungen dieser Art werden vom Menschen viel zu oft falsch interpretiert. Er fängt an, um sich zu schlagen und versucht den Arm aus dem Maul zu reißen und trennt sich dabei das Gliedmaß selbst ab, klärt der Fachmann, der seit 30 Jahren mit den Tieren taucht, die überraschten Zuhörer auf. Um genau das zu vermeiden, kommt es auf das richtige Verhalten an. Deshalb sollten Taucher so wenig wie möglich mit Flossen und Armen rudern, wenn sie den Hai nicht anlocken wollen. Hier ist es am besten, ohne große Bewegungen nach unten zu sinken.

Weder Aggression noch Gewalt zeigen die mehr als 50 Filmsequenzen und 300 Ablichtungen, die bei Wegners Arbeit mit den schutzbedürftigen Angstmachern unter Wasser entstanden sind. Weltweit gibt es pro Jahr zwischen 60 bis 100 Unfälle mit Haien, wovon lediglich fünf tödlich enden, betont der Experte.

Das Risiko, Opfer eines Haiangriffs zu werden, liegt bei eins zu 200 Millionen, bei so einem Angriff getötet zu werden, bei eins zu zwei Milliarden. Wegner: "Im Vergleich dazu ist mit eins zu 1,2 Millionen die Wahrscheinlichkeit größer, dass Sie vom Blitz getroffen werden".

Doch weshalb ist das Ansehen der Tiere in der Regel ein kriminalisiertes und woher rührt die Angst des Menschen, die nach Ansicht Wegners in ihrer panischen Ausprägung unbegründet ist? Ständige Wiederholungen in der Berichterstattung über Hai-Angriffe schaffen die Annahme, dass es viel zu viele Haie gäbe. Die Zahl der Meldungen, oftmals über ein und denselben Fall, der permanent neu aufgerollt wird, wird in der Öffentlichkeit selektiv mit dem Aufkommen des Hais gleichgesetzt, erklärt Gerhard Wegner.

Fakt ist aber, dass allein an der Ostküste der USA die Hai-Bestände durch die Fischerei um bis zu 89 Prozent zurückgegangen sind. Forscher melden, dass die Population von ozeanischen Weißspitzenhaien sogar um 99 Prozent abgesunken ist.

Neben dieser anerzogenen Angst durch Medien oder Selbsterfahrung, gibt es noch eine genetisch bedingte Grundangst beispielsweise vor spitzen Zähnen, Dunkelheit oder Tiefe. Und genau diese Aspekte einer vorhandenen Furcht bedient der verkannte Jäger mit seinem Gebiss und seinem Lebensraum unfreiwillig vorbildlich. "Unsere Abwehr gegen das Tier ist eine, die im Kopf entsteht durch nicht vorhandene Informationen", fährt Wegner fort. Es geht darum, die Körpersprache des Hais zu verstehen und entsprechend das eigene Verhalten darauf einzustellen. Gleichzeitig spielt auch das Verständnis für seinen Lebensraum eine große Rolle.

Die Ausrottung der Haie ist in vollem Gange, aber sie geschieht im Verborgenen, unbemerkt von der Öffentlichkeit. Das Finning, bei dem den Tieren bei lebendigem Leib die Flossen abgeschnitten und sie anschließend ins Wasser zurückgeworfen werden, wo sie kläglich verenden, ist zu einem globalen Milliardenmarkt avanciert. Hier werden höhere Gewinnspannen erzielt als beim Rauschgifthandel, so die erschütternde Botschaft Wegners. Das blutige Geschäft dieser Hai-Mafia ist wesentlich für den Ausverkauf der Weltmeere verantwortlich. Allein 1991 wurden 8,3 Millionen Haie gefangen. 203 000 Tonnen wurden weggeworfen, das sind 87 Prozent. Nur 23 Prozent ihres Fleisches wurden damit verwertet, wie Haischützer verlauten lassen. "In zehn Jahren sind diese Tiere ausgestorben", zieht Wegner eine ernüchternde Bilanz.