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"Die Diskussion kommt mir vor wie Schattenboxen"

Nach einer langen, sich streckenweise im Kreis drehenden Diskussion, ist die Kuh vom Eis: Im Kindergarten Unterlenningen wird es nach den Sommerferien erstmals eine Ganztagesgruppe in Lenningen geben. Der Kurs der beiden konservativen Gruppierungen war lange Zeit nicht klar auszumachen. Nach einer zehnminütigen Sitzungsunterbrechung hatten sie sich dann zu einem Kompromiss durchgerungen.

IRIS HÄFNER

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LENNINGEN Zum dritten Mal beriet der Lenninger Gemeinderat die Einführung einer Ganztagesgruppe für die Gemeinde im Kindergarten Unterlenningen. Allen Beteiligten war klar, dass an die Sache "ein Knopf ran muss", wie es Kurt Hiller (AWV) als erster Diskussionsredner ausdrückte. Er gab jedoch die weitere Marschrichtung der beiden konservativen Gruppierungen Allgemeine Wählervereinigung (AWV) und Bürgerliche Wählervereinigung (BWV) vor. Die Umbaukosten waren für ihn in Ordnung, bei der Einrichtung einer Leitungsstelle hatte er jedoch schon Bedenken und zusätzlichen Personalkosten wollte er schon gar nicht zustimmen.

Das Konzept der Verwaltung sah folgendes vor: Der Freistellungsgrad der Leitung im Kindergarten Unterlenningen wird auf 25 Prozent festgelegt. Wegen des vermehrten Aufwands in der Startphase erhöht sich dieser in den ersten sechs Monaten um 5 Prozent auf 30 Prozent. Die passende Bewerberin für diese Stelle ist auch schon gefunden. Dabei handelt es sich um eine Erzieherin aus den eigenen Reihen, die sich auf ihre Kosten weitergebildet hat. Aus Sicht der Verwaltung muss das Angebot von Anfang an ein schlüssiges und qualitätsvolles Konzept haben. Dazu zählen beispielsweise Öffnungszeiten von Montag bis Freitag von 7 bis 17 Uhr. Um sinnvoll mit den Kindern arbeiten zu können, sind 2,5 bis 2,75 Personalstellen nötig. Da eigene Erfahrungen fehlen, wurden die Informationen und Empfehlungen anderer Kindertagesgruppen in die Überlegungen aufgenommen. Die geeigneten Räume waren schnell gefunden. Dabei handelt es sich um die "Heimat" von Gruppe 4 des Kindergarten Unterlenningen. "In diesen Räumen sind nur geringe Umbauten nötig", konnte Hauptamtsleiter Günther Kern mitteilen. Die Kosten werden auf rund 40 000 Euro geschätzt.

"Die Bedeutung von Ganztagesbetreuung ist unbestritten. Damit können wir Flagge zeigen", warb Bürgermeister Schlecht für das Projekt. In Zeiten knapper Kassen sei dies zwar eine große Herausforderung, jedoch könne man sich nicht immer hinter fehlenden Finanzen verstecken. Bei der Realisierung der Ganztagesgruppe entstehen je nach Rechenmodell zwischen 30 000 und 40 000 Euro Mehrkosten, pro Jahr rechnet die Verwaltung mit rund 73 000 Euro Personalkosten. "Hier wird nichts verschenkt. Diese Dienstleistung muss den Eltern etwas wert sein", erklärte Michael Schlecht. Die monatlichen Elternbeiträge belaufen sich bei einem Kind auf 180 Euro, bei zwei auf 135, bei drei Kindern auf 90 und bei vier Kindern auf 30 Euro. Die Kosten für Essen kommen noch hinzu. "Es geht nicht darum, die Erziehung in der Familie zu ersetzen, sondern bei geänderten Gesellschaftsbedingungen eine Alternative zu schaffen", warb der Schultes für das Konzept. Er ist überzeugt, dass sich die Investition verzinsen wird. "Mit 9000 Einwohnern sind wir keine kleine Klitsche. Solch eine Einrichtung muss zu unserem Selbstverständnis gehören", so Schlecht.

Dem von der Verwaltung vorgeschlagenen Konzept konnte sich Georg Zwingmann von der Lenninger Grünen Alternativen Liste (Legal) voll anschließen. "Wenn wir eine Ganztagesgruppe wollen, müssen wir auch die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen, damit es ein Erfolg werden kann. Wenn man eine Expedition plant, ist eine optimale Ausrüstung unabdingbar sonst braucht man erst gar nicht losziehen", argumentierte er.

Karl Boßler (BWV) sah dagegen manches anders. Ob Bedarf besteht, könne er nicht beurteilen. "Ich bin dafür, dass wir die Ganztagesgruppe einführen, der Leitung und dem zusätzlichen Personal kann ich nicht zustimmen", so seine Aussage. Bedarf ist in Lenningen jedoch vorhanden. Zehn Eltern haben ihre Kinder bereits zum Sommer dieses Jahres angemeldet, insgesamt gibt es für 18 Kinder konkretes Interesse.

"Sie können zwar weniger Personal beschließen, ich kann dann aber das Projekt nicht umsetzen", stellte der Schultes klar. Diese Aussage war für Karl Sigel (BWV) zu endgültig. "Ich bin grundsätzlich dafür, auch der Leitung kann ich zustimmen. Ich bin jedoch der Meinung, dass aus vier Gruppen in Unterlenningen durch Umschichtung oder Aufstockung der Arbeitszeit der Erzieherinnen die 50 Prozent erreicht werden können", erklärte er.

Nach längerem Hin und Her war klar, dass eine große Mehrheit im Ratsrund nicht bereit war, die zusätzliche halbe Stelle zu finanzieren. "Was Sie vorhaben geht auf Kosten der anderen Gruppen der Kinder, der Erzieherinnen, der Eltern", erhob Michael Schlecht Einspruch. An den 2,5 Stellen für die Ganztagesgruppe sei einfach nicht zu rütteln. Wenn, wie vorgeschlagen, nach einem Jahr Probebetrieb, das Projekt abgesetzt wird, sei das eine politische Bankrotterklärung. Klare Worte fand auch Georg Zwingmann: "Das ist hier ein Lavieren die ganze Diskussion kommt mir vor wie Schattenboxen. Es geht schlicht um Ja oder Nein."

Als auch unter den beiden Gruppierungen verschiedene Ansichten zu Tage traten, unterbrach Michael Schlecht für zehn Minuten die Sitzung, damit sich AWV und BWV auf einen Beschlussvorschlag einigen konnten. Das Ergebnis wurde zu den von der Verwaltung vorgeschlagenen Punkten aufgenommen und mit zwei Gegenstimmen beschlossen. Der Vorschlag: Die Verwaltung wird beauftragt, nach Möglichkeit Erzieherinnen im Unterlenninger Kindergarten zu finden, die bereit sind, ihre Arbeitszeit aufzustocken, damit die halbe Stelle ohne zusätzliches Personal besetzt wird. Sollte dies nicht gelingen, wird zunächst ein auf zwölf Monate befristeter Arbeitsvertrag abgeschlossen. "Wir nehmen dies von Seiten der Verwaltung als Auftrag an. Allen muss aber klar sein, dass wir nach einem Jahr die Stelle nicht streichen können", stellte Michael Schlecht klar. Er ist jedoch davon überzeugt, dass sich das Risiko bezahlt macht.