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"Die Bibel ist das Buch der Bücher"

KIRCHHEIM Auf Einladung des Literaturbeirats der Stadt konnten sich interessierte Besucher nach dem dazugehörenden Glockenläuten sowohl in der Martinskirche als auch

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ULRICH STAEHLE

im Max-Eyth-Haus eingehend mit der Bibel beschäftigen. Joachim Bark, Professor für neuere deutsche Literatur an der Universität Stuttgart, referierte in Kirchheim zum Thema "Die Bibel als Literatur".

Dieses Thema klingt recht harmlos. Doch das, was Joachim Bark bot, den einige Zuhörer schon von seinem lebendigen Vortrag im vergangenen Jahr über Heinrich Heine her kannten, erforderte die volle Konzentration der dicht gedrängten Zuhörerschaft.

Im Zentrum seiner Ausführungen stand die Geschichte von der Opferung Isaaks (1. Mose 22). Der Zugriff des Literaturwissenschaftlers und Theologen Joachim Bark war vielschichtig: kulturgeschichtlich, soziologisch, literaturgeschichtlich, poetologisch, theologisch . . .

Betrachtet man die Geschichte der Opferung Isaaks in ihrem Erzählzusammenhang, so stellt sich heraus, wie kunstvoll sie verflochten ist. Vorausgegangen sind die Geschichten um Abraham, seine Heimatsuche und sein Kummer wegen der Unfruchtbarkeit seiner Frau Sarah. Ausgerechnet diesem alten Ehepaar wird die Verheißung zuteil, in einem neuen Land Spross zahlreicher Nachkommen zu werden.

Die Aufforderung Gottes, sein einziges Kind, das sich endlich einstellte, zu opfern, führt eigentlich Gottes eigene Verheißung ad absurdum. Unmittelbar nach der Erzählung von der nicht stattgefundenen Opferung Isaaks folgt eine Genealogie: Die Frage der Nachkommenschaft ist endgültig geregelt. Die Komposition der drei Teile lässt sich nach Ansicht von Professor Joachim Bark auf eine bewusste Endredaktion von ursprünglich erzählten und später schriftlich fixierten Texten schließen wann auch immer. Die Erzählforschung geht davon aus, dass einer schriftlichen Fixierung eine lange Tradition mündlicher Tradierung vorausging.

Von unzähligen mündlichen Erzählungen bleiben nur wenige übrig. Welche? "Eine soziale Gruppe benötigt für ihre Identität eine Gesamtheit von gegenwärtigen und vergangenen Ereignissen". Die mündliche Schöpfung bedarf nach den Ausführungen von Professor Joachim Bark der Nachfrage und Annahme durch eine Gemeinschaft.

Was als "wahr" akzeptiert würde, bekomme dann durch seine "Relevanz" Dauerhaftigkeit und wird zum Mythos, zu geglaubter Tradition. Johannes Bark sprach bei seinem Vortrag von einer "Bewahrungsgeschichte" in einem Familienrahmen. Abraham verhält sich Jahwe gegenüber wie ein gehorsames Kind. Gottvater belohnt den Gehorsam. Solche Ursituationen, mündlich erzählt, sind also schriftlich fixiert worden und haben sich den Interpretationen verschiedener Jahrhunderte ausgesetzt.

Poetologisch betrachtet bietet der Text eine nach der Aussage von Professor Joachim Bark "Abwesenheit jeder psychologischen Interpretation". Schließlich reagiert man als Leser auf die Forderung Gottes empört und vermisst die Ausformulierung dessen, was Abraham, Isaak und auch Sarah bewegt.

Der Stil der Erzählung künde vom Vertrauen Abrahams, der dem fragenden Gott mit der Antwort "ja, ich bin es" sein ganzes Dasein bestätigt. Der günstige Ausgang sei impliziert. Daher sei der Kapiteltitel "Die Bindung Isaaks" besser als der christliche "Isaaks Opferung".

Die "Selbstvergessenheit" (W. Benjamin), mit der von Abraham erzählt wird, hat schon die Juden im Midrasch, lehrhafte Unterweisungen durch Wiederaufnahmen biblischer Geschichten, zu psychologisierenden Erweiterungen veranlasst. In der westlichen Rezeption ist Kierkegaards vierfacher Anlauf einer Nacherzählung in "Furcht und Zittern" bemerkenswert, wie auch Erich Auerbachs Interpretationsklassiker "Mimesis", der die Bibelerzählung mit der Erzähltechnik Homers kontrastiert und wie Joachim Bark betonte Fragen stellt, die an der abendländischen Literatur geschult sind.

Durch die neue Sichtweise auf die Bibelstelle, die man der modernen Erzählforschung verdankt, gewinnt man die Erkenntnis, dass "Geschehen vor Sinn" geht. Sinn entwickelt sich im Lesevollzug. Die Zuhörer im Max-Eyth-Haus blieben voll Aufmerksamkeit bei der Sache, da Joachim Bark Wissenschaftlich-Akademisches mit einem persönlich sehr ansprechenden Vortragsstil verbindet.

Als "Marschgepäck" konnten die interessierten Besucher die Erkenntnis mitnehmen, dass die Bibel an oberster Stelle jeder Literaturliste steht.