Lokales

"Die Bands erzählen was von Jesus"

OWEN Backstage-Manager Michael Rieke hat einen weichen, festen Händedruck, trägt einen Zopf und hat tiefe Lachfalten um die Augen. Er sitzt am Tisch im VIP-Raum, und vor

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MARTIN GEHRING

ihm steht eine unberührte Obstschale, aus der sich hungrige Musiker bedienen sollen. Durch die Wände wummert ein Schlagzeug nebenan ist die Band Freequenzy am Soundcheck.

In rund 90 Minuten geht die Owener Rocknacht los, eins der größten christlichen Rockkonzerte in Deutschland, wieder einmal. Dann wird sich zeigen, ob Micha seinen Job gut gemacht hat. 2005 ist seine siebzehnte Rocknacht, nur einmal, vor vier Jahren, hat er ausgesetzt. "Da war ich auf Mauritius", entschuldigt er sich lachend. Heute schaut er wieder danach, dass die Bands zufrieden an den Start gehen. Über die Technik muss er sich nicht sorgen, die funktioniert nach etwa siebenstündigem Soundcheck tadellos. Jochen am Mischer kann zufrieden sein bombastischer Sound und tolle Lichteffekte sind garantiert.

18 Jahre Rocknacht: Das Konzert ist genau so alt wie Katharina und Friedericke. Die Mädels vom CVJM helfen dieses Jahr mit, dass der Getränkeverkauf reibungslos über die Bühne geht. Schließlich muss nicht nur in Sachen Musik alles glatt gehen: Über 180 Helfer besetzen die verschiedenen Positionen im Rocknacht-Team. Die Rocknacht wird volljährig und auch die Helfer wachsen Jahr für Jahr in ihre Aufgaben hinein. Bei ihrem ersten Einsatz, erzählt ein Mädel aus dem Owener Jugendkreis, hat sie noch Pfannkuchen gebacken. Die konnte sie dann ein ganzes Jahr lang nicht mehr sehen, aber jetzt ist sie wieder dabei. Also muss die Sache einfach Spaß ma-chen.

Jetzt strömen die Besucher in die Halle. Die meisten kommen aus der Gegend, aber viele sind auch von außerhalb angereist. Im Restroom sitzt sogar eine Jugendgruppe aus den USA. Deutsch verstehen sie nicht aber bis auf die diesjährigen Grand-Prix-Teilnehmer "Allee der Kosmonauten", die noch den dritten Platz beim Eurovision Song Contest geholt haben, singen sowieso alle Bands im Line-Up Englisch, so auch "Phloxx", "Seeker's Planet" und "Disciple".

Schon kurz nach der Rocknacht vergangenes Jahr ging das große Planen los, um alle Bands an den Start zu bekommen, erzählt Rainer Schmid. Er ist seit achtzehn Jahren ohne Unterbrechung im Rocknacht-Team aktiv. Nach der fünften Rocknacht war er im fünfköpfigen Planungsteam für den Bühnenaufbau verantwortlich, danach kümmerte er sich darum, jedes Jahr aufs Neue die Helfer zu rekrutieren. Welche Bands sollen das nächste Mal dabei sein? Das ist die Frage, die am Anfang aller Planungen steht. "Die Hauptplanung geht dann im Herbst los", erläutert Rainer. Dann werden die Bands angeschrieben. Besonders schwierig ist, die Hauptacts aus den USA zu verpflichten. "Wenn die vor Ort eine alternative Auftrittsmöglichkeit bekommen, spielen sie meistens lieber dort", verrät Rainer. Wahrscheinlich liegt es am Geld, denn schließlich ist das Budget der Owener Rocknacht nicht grenzenlos. Bleiben in einem Jahr einmal die erhofften Besucherströme aus, muss von den Rücklagen gezehrt werden. Überdies müssen die laufenden Kosten vorgeschossen werden.

Die verantwortlichen Planer sind allesamt alte Hasen man kennt die Leute, die man ansprechen muss, verrät Rainer. Was in der Küche dieses Jahr gebraucht wird Peanuts für den Mitarbeiter. Viele Partner kommen dem Team im Preis entgegen, oft wird sogar kostenlos weitergeholfen. "Ansonsten könnten wir das Konzert in dieser Preisklasse gar nicht veranstalten", gibt Rainer zu bedenken. Die Zuschauer freuen sich jedenfalls, dass die Karten nur 15 Euro kosten. Die vielen ehrenamtlichen Helfer werden etwa sechs Wochen vor der Rocknacht angesprochen. Jeder kann seine Talente einbringen. "Manchen macht es Spaß, den Leuten etwas zu verkaufen, etwa Getränke", erklärt Rainer. Andere organisieren lieber, managen etwas oder machen lieber was am Computer.

Im VIP-Raum links von der Haupt-bühne haben sich die ersten Musiker zusammengefunden. Shakehands, man kennt sich in der Szene. Das Warten auf den Auftritt zieht sich hin, aber man gibt sich locker. Draußen auf dem Gang kommt Martin, Bassist von "Freequenzy", aus dem WC und gibt einen Stoßseufzer von sich. Zumindest er ist ganz schön aufgeregt. Vor so vielen Menschen hat er noch nie gespielt, erzählt Martin. Jetzt gibt's kein zurück mehr, seine Band muss raus auf die Bühne.

"Seid ihr heiß auf die Rocknacht?" Tausend Kehlen rufen dem Ansager auf der Showbühne mit der großen Lichtanlage ihr einhelliges Ja! zu. Pünktlich um fünf Uhr nimmt die Sache ihren Lauf. Die nächsten 20 Minuten gehören "Freequenzy". Um 18 Uhr sitzen die Bandmitglieder wieder im VIP-Room beim Maulta-schen-Essen. Nur Sängerin Sike nicht, die kommt einfach nicht um den Kartoffelsalat herum, den das Küchenteam angerichtet hat. Manöverkritik: Alle freuen sich, dass der Stimmungsfunke übergesprungen ist und sie die Halle gerockt haben. Nur Sänger Jo gibt sich kritisch: "Musikalisch hätten wir noch besser sein können" den Einsatz eines Songs haben die Sechs nämlich vergeigt.

Währenddessen wirbelt Sängerin Mimi von der Band "Phloxx" über die Bühne: Erste Bewährungsprobe für die Security-Crew am brusthohen Ei-sengitter, das Musiker und Publikum voneinander trennt. Ganz vorne haben sich die Headbanger eingefunden. Bei den knallharten Gitarren-Riffs von "Phloxx" gehen sie so richtig ab. In der Halle ist es heiß wie in einer Sauna. "Da kann einem schon mal schummrig werden", weiß Nico. In großen Lettern steht Security auf seinem schwarzen T-Shirt. "Besonders die Mädels kippen öfter mal um" sie zieht Nico freilich besonders gerne in den Sicherheitsbe-reich hinein. Doch wenn er der Menge dann einmal eine hilfebedürftige junge Frau entrissen hat, muss er sie bei den Leuten vom Roten Kreuz abgeben.

Eine rote Liste hängt im VIP-Room, auf der die Auftrittszeiten der Bands penibel festgehalten sind. Stage-Manager Micha ist nervös: Die Band "Seeker's Planet" muss gleich auftreten, aber die Jungs aus Kroatien sind noch nicht da. "Die wollten nicht schon gestern anreisen", erklärt Micha. "Da sind sie heute Morgen um fünf losgefahren." Um 19 Uhr sollen sie die Halle rocken, aber sie stehen seit 30 Minuten bei München im Stau. Die Bands, die vorher dran sind, freuen sich: Sie dürfen etwas länger spielen. "Die schlimmsten zehn Minuten des Konzerts", sagt Micha später, als er wieder ganz entspannt ist und alle Musiker in der Halle weiß. Auch "Seeker's Planet" hat es schließlich auf den letzten Drücker geschafft.

Während später die US-Band "Disciple" noch die Halle rockt, durchstöbern Musik-Fans die CD-Tische im Merchandising-Bereich. Das große Geld wird auf der Owener Rocknacht trotzdem nicht gescheffelt. Grund genug, nach den Motiven der Veranstalter zu fragen. "Wir bieten christlichen Bands die Möglichkeit, vor großem Publikum aufzutreten", erklärt Rainer Schmid vom Pla-nungsteam. "Unser Ziel ist es, Leute einzuladen, damit ihnen die Bands etwas von Jesus erzählen, etwa in ihren Ansagen. Ich finde, das ist eine gute Gelegenheit, um über ein solches Konzert Menschen anzusprechen, die sonst vielleicht nie in eine Kirche gehen und nie etwas von der Botschaft von Jesus hören würden", so Rainer Schmid.

Kurz nach halb eins: Klatschnasse Leiber schieben sich durch die Türen der Teckhalle nach draußen. Die Rocknacht ist vorbei zumindest für dieses Jahr.