Lokales

„Die Chaussee der Enthusiasten“

Lesung des Kirchheimer Literaturbeirats mit der Autorin Merle Hilbk im Kirchheimer Max-Eyth-Haus

Kirchheim. Tausende von Zuwanderern aus dem Osten bilden in Groß- und Kleinstädten, wie Kirchheim, eine Parallelgesellschaft. Über das

Anzeige

Daniela Haussmann

alltägliche Leben und die Hoffnungen dieser Russlanddeutschen, die seit Öffnung der Grenzen 1989 nach Deutschland kamen, erfahren die Menschen in der Bundesrepublik nichts oder nur wenig. Mit ihrem Buch „Die Chaussee der Enthusiasten“ versuchte die Autorin Merle Hilbk im Kirchheimer Max-Eyth-Haus deutlich zu machen, was hinter dem stereotyp gebrauchten Wort „Spätaussiedler“ steckt.

Seit in den 1990er-Jahren Russlanddeutsche oder deren Angehörige aus der ehemaligen Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten zugewandert sind, hat sich in der Bundesrepublik eine vielschichtige deutsch-russische Szene entwickelt, die ihren ganz eigenen Regeln und Sitten folgt. Ob russische CD-Shops im Weserbergland, Bars und Diskotheken in Berlin, Landsmannschaften, Kultur- und Heimatvereine, Wellness-Center, Werbeagenturen oder Anwaltskanzleien, das Leben, das hinter dem ano­nymen Begriff „Spätaussiedler“ verborgen liegt, trägt zahllose Facetten.

Das „deutsche Roadmovie mit russischem Ambiente“, wie Merle Hilbk ihr Buch beschrieb, erzählt von russischen Migranten, die unter anderem getragen von der Hoffnung auf Arbeit und Wohlstand nach Deutschland kamen, denen Werte wie Fleiß, Pünktlichkeit und Pflichtbewusstsein wichtig sind und die sie ihren Kindern zu vermitteln versuchen, die in Stuttgart, Lahr, Hamburg oder Berlin aufwachsen. Die Journalistin erzählte von den russischen Siedlungen, „die kein Einheimischer besucht, weil es gefährlich sei“, von den abendlichen Zusammenkünften auf der Straße, wo man miteinander spricht, ein Bier trinkt und Zeit miteinander verbringt, ganz so wie es in Russland, aber nicht in Deutschland der Fall ist. Merle Hilbk erzählte von jungen Spätaussiedler-Kindern, die beim Spagat zwischen den Erwartungen ihrer Eltern und dem Bestreben, ihren eigenen Weg in der deutschen Gesellschaft zu finden, aufgerieben werden, von Krankenschwestern, Informatikern und Professoren, deren Ausbildung in der Bundesrepublik nicht anerkannt wird und die sich deshalb mit einer Arbeit, die weit unter ihren Möglichkeiten liegt, zufriedengeben müssen.

Bei Merle Hilbks im Max-Eyth-Haus präsentierten Erzählungen verwischten die Grenzen. Nicht umsonst hat sich die Journalistin dafür entschieden, die zahlreichen Begegnungen mit Spätaussiedlern und die zahllosen Gespräche, die sie mit ihnen im Verlauf ihrer Recherchen führte, in Reportagen wiederzugeben. Mit der gewählten Darstellungsform ließ die 40-Jährige ihr Kirchheimer Publikum die Dinge mit ihren Augen sehen. Die etwa 40 Zuhörer, die der Einladung des Literaturbeirates folgten, wurden Zeuge jener Ereignisse, Handlungen und Stimmungen, die Merle Hilbk an den Schauplätzen ihrer Recherchen antraf.

Der Schriftstellerin ging es darum, Einblicke zu eröffnen und dadurch Distanzen zu überwinden. „Denn Integration beginnt an der kommunalen Basis, auf der Gras-Wurzel-Ebene“, brachte die 40-Jährige ihre Intention auf den Punkt. Gerade hier sei es wichtig, die wechselseitige Begegnung und das Bemühen um Verständnis durch Einsichten in eine bislang abgeschlossene Lebenswelt zu fördern und Vertrauen zu schaffen.

„Das sind Fragen, die uns ständig bewegen“, erklärte Karl-Otto Seybold, der die Lesung des Literaturbeirates besuchte. „Die Russlanddeutschen sind wie wir alle Bürger und wir müssen sie in jeder Beziehung integrieren.“ Hier würden sich aus Sicht des Kirchheimers viele der Spätaussiedler als Russen fühlen, in Osteuropa hingegen als Deutsche. „Sie befinden sich in einer Kluft, die sich nur schwer überwinden lässt“, stellte Karl-Otto Seybold fest. „Um eine erfolgreiche Integration zu schaffen, müssen sich beide Seiten öffnen und stärker aufeinander zugehen.“ Nur so könnten langfristig Stereotype, Klischees und Vorurteile abgebaut werden, bilanzierte der 65-Jährige seine Leseeindrücke.