Lokales

Die Demenz entwickelt sich zunehmend zur Volkskrankheit

"Etwa 1,2 Millionen Menschen litten 2006 bundesweit an Demenz", erklärt Andreas Kenner vom Sozialpsychiatrischen Dienst für alte Menschen im Landkreis Esslingen (SOFA). Bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Reihe "Pflegekultur" sprachen Angehörige von Demenzkranken, SOFA-Mitarbeiter und ein Allgemeinmediziner über ihre Erfahrungen und gaben den Besuchern wertvolle Informationen mit auf den Weg.

DANIELA HAUSSMANN

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KIRCHHEIM "Das Risiko einer Demenz steigt mit dem Alter. Und wenn wir die demografische Entwicklung betrachten, dann wird man mit Blick auf die Zukunft zunehmend von einer Volkskrankheit sprechen können", betont Andreas Kenner bei der Veranstaltung in der Kirchheimer Bastion. "Den wenigsten heute 40- bis 50-Jährigen ist bewusst, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie wenn sie einmal das 60. Lebensjahr erreichen mit der Frage konfrontiert werden, wie sie ihre 90-jährigen Eltern versorgen. In Kirchheim leben circa 500 Demenzpatienten. Ihre Zahl nimmt pro Jahr um ein Drittel zu. Das ist nicht wenig."

Die verbesserte medizinische Versorgung und das ausgeprägte Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung hätten dazu geführt, dass immer weniger Menschen an akuten Erkrankungen im Alter sterben würden. Eine Entwicklung der in der weiteren Folge Lösungen im Bereich der Pflege gegenüberstehen müssten. "Bei den derzeitigen Entwicklungen im Sozialsystem wird der Anteil derjenigen, die ihre Eltern zu Hause pflegen müssen, weiter ansteigen", so Andreas Kenner. "Daher müssen alternative Lösungen gefunden werden."

Oberbürgermeistern Angelika Matt-Heidecker machte deutlich, dass in der Teckstadt bereits 1992 begonnen wurde, adäquat auf den demografischen Wandel zu reagieren. Die insgesamt zehn Pflegeeinrichtungen, mit denen Kirchheim aufwarten könne und den rund 500 Betten, die dadurch bereitgestellt würden, sprechen nach Ansicht des Verwaltungsoberhauptes unter anderem für eine erfolgreiche Reaktion auf die gesteigerten Anforderungen, die eine alternde Gesellschaft mit sich bringe.

Wiltrud Krimmer, deren Mutter an Demenz erkrankt ist, sieht vor allem die Allgemeinärzte mit einer verstärkten Aufklärungsarbeit unter den Patienten in der Verantwortung. Darüber hinaus müsse ihrer Ansicht nach durch eine nachhaltige Öffentlichkeitsarbeit über das Krankheitsbild stärker aufgeklärt werden. "Die Demenz darf kein Tabuthema sein. Nicht wenige haben Angst Freunde, Bekannte oder Nachbarn zu informieren", weiß die Frau aus Dettingen. "Die Verantwortung, die mit einem Mal auf einem lastet, ist enorm. Die Eltern werden zu Kindern, für die Tochter oder Sohn Entscheidungen treffen müssen. Damit muss man fertig werden und dafür gibt es Angehörigengruppen und es gibt die Möglichkeit der Nachbarschaftshilfe."

Netzwerke in der Nachbarschaft hält auch Andreas Kenner für wichtig. Beweis für den Erfolg solcher Ideen ist für ihn und die Oberbürgermeisterin das Projekt "Von Null bis Hundert" im Kirchheimer Klosterviertel. "Während Männer versuchen, die Demenz zu organisieren, neigen Frauen dazu, sich bedingungslos in der Pflege aufzuopfern", berichtet Kenner. "Doch Demenz lässt sich nicht organisieren. Ältere Menschen, die nie ein Mobiltelefon benutzt haben, werden erst recht keines verwenden, wenn sie dement sind. Man muss sich als Angehöriger in die Zeit versetzen, in der diese Menschen groß geworden sind und wie sie gelebt haben. Im Rahmen der Pflege muss man sich unter Berücksichtigung dessen ihren Bedürfnissen anpassen."

Ein schwieriger Prozess, wie der Kirchheimer Allgemeinmediziner Bernhard Schuster aus eigener Erfahrung weiß. "Ich habe meiner Mutter einen Zettel an den Kühlschrank geklebt, dass das Essen angeliefert wird. Den Zettel hat sie beiseite gelegt und die Kochtöpfe auf die Herdplatte gestellt." Solche Dinge gelte es bei der privaten Pflege auszuhalten, lässt Schuster durchblicken und das koste Geduld und Energie. "Es sind nicht alle, aber doch einige, die deshalb nach dem Tod ihrer Eltern zusammenbrechen", macht Kenner den Kraftakt deutlich, den es für Angehörige zu leisten gilt.

Ruth Hamberger von der Altenhilfe Fachberatung des Landkreises rät, sich Hilfe zu holen. Über die Agentur für Arbeit würden entsprechende Pflegekräfte vermittelt. Voraussetzung sei allerdings die Einordnung in eine Pflegestufe und ein Arbeitsvertrag über eine 38,5-Stunden-Woche.