Lokales

Die eigene Firma ausgeplündert

Wegen vorsätzlichen Bankrotts, Insolvenzverschleppung, Untreue, Vorenthalten von Arbeitsentgelten und Nichtabführen von Sozialbeiträgen hat das Nürtinger Amtsgericht einen Wendlinger Geschäftsmann zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.

GÜNTER SCHMITT

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WENDLINGEN Die Aussagen des Insolvenzverwalters waren vernichtend. Er hatte in der Firma völlig desolate Verhältnisse vorgefunden. Das Ziel sei nicht gewesen, Gewinn zu machen für die Firma, sondern für die zwei Geschäftsführer. Sie hatten sich selber Darlehen gegeben und eingehende Zahlungen auf ihre Privatkonten oder auf die Konten von Familienangehörigen umgeleitet. Hier ist mit enormer Bereicherungsenergie gehandelt worden, sagte der Anwalt, der den Auftrag erhalten hatte, Licht ins Dunkel der an die Wand gefahrenen Firma zu bringen.

Die Staatsanwaltschaft warf dem Hauptangeklagten, der zum Zeitpunkt der Ereignisse in Wendlingen gewohnt hatte, gleich eine ganze Reihe von Delikten vor, nämlich vorsätzliche Insolvenzverschleppung, vorsätzlichen Bankrott, Untreue, Vorenthalten von Arbeitsentgelt und Nichtabführen von Sozialbeiträgen. Der Mitangeklagten, die ebenfalls als Geschäftsführerin geführt wurde, warf die Anklage Beihilfe zu den genannten Delikten vor.

Begonnen hatte die Geschichte, die in einem völligen Desaster endete, in einer Teilgemeinde von Filderstadt. Der Hauptangeklagte gründete eine GmbH mit einem Stammkapital von 25 000 Mark. Unternehmensberatung und allgemeine Dienstleistungen waren das Ziel des Unternehmens. Sowohl der Gründer der Firma wie die etwas später als zweite Geschäftsführerin eingestellte Mitangeklagte schienen die besten Voraussetzungen für den erfolgreichen Aufbau eines Betriebes mitzubringen. Beide konnten nicht nur auf ein erfolgreich abgeschlossenes Studium der Betriebswirtschaft zurückblicken, sie hatten auch in anderen Firmen in nicht alltäglichen Positionen Erfahrungen gesammelt.

Besonders der Hauptangeklagte hatte schon in anderen Betrieben beachtenswerte Erfolge auf der Karriereleiter erzielt. Nach einer Lehre als Kfz-Mechaniker hatte er auf dem zweiten Bildungsweg BWL studiert und das Studium als Diplombetriebswirt abgeschlossen. Nach Stationen bei namhaften Firmen, zum Beispiel bei Daimler und IBM, hatte er es zum Geschäftsführer einer Personalberatungsfirma gebracht. Die Erfolge in durchaus verantwortungsvollen Positionen ließen ihn zu der Überzeugung gelangen, auch mit einer eigenen Firma wirtschaftliche Ziele erreichen zu können. Er wollte selber über sein Leben und seine Aktivitäten bestimmen können, er wollte sein eigener Herr sein.

Der Absturz von den Höhen der Selbstständigkeit hätte dramatischer nicht sein können. Heute lebt er von der Stütze, unter Hartz IV bezieht er 728 Euro im Monat. Seine zwei Söhne im Alter von 24 und 20 Jahren haben zum Glück die Ausbildung hinter sich. Die 470 000 Euro Schulden, die ihn drücken, wird er wohl sein ganzes Leben nicht abzahlen können. Der Gerichtsvollzieher, der ihn schon verschiedentlich aufsuchte, musste bisher immer erfolglos wieder abziehen. Es gibt nichts mehr, was ihm gepfändet werden könnte. Die Vorwürfe, die er vor Gericht zu hören bekam, glitten von ihm ab wie Wasser vom Entengefieder. Nichts schien ihn mehr aufregen zu können, eine Aura der Resignation lag über ihm. Manchmal setzte er zu einer Erklärung an, nur aber, um gleich wieder zu verstummen, als sei er zu der Einsicht gelangt, es lohne sich nicht mehr.

Die mitangeklagte 43-Jährige, Frau eines gut verdienenden Mannes und Mutter zweier Kinder, war als zweite Geschäftsführerin in der Firma nur halbtags beschäftigt. "Ich war absolut überfordert", sagte sie dem Gericht. Für den Umstand, dass auch sie Firmengelder auf ihr Privatkonto hat fließen lassen, nannte sie zwei Gründe. Erstens habe sie ohne großes Nachdenken dem Drängen des Hauptangeklagten nachgegeben, außerdem habe sie in dem fraglichen Zeitraum an depressiven Störungen gelitten. Um ihren Kontostand habe sie sich schon deshalb nicht gekümmert, weil sich der Familienfinanzen ausschließlich ihr Mann annehme. Außerdem sei sie im fraglichen Zeitraum wegen depressiven Störungen in Behandlung gewesen. Irgendwann habe sie schon gemerkt, dass etwas schief läuft, aber die ganze Entwicklung sei ihr hoffnungslos über den Kopf gewachsen.

"Ich hab zu spät die Handbremse gezogen", sagte der Hauptangeklagte. Dass es schon drei Jahre nach der Firmengründung keine Buchhaltung mehr gab, die den Namen verdient, und von dem Erstellen einer Bilanz erst recht keine Rede mehr sein konnte, erklärte er mit seiner Reisetätigkeit und dem Bemühen, weitere Aufträge hereinzuholen. Er habe keine Anstrengung gescheut, die Firma auf der geraden Bahn zu halten. Er habe sogar seine Rente aufgelöst und die so erlangten 48 000 Euro in die Firma gesteckt.

Mit dem Anflug einer triumphierenden Geste hielt er ein Blatt in die Höhe, auf dem nach eigener Aussage die Aufträge vermerkt waren, die er noch zu Geld hätte machen können, wenn man ihm nicht per Gerichtsbeschluss einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte.

Richterin Stefanie Bartels verurteilte den gescheiterten Geschäftsmann zu zwei Jahren Haft, ausgesetzt zur Bewährung für drei Jahre sowie 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Sie sah vorsätzlichen Bankrott, Insolvenzverschleppung, Untreue in 18 Fällen, Vorenthalten von Arbeitsentgelt und Nichtabführen von Sozialbeiträgen nachgewiesen. Die Mitangeklagte wurde wegen vorsätzlicher Insolvenzverschleppung und Beihilfe zur Untreue zu einer Geldstrafe von 1350 Euro verurteilt. Die Urteile decken lediglich die strafrechtliche Seite des Falles ab. Ein sicher anderes Bild wird sich zeigen, wenn es auf dem Wege des Zivilrechts um Verbleib und Rückerstattung der stattlichen Summen geht, die spurlos verschwunden sind.