Lokales

Die eigene finanzielle Zukunft ist völlig offen

Mit großem Interesse nahmen die Mitglieder des Finanz- und Verwaltungsausschusses des Gemeinderats den Tätigkeitsbericht der bei der Kirchheimer Diakoniestation angesiedelten Schuldnerberatung zu Kenntnis. Nicht überraschen konnte dabei freilich die Aussage, dass die wertvolle Hilfe immer erst dann abgerufen wird, wenn es eigentlich fast schon zu spät ist.

WOLF-DIETER TRUPPAT

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KIRCHHEIM Dass es für Betroffene nicht leicht ist, den ersten Schritt zu tun und zu einer Einrichtung wie der Schuldnerberatung zu gehen, versteht sich von selbst. Dass nach dem schweren Entschluss aber zwangsläufig eine weitere große Zeitlücke unvermeidbar ist, mussten die Ausschussmitglieder bedauernd zur Kenntnis nehmen. Lag die Wartezeit bis zur ersten Beratung 2002 noch bei rund drei Monaten, ist sie inzwischen auf vier bis fünf Monate angewachsen, machten die beiden Schuldnerberaterinnen Heike Blankenhorn-Frick und Silke Jähner unmissverständlich deutlich.

Montags zwischen 8.30 und 11.30 Uhr ist immer eine der beiden in der Diakonischen Bezirksstelle persönlich oder telefonisch erreichbar, während die andere während dieser Zeit mit einer persönlichen Kurzberatung "Erste Hilfe" anbietet. Kostenlos beraten werden dabei Männer und Frauen jeden Alters, jeden Glaubens und jeder Nationalität. Lag die Gesamtzahl der Beratungen 2001 noch bei 160, betrugt sie im vergangenen Jahr 182. Trotz abnehmender Einzelberatungen sorgen die kontinuierlich ansteigenden Mehrfachberatungen dafür, dass eine Warteliste eingerichtet werden musste.

Die zweite Hiobsbotschaft, die die beiden in der Diakonischen Bezirksstelle "Eckpunkt" in der Alleenstraße arbeitenden Schuldnerberaterinnen den Ausschussmitgliedern mitteilen mussten war, dass derzeit niemand so richtig weiß, wie es ab dem ersten Juli in ihren eigenen "Reihen" weitergehen wird. Da zwei Drittel der Klienten aus Kirchheim stammen, war es nicht möglich, die Gemeinden im Umfeld Kirchheims in die Finanzierung mit einzubinden. Ob der Stellenumfang von derzeit 150 Prozent gehalten werden kann ist dabei genauso unsicher wie die Finanzierung der ganzen Einrichtung ab 1. Juli dieses Jahres.

Den größten Beratungsbedarf haben Menschen zwischen 30 und 50 Jahren, die 64 Prozent der Klienten stellen, doch wendet sich die Schuldnerberatung mit ihrem präventiven Ansatz auch ganz gezielt Jugendlichen zu. Neben einem 2002 ins Leben gerufenen "Cash-Kurs", der zum Ziel hat, Jugendlichen einen verantwortlichen Umgang mit Geld näher zu bringen, wird mit dem so genannten "CCC-Projekt" die Konsequenz daraus gezogen, dass immer mehr Jugendliche Schulden haben. "CCC" steht dabei für die Begriffe "Career Computer Cash" und soll jungen Menschen bis 25 Jahren über die Bausteine Schuldenprävention, Medienkompetenz und Berufsorientierung Hilfe anbieten. Das auf zwei Jahre befristete Projekt wird wissenschaftlich begleitet und über den Europäischen Sozialfonds, das Sozialministerium und den Diakoniespendenfonds finanziert.

Im Rahmen der Einführung von Hartz IV werde derzeit auch über eine künftige Zusammenarbeit der Schuldnerberatung mit den regionalen Jobcentern nachgedacht, woraus sich wiederum neue Schwerpunkte ergeben können. Ziel einer im Juni geplanten "Woche der Überschuldung" ist es, das Thema "Der Mensch hinter den Schulden" stärker ins Bewusstsein zu rücken.

Die Problematik der Einrichtung und Kündigung eines Girokontos wird ein weiteres wichtiges Thema sein. Ein weiterer ganz spezieller Schwerpunkt der Kirchheimer Schuldnerberatung ist im laufenden Jahr die Entschuldung älterer Menschen. Bisher in der Beratung eher unterrepräsentiert, stellen sie eine Gruppe dar, die sich oft schon jahrelang mit finanziellen Lasten plagte. Sie sollen gezielt und motiviert werden, ihre Entschuldung anzugehen, um den Lebensabend ohne die alte Schuldenlast verbringen zu können.