Lokales

Die Autorin verbiegt sich nicht

Uta-Maria Heim stellte in Kirchheim ihr Buch „Totenkuss“ vor

Kirchheim. Romane mit regionalem Bezug und deutlich hörbaren dialektalen Einfärbungen liegen voll im Trend. Jeder Boom birgt aber auch

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Wolf-Dieter Truppat

die Gefahr in sich, dass Masse und Klasse sich im großen Haifischbecken eines konkurrierenden Angebots munter vermischen. Die „Alphatiere“ sind dann gar nicht mehr so leicht auf den ersten Blick zu erkennen. Zusätzliche Aufkleber können da hilfreich sein – oder Einladungen zu Lesungen. Uta-Maria Heim, die sich am Freitagabend in der Buchhandlung Margot Schieferle vorstellte, erhielt unter anderem 1992 und 1994 den Deutschen Krimi-Preis, 1994 den Förderpreis Literatur des Kunstpreises Berlin und im Jahr 2000 den renommierten Friedrich-Glauser-Preis für den besten Kriminalroman. Im vergangenen Jahr stand sie mit ihrem Kriminalroman „Wespennest“ zwei Monate lang auf der KrimiWelt-Bestenliste von Arte.

Margot Schieferle attestierte der unkonventionellen Erzählerin ein großartiges Talent dafür, durch ihre perfekt beherrschten sprachlichen Mittel Landschaften und Personen gleichermaßen gekonnt wie in Kameraschwenks aus unterschiedlichsten Perspektiven darzustellen. Dadurch entstehen facettenreiche, konturenscharfe und in sich stimmige Bilder, die sich ergänzen, Spannung transportieren und ein interessantes Gesamtbild einer Region und der darin lebenden Menschen zeichnen.

Die in Schramberg im Schwarzwald geborene und heute als Hörspieldramaturgin und Autorin in Baden-Baden und Schorndorf lebende Uta-Maria Heim macht es dabei den Lesern nicht leicht, wenn es darum geht, sich im Wechsel der hart ineinander geschnittenen Bilder immer sofort zurechtzufinden. Alles aus derselben Perspektive erzählt zu bekommen, „nervt“ die Autorin, und darum will sie es anders und vielleicht besser machen. Aktive Mitarbeit wird ihr dabei auch selbst abverlangt, denn auch sie wird immer wieder überrascht von der Eigendynamik, die Bilder und Personen zuweilen entwickeln. Uta-Maria Heim ist sich bewusst, dass sie sich auch selbst mit „brudal viel Personal“ fordert. Ihre eingeschworene Fangemeinde und offensichtlich auch viele Juroren wären aber sicher enttäuscht, wenn die Autorin sich plötzlich stromlinienförmig treiben ließe, um damit vielleicht rasch noch höhere Auflagenzahlen zu erreichen. Man glaubt es der Journalistin und studierten Geisteswissenschaftlerin, dass ihr nicht das Verkaufen wichtig ist, sondern die Herausforderung und die daraus resultierende Spannung für ihre Leser und für sich selbst.

Ein Verleger machte ihr bei einer Lesung einmal deutlich, dass er „Das Rattenprinzip“ eigentlich für ein außerordentlich gut gelungenes Buch halte, sich aber eine eindeutigere Auflösung der Krimihandlung gewünscht hätte. Uta-Maria Heim versprach ihm spontan, dort noch einmal aufzusetzen, wo sie 1991 ausgestiegen war, um für eine Neuausgabe das Ende klarer zu fassen – und gleich auch einen Folgeband zu schreiben.

Auch was sie „nur“ in einer Kneipe verspreche, halte sie ein, bestätigte die Autorin. „Dreckskind“, „Totschweigen“ und „Wespennest“ vervollständigen inzwischen die im Gmeiner Verlag in Meßkirch erschienene Reihe, zu der neben dem „Rattenprinzip“ nun auch noch der finale „Totenkuss“ gehört. Für Charaktere wie den jetzt 86-jährigen „roten Karle“, den letzten Kommunisten, der seine Meinung nie geändert hat, seine dominante, alles besser wissende Schwester Rosa, für den blendend aussehenden Kriminalhauptkommissar Timo Fehrle, der natürlich den Fall seines Lebens lösen möchte, und für die der Autorin und dem Kommissar „gar nicht sympathische“ LKA-Ermittlerin Anita Wolkenstein ist die Zeit abgelaufen und ein Ende der sie verbindenden Konflikte klar vorgegeben.

Zwischenmenschliche Dinge sind es, die Uta-Maria Heim ganz besonders interessieren und deshalb schaut sie auch darauf, warum Menschen sich so unterschiedlich entwickeln und bei vielen Gemeinsamkeiten und vergleichbaren Voraussetzungen zu Tätern, Opfern oder Ermittlern werden. Gerade diese differenzierten Betrachtungen des Lebens in der Provinz und der vielfältigen Verbindungen und Beziehungen zwischen den Menschen heben die geradezu soziologischen Studien auf eine ganz andere Stufe als kurzatmige Regionalkrimis. Der unsentimentale Abschied der Reihe, die sich aus lebensnahem Alltagspersonal rekrutiert, ist erstaunlich. Am Ende ihrer so selbstkritischen wie aufschlussreichen Wertung des eigenen Schaffens, das in höchsten Tönen gelobt wird, ihr selbst aber oft zu chaotisch, zu spontan und zu wenig geplant und konzipiert erscheint, stellte Uta-Maria Heim lapidar fest: „Wer sich jetzt noch traut, kann auch noch eines der Bücher kaufen“.

Dank ihres „Brotberufs“ als Hörfunkdramaturgin ist es der Autorin möglich, sich den unbezahlbaren Luxus zu leisten, Kriminalromane zu schreiben, ohne sich verbiegen und allzu sehr um Verkaufszahlen kümmern zu müssen. Uta-Maria Heim reichte es in Kirchheim vollkommen, Neugierde für ihre Akteure zu wecken, die jetzt allesamt abtreten. Ihr zuvor gemachter Vorschlag, eventuell eines der Bücher auszuleihen oder untereinander zu tauschen, ging Margot Schieferle dann aber doch etwas zu weit.