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Die Bestnote im Projektfach ist eine Lehrstelle

"Es gibt in jeder Klasse zahlreiche Schüler, die bei der Berufswahl alleingelassen werden" so schildert Rainer Schlipf von der Grund- und Hauptschule Jesingen ein großes gesellschaftliches Problem. Mögliche Abhilfe bietet jetzt die Kirchheimer Volkshochschule, die in Jesingen sowie an der Alleenschule ein EU-Projekt "zur Förderung der Ausbildungsreife" gestartet hat.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Mittel des baden-württembergischen Wirtschaftsministeriums und des Europäischen Sozialfonds fließen in das Projekt, durch das die Volkshochschule den Achtklässlern der Alleenschule und der Jesinger Grund- und Hauptschule über ein ganzes Schuljahr hinweg sozialpädagogische Betreuung anbieten kann, mit dem Ziel der Berufsorientierung und möglichst auch der Berufsfindung. Die Alleenschüler profitieren gleich doppelt von diesen Fördergeldern: Der Jugendmigrationsdienst, der sich hauptsächlich um junge Spätaussiedler kümmert, hat dasselbe Projekt an drei Schwerpunktschulen im Altkreis Nürtingen eingerichtet. Dazu gehört auch die Kirchheimer Alleenschule in diesem Fall die Neuntklässler.

Den Unterschied zwischen achter und neunter Hauptschulklasse hinsichtlich der Berufswahl bringt Dieter Kranz vom Jugendmigrationsdienst in Nürtingen in wenigen Worten auf den Punkt: "In der neunten Klasse wird es ganz konkret, da gibt es nicht mehr viel auszuprobieren." Sein Kollege Jörg Kluge sieht den Vorteil, als Fachkraft von außen mit den Schülern arbeiten zu können, darin, dass er unvoreingenommen auf die einzelnen zugehen kann: "Da gibt es welche, die bringen in der Schule nicht viel, sind aber praktisch sehr begabt", hat er seit Schuljahresbeginn im Rahmen seiner Tätigkeit an der Kirchheimer Jahnstraße bereits festgestellt. Ergebnis seiner Bestandsaufnahme: "Hier an der Schule sind viele kreative Fähigkeiten vorhanden. Die muss man aktivieren."

Zum Aktivieren kommen die Berufswahlexperten von außerhalb in die Klassenzimmer. Sibylle Schober, die über den Projektträger Volkshochschule regelmäßig für zwei Schulstunden pro Woche die achten Klassen der Alleenschule besucht, leistet zwar auch einiges an konkreter Hilfe in Einzelfällen, versteht ihre Aufgabe aber vor allem dahingehend, dass sie Hilfe zur Selbsthilfe gibt. Telefontraining, Bewerbungsgespräche in Form von Rollenspielen, Anleitungen zum Schreiben von Bewerbungen das sind Elemente der Arbeit im gesamten Klassenverband, die Sibylle Schober als "Ergänzung zum Unterricht" betrachtet.

Außerdem stehen die Volkshochschulmitarbeiter in engem Kontakt mit der Berufsberatung der Arbeitsagentur sowie mit verschiedenen Firmen, die Praktikums- oder gar Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen. Sibylle Schober: "Wir haken auch nach, warum es eine Ablehnung gab. Das Feedback aus dem Unternehmen können wir dann direkt an die Betroffenen weitergeben und ihnen beispielsweise sagen: ,Du musst eben eine saubere Jeans anziehen zum Vorstellungsgespräch.'" Für bedarfsorientierte Aufgaben wie Einzelgespräche mit Schülern, Betrieben oder Berufsberatern hat Sibylle Schober ein Zeitkontingent von drei zusätzlichen halben Tagen.

Für Rose König, die Leiterin des Fachbereichs Berufliche Bildung an der Kirchheimer Volkshochschule, besteht genau darin die wesentliche Unterstützung, die Schulen und Lehrer durch das Projekt bekommen: "Der Zeitfaktor ist ein großer Vorteil. Wir fungieren auch als Türöffner bei den Betrieben und leisten Überzeugungsarbeit. Dabei können wir einen großen Anteil unserer Zeit einbringen." Sybille Ritter, Klassenlehrerin an der Alleenschule, bestätigt diese Aussage aus ihrer eigenen Erfahrung: "Wir sind froh über jeden, der uns die Einzelbetreuung abnehmen kann." Bewerbungsschreiben und Lebensläufe von mehr als 25 Schülern vielfach durchzulesen, das lasse sich nicht nebenher aus dem Ärmel schütteln.

Uwe Häfele, Schulleiter der Alleenschule, betont, dass mit dem Projekt zur Förderung der Ausbildungsreife und Verbesserung des Übergangs von der Schule in die Ausbildung keinesfalls das Rad neu erfunden werde. Berufswahlförderung und Orientierung in Berufsfeldern gehörten schon lange zum festen Bestandteil der Hauptschularbeit in den Klassen acht und neun. Auch die Kooperation mit Arbeitsagentur und Betrieben werde an den Schulen gepflegt. "Ich schätze den engagierten Einsatz meiner Kollegen über Jahre hinweg", sagt Uwe Häfele, der den Vorteil des neuen Projekts folgendermaßen umschreibt: "Wir bereichern unser Netzwerk um eine weitere Masche."

Wie so oft, bleibt auch bei der Berufsfindung eine traditionelle Aufgabe der Eltern zunehmend an der Schule hängen. So stellt der Jesinger Lehrer Rainer Schlipf fest: "Wo Eltern hinter den Kindern stehen, klappt es in der Regel auch. Andere aber sind allein gelassen und scheitern oft." Dabei sieht Wolfgang Girsch, der an der GHS Jesingen für das Projekt zuständig ist, durchaus Chancen für die Jugendlichen speziell in den klassischen Ausbildungsberufen in Handwerk und Einzelhandel. Die typische Schülerfrage hat er schon oft gehört. "Kriegen wir bei Ihnen auch eine Note?" Seine Antwort für diejenigen, die erfolgreich an seinem "Unterricht" teilnehmen wollen, ist kurz und eindeutig: "Ja, die Lehrstelle."

Fraglich bleibt indessen, ob das Projekt über das Stadium einer Eintagsfliege hinauskommt. Rose König schildert das Dilemma: "Anfangs sollte es auf jeden Fall bis 2008 laufen. Jetzt gibt es aber so viele Antragsteller, dass die Mittel bereits erschöpft sind."