Lokales

Die "Christl" wird zur Teilzeitkraft

KIRCHHEIM Über ein Jahrhundert ist es her, dass Carl Zeller der "Christl von der Post" mit seiner Operette vom Vogelhändler ein

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IRENE STRIFLER

Denkmal setzte. Heute ist die charmante Christl vielerorts längst Geschichte. Trotzdem gibt es sie in manchen Straßenzügen noch, die lang gewachsenen, persönlichen Kontakte zum Briefträger. Man kennt sich, man grüßt sich, man vertraut sich. Der Kunde schätzt den persönlichen Service, der "Postler" nicht zuletzt das weihnachtliche Trinkgeld, im Grunde sind alle zufrieden. So weit, so gut. Bis jetzt zumindest. Manche freundschaftliche Beziehung droht nämlich demnächst ein jähes Ende zu finden. In Kirchheim bricht eine neue Ära an: "Christl" arbeitet in der Teckstadt bald nur noch Teilzeit.

Zeit ist bekanntlich Geld. Deshalb erfolgt schon seit Jahren die Vorsortierung der Post für die Teckstädter im Briefzentrum Salach. Noch zu nachtschlafender Zeit werden die Kisten in Kirchheim angeliefert. Das letzte Drittel der Sendungen, meist große oder dicke Briefe, wird vor Ort noch eingesteckt. Dann schwingen sich die Austräger aufs Rad oder setzen sich hinters Steuer und los geht's.

Zur Qualitätssteigerung gehört auch Schnelligkeit. Noch schneller als bisher sollen sich künftig die Austräger auf die Socken machen. Ziel der Deutschen Post ist es laut Pressesprecher Hugo Gimber, bundesweit möglichst vielen Kunden die Zustellung ihrer Briefe vor 13 Uhr zu garantieren. Ein Zeitrahmen, der nach Angaben der Kirchheimer Zusteller in der Stadt am Fuße der Teck auch heute schon fast immer eingehalten wird. "Dieses Ziel lässt sich nur mit einem noch höheren Anteil an in Teilzeit beschäftigten Zustellern erreichen", meint dazu der Pressesprecher mit Sitz in Stuttgart.

Kern der zukunftsweisenden Konzeption der Post ist die personelle Trennung von Vorbereitung und Zustellung. Kirchheims Briefträger werden in absehbarer Zeit ihre komplett vorsortierte Post an bestimmten Punkten abholen. Sie tragen "nur" noch aus, das der Sortierung vorbehaltene Stundenkontingent fällt weg. Die Folge: Wer bisher einen Vollzeitjob hat, wird künftig andernorts eingesetzt. "Es wird keine Verringerung der Wochenarbeitszeit von Vollzeitkräften geben und schon gar keine Kündigungen", betont Gimber. Vielmehr biete das neue Betriebskonzept der Post "die Möglichkeit einer vernünftigen und sozial abgesicherten Teilzeitbeschäftigung in der Zustellung", und das neben über 75 000 Vollzeitarbeitsplätzen. Neue Kräfte erhalten auf Basis der bestehenden Tarifverträge sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse mit mindestens der Hälfte der Wochenarbeitszeit einer Vollkraft.

Dass sich davon schwerlich eine Familie ernähren lässt, weiß man nicht nur bei Verdi. Allerdings ist auch dort bekannt, dass sich der Lauf der Zeit nicht aufhalten lässt. Dr. Sigrun Schmid vom Verdi-Bundesvorstand in Berlin verweist darauf, dass die Gewerkschaft in Verhandlungen mit der Post-AG für derlei Modelle den Schutz vor betriebsbedingten Änderungskündigungen erwirkt habe. Kein bisheriger Zusteller wird also wider Willen andere Wochenarbeitszeiten bekommen.

Die Umstrukturierung bedeutet dennoch Änderungen für Kunden und Postler: Die gut zwei Dutzend Vollzeitkräfte in Kirchheim sind bislang im Unklaren über ihren künftigen Einsatzort. Möglich sind etwa Postämter in Uhingen oder Weilheim, die noch einem anderen Verteilungsmodell unterliegen.

Strukturelle Veränderungen wirken sich auch auf räumliche Bedürfnisse der Post aus. Vor Ort brauchen die Beamten jetzt immer weniger Platz. Gesucht wird daher ein Käufer für das ehrwürdige Gebäude am Kirchheimer Postplatz. "Die noch benötigten Räume werden in so einem Fall einfach zurückgemietet", erklärt Hugo Gimber das übliche Prozedere.

Dr. Hermann-Lambert Oediger vom Kirchheimer Planungsamt stellt klar, dass die Stadt gewachsene Strukturen erhalten will. Schließlich liegt die Post an einer wichtigen Einkaufsachse. Dass sich dort Positives tut, ist durchaus im Interesse der städtischen Planer. Das Gelände grenzt aber auch ans Sanierungsgebiet Gerberviertel. Dort haben die Verantwortlichen in naher Zukunft viel vor. Entstehen soll unter anderem ein Grünzug, der die Lauter für jedermann wieder erlebbar macht. Möglich also, dass die Stadt von ihrem Vorkaufsrecht in irgendeiner Form Gebrauch macht.

Umstrukturierung hin oder her: Die Kirche bleibt im Dorf, und die Post am Postplatz. Die Modernisierung fordert dennoch ihre Opfer. "Christl" muss sich an einen neuen Arbeitsplatz gewöhnen und trägt die Post wohl ab Jahresmitte vielerorts unter einem neuen Namen aus.