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"Die beste Bildung bringt nichts, wenn man sich nicht ausdrücken kann"

KIRCHHEIM "Sollen Kinder bereits im Kindergarten lesen und schreiben lernen?" Diese Frage war

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CHRISTIANE BRENNER

Gegenstand der ersten Finalrunde, die von vier Jungs im Rahmen des Wettbewerbs "Jugend debattiert" am Donnerstag in der Aula der Freihof-Realschule in Kirchheim bestritten wurde.

Mike Döbler vom Hölderlin-Gymnasium in Nürtingen sowie Martin Richter, der die Friedrich-Schiller-Schule Neuhausen vertrat, argumentierten zunächst dafür. Beispielsweise seien "Kinder im Alter von drei bis fünf sehr aufnahmefähig". Fabian Weiss von der Freihof-Realschule Kirchheim, der von seinen Mitschülern mit frenetischem Beifall begrüsst wurde, und Matthias Schmidtblaicher vom Hölderlin-Gymnasium sprachen sich dagegen aus. Unter anderem, da dafür zunächst eine "Kindergartenpflicht eingeführt werden" müsse und "erst einmal andere wichtige Dinge gelernt werden müssen, wie zum Beispiel der Umgang miteinander".

Obwohl die Schüler der Klassenstufe acht bis zehn "verdammt aufgeregt" waren, wie sie nachher zugaben, argumentierten sie ruhig und sachlich und es machte Spass, ihnen zuzuhören. Carla Bregenzer, als SPD-Landtagsabgeordnete unter den Zuschauern, zeigte sich angesichts der Aktualität des gewählten Themas begeistert. Auch in ihrer Fraktion werde momentan die Diskussion über eine bessere Schulvorbereitung der Kinder geführt, "gerade jetzt am Dienstag haben wir heftig darüber gestritten". Sie lobte, dass die Debattanten sämtliche Argumente angeführt hätten, die auch in ihrer Fraktion besprochen worden seien.

Der Sieger der ersten Finalrunde, Mike Döbler, änderte zum Schluss der Debatte seine Meinung. Er ließ sich von den Argumenten der anderen überzeugen, dass enorme Kosten entstünden, da beispielsweise "das Umschulen der Kindergärtnerinnen viel Aufwand bedeutet".

Die Jury hatte sich mit der Entscheidung schwer getan. Ihre lange Beratung hatte zur Folge, dass eine große Pause entstand, in der die Anwesenden in Gespräche vertieft wurden und dem Bläserchor der Freihof-Realschule zunächst nicht die gewünschte Aufmerksamkeit zuteil werden konnte. Der Rektor der Realschule, Eberhard Schweizer, erklärte stolz, dass die jungen Musikerinnen "erst seit einem Jahr statt der normalen Musikstunden Unterricht am Blasinstrument erhalten". Mit "La Cucaracha" und einer aufmerksameren Zuhörerschaft rundeten sie ihr Programm ab.

In der zweiten Finalrunde, die der Jahrgangsstufe der Klassen 11 bis 13 vorbehalten war, debattierten Florian Bauer, Mario Gollinger und Fabian Willeke vom Hölderlin-Gymnasium wiederum nur Jungs, allerdings durch einen krankheitsbedingten Ausfall nur zu dritt. Die Schüler warfen sich bei der Frage, ob das aktive Wahlrecht bei allen allgemeinen Wahlen auf 16 Jahre gesenkt werden sollte, gekonnt die "Debattierbälle" zu. Mario Göllinger, der sehr engagiert bei der Sache war und aus dieser Finalrunde als Sieger hervorging, befürwortete deutlich, dass Jugendliche schon mit 16 wählen sollten. Er räumte aber die Richtigkeit der Argumente der "Gegenseite" ein, dass nämlich dafür "an Schulen eine größere politische Aufklärung vonnöten sei".

Faktenwissen und Disziplin der Schüler waren beeindruckend. Auch der CDU-Landtagsabgeordnete Zimmermann war voll des Lobs. "Fantastisch, toll", meinte er und bemerkte, dass es ihn "echt freue, dass junge Menschen so klare Sätze bilden können." Denn, wie er pointiert weiter deutlich machte, "bringt die beste Bildung nichts, wenn man sich nicht ausdrücken kann." Daher sähe er es als Ziel an, das "Debattieren in den laufenden Unterricht einzubauen".

Der Wettbewerb "Jugend debattiert" stellt einen "Zugewinn für die Sprachkompetenz" dar. Die Hertie-Stiftung, die das Projekt duchführt und bundesweit gemeinsam mit der Stiftung Mercator, der Heinz-Nixdorf-Stiftung und der Robert-Bosch-Stiftung finanziert, hat signalisiert, dass auch im nächsten Jahr wieder debattiert werden darf, da das Projekt so erfolgreich ist. Im Schuljahr 2004/05 nehmen bundesweit 40 000 Schüler von 400 Schulen in 134 Schulverbünden daran teil, sowie 1 200 Lehrer, die eigens dafür ein spezielles Training erhalten.

Rektor Eberhard Schweizer, der den Wettbewerb mit freundlichen Worten begleitete, überbrachte den Finalisten stellvertretend für die auf Grund einer Sitzungsrunde in Berlin verhinderten Bundestagsabgeordneten eine Einladung nach Berlin und wünschte den Siegern für die nächste Runde auf Landesebene viel Glück. Und für Bärbel Kehl-Maurer, die als Schulverbundkoordinatorin Dreh- und Angelpunkt der gesamten Organisation ist, gab es zum Schluss noch eine schöne Überraschung: Mirjam Hendrix vom Hölderlin-Gymnasium, das anstelle des Esslinger Theodor-Heuss-Gymnasiums nun "dritte Schule im Bunde" ist, überreichte ihr mit einem Dankeschön für die herzliche Aufnahme im Schulverbund Kirchheim ein Blumensträußchen.

Die Teilnehmer, die als Verbesserungsvorschlag den Wunsch nach einer Jury äußerten, die "aus Vertretern aller beteiligten Schulen" bestehe, waren sich einig: "Es hat Spaß gemacht."