Lokales

Die eigene Enkelin immer wieder geschändet

BERND S. WINCKLER

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WENDLINGEN "Dieser Fall zeichnet wieder einmal auf, dass die Täter, die Gefahr für Kinder im sexuellen Bereich nicht immer von außen und aus dem Gebüsch neben der Straße kommen, sondern sie sind im Umfeld der jeweiligen Familien zu suchen." Mit diesem Satz ging der Vorsitzende Richter der 3. Großen Jugendschutzkammer des Stuttgarter Landgerichts ein Thema ein, mit dem sich seine Kammer erst vor einigen Wochen schon einmal auseinanderzusetzen hatte: dass in vielen Fällen eigene Väter oder aber Großväter sich an den Kindern und Enkeln sexuell vergreifen. So auch im vorliegenden Fall.

Der 60-jährige Angeklagte, selbst Vater dreier Kinder und Opa zweier Kinder, begann Anfang 2004, sich für die damals gerade zehn Jahre alte Enkelin in sexueller Hinsicht zu interessieren, wie er vor den Stuttgarter Richtern auch zugab. Allerdings bestritt er zunächst vehement, dass das Kind damals zehn Jahre alt gewesen sei. Erst nach mehreren eindringlichen Ermahnungen des Vorsitzenden Richters und des Staatsanwalts räumte er dies ein. Angeklagt war er wegen 30 Fällen des schweren Übergriffes gegen die Enkelin, wobei die Stuttgarter Anklagebehörde Wert darauf legte, dass man von einer "Vielzahl" von Missbräuchen ausgehe, die aber nicht genau zeitlich festgelegt werden können. Der Bundesgerichtshof jedoch fordert in Urteilen genaue Zeitangaben der Vergewaltigungen, sodass die Stuttgarter Richter letztlich die Fälle fallen ließen, bei denen diese Zeitangaben nicht mehr feststellbar waren. Geblieben waren damit zugunsten des Angeklagten noch 20 Fälle.

In all diesen Fällen hatte der 60-Jährige nach seinem Geständnis regelrechten Geschlechtsverkehr mit der Zehnjährigen, was strafrechtlich als "besonders schwerer Fall" eingestuft wird. Mit der Drohung, sie werde in ein Heim kommen und er ins Gefängnis, hatte er sich das Kind gefügig gemacht. Auch eine jeweilige Erhöhung ihres Taschengeldes bewirkte, dass die Zehnjährige sich letztlich nicht mehr allzu sehr gegen die Übergriffe wehrte. Dabei hatte der Opa nach den richterlichen Feststellungen jedes Mal die Momente abgewartet, in denen er mit dem Kind allein in seinem Hause war. Tatorte waren der Speicher, das Wohnzimmer, der Keller und sein im ersten Stock gelegenes Büro.

Kurz vor Weihnachten letzten Jahres schließlich vertraute sich die Enkelin einer Freundin an, die ihrer Mutter über den Fall berichtete. Die Tochter des Angeklagten und Mutter des Kindes glaubte zunächst nicht an die Schuld des Großvaters, wie sie gestern im Zeugenstand berichtete. Erst als ihr Vater es ihr gegenüber zugab, wandte sich die Mutter des missbrauchten Kindes an die Polizei.

Nach ihrer Vernehmung im Stuttgarter Gerichtssaal ging die Mutter des missbrauchen Kindes zu ihrem Vater zur Anklagebank und umarmte ihn, ehe er zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt und in Handschellen abgeführt wurde. Der Staatsanwalt hatte fünf Jahre beantragt. Der Richter würdigte im Schuldspruch das Geständnis des Mannes. Damit ersparte er dem Kind einen Zeugenauftritt. "Wenn er dieses Geständnis nicht gemacht hätte, dann hätten wir an die sechs Jahre Haft verhängt", lautete seine Belehrung.