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"Die Chance, neue Dinge anzupacken"

Die Deutschen bewegen sich zu wenig, darüber herrscht Einigkeit. "Wir sind gefordert, den Wettkampf- und Vereinssport durch Gesundheits- und Freizeitsport zu ergänzen", folgerte Kirchheims Oberbürgermeisterin. Auch darüber herrscht Einigkeit. Uneins waren sich die Stadträte allerdings erneut bei der Frage, inwieweit dafür eigens eine "Planung" vonnöten ist.

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM "Es geht nicht darum, irgendwelche Begehrlichkeiten zu wecken, sondern darum, Synergieeffekte zu nutzen", warb Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker in der Sitzung des Gemeinderats einmal mehr für die "Sportentwicklungsplanung". Nachdem das Ratsrund im Sommer vor einer Ausgabe in Höhe von knapp 60 000 Euro zurückgeschreckt war, legte die Verwaltung nun eine abgespeckte Variante vor, die gut 45 000 Euro kosten und dennoch wertvolle Erkenntnisse bringen soll (siehe nebenstehender Kasten).

Für die Sportvereine signalisierte Siegfried Hauff Zustimmung, Vorsitzender des Stadtverbandes für Leibesübungen (SfL): "Die Sportentwicklungsplanung ist wichtig für Kirchheim und wird von allen mitgetragen", referierte er die Ergebnisse der "Kanzelwandtagung". Dort hatten sich im Oktober die Vereine, die Verwaltung, Stadträte und Vertreter des zu beauftragenden Büros miteinander ausgetauscht. Eines der Ergebnisse war die Zusage der Sportvereine zu "engagierter Mitarbeit". "Am Ende muss ein umfangreicher Maßnahmenkatalog stehen", betonte Hauff. Danach gelte es, nach der Wichtigkeit und Möglichkeit der Umsetzung weiterzuverfahren. Abschließend verlieh der SfL-Vorsitzende seiner Hoffnung auf Zustimmung durch den Gemeinderat Ausdruck, "damit wir im nächsten Jahr an die Arbeit gehen können".

Doch diese Zustimmung erfolgte erst nach hitziger Diskussion. "Es geht um eine qualitative Erweiterung und bessere Nutzung", sprach sich Melanie Kübler von der CDU für die Sportentwicklungsplanung aus. Diese sei schließlich keine Sportstättenplanung, meinte sie beruhigend.

Einschnitte befürchtetNoch klarere Zusagen seitens der Vereine forderte dagegen Hagen Zweifel, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler. Er vermutete, dass die Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse durchaus Einschnitte für die Vereine bedeuten könnte, und wollte spätere Diskussionen vermeiden. Die Vereine dürften am Ende nicht "geschwächt und irritiert" sein.

"Eindeutiger als auf der Kanzelwandtagung geht's doch gar nicht", wunderte sich Dr. Klaus-Peter Herzberg für die SPD und freute sich darüber, dass die Vereine offenkundig "ein Rieseninteresse" an der kooperativen Planung hätten. "Ich kann nur jeden auffordern, sich den Argumenten zu öffnen, etwas für die Gesundheit zu tun", meinte er fast mehr als Arzt denn als Politiker. Diese Investition wolle die SPD mittragen, umso eher, wenn jetzt sogar Kassen ins Boot genommen werden könnten.

Andreas Schwarz, Fraktionsvorsitzender der Grünen Alternative, erläuterte, dass seine Fraktion mehrheitlich hinter der Planung stehe. Es gehe dabei um einen "Handlungsleitfaden für die Kommunal- und Sportpolitik in den nächsten Jahren". Selbst Themen wie die Gießnauhalle und das Hallenbad stellte Schwarz in den Kontext der Planung, die "praktizierte Bürgernähe" ausdrücke.

"Wir investieren hier nicht in den Sport, sondern in ein Gutachterbüro", wandte sich Albert Kahle (FDP/Kibü) strikt gegen eine weitere Planung. Verwaltung und Vereine könnten diese Arbeit weitgehend selbst leisten. Kahles wichtigstes Argument war finanzieller Natur: Bei einem gemeinderätlichen "Nein" würde schlicht und einfach Geld für andere wichtige Dinge gespart.

"Das Ziel ist eine bewegungs-freundliche Gestaltung unseres Lebensumfeldes", gab Dr. Silvia Oberhauser zu bedenken, die für die Frauenliste klare Zustimmung signalisiert. Bei der Planung gehe es nicht nur um Sport, sondern eben um Bewegung im weitesten Sinne. Nur ein Drittel der Bevölkerung werde von Vereinen erreicht, führte die Rednerin aus. Die Hauptmotivation der Bürger sich zu bewegen, seien Gesundheit und Fitness.

Während CIK-Stadtrat Wolfgang Schuler anmerkte, mit der Planung dürfe nicht eine an sich gute Vorlage in der Schublade verschwinden, lehnte Michael Holz, Grüne Alternative, das Planwerk grundsätzlich ab. Der Sport entwickle sich selbst immer weiter, etwa durch Übungsleiterschulungen und ähnliches. Hier gehe es darum, einen Haufen Geld für einen Plan auszugeben, wo doch eigentlich gar keine Defizite vorlägen.

Keine alten GepflogenheitenSiegfried Hauff ergriff abschließend nochmal für die Vereine das Wort. Er räumte ein, dass durchaus Angst bestehe, Dinge könnten weh tun. "Manch ein Verein wird sich von alten Gepflogenheiten lösen müssen", meinte der SfL-Vorsitzende, sah aber gerade darin auch einen gravierenden Vorteil: "Jeder Verein bekommt die Chance, neue Dinge anzupacken."

Mit 24 Pro- und 10 Gegenstimmen sowie einer Enthaltung stimmte das Gremium letztlich der Sportentwicklungsplanung durch das Stuttgarter Institut für Kooperative Planung und Sportentwicklung (IKPS) zu. Im Frühjahr soll's losgehen. In den Haushalt 2007 werden 30 000 Euro eingestellt, in den Haushalt 2008 weitere 21 030 Euro. Enthalten ist dabei auch das "Modul drei", worauf die Verwaltung bei ihrem auf 45 000 Euro reduzierten Antrag verzichtet hatte. Hinzu kommen Reisekosten. Mit dieser Abstimmung folgte das Gremium dem Leitantrag des Verwaltungs- und Finanzausschusses. Ursprünglich hatte sich das IKPS-Angebot auf 57 120 Euro belaufen.