Lokales

Die Einsamkeit der Langstreckenfahrer

Ein Stück Heimat für die Könige der Straße – Im Kirchheimer Autohof holen sich Brummifahrer menschliche Wärme

Kirchheim. Zufrieden schiebt sich Uwe Möller ein Stück Sauerbraten in den Mund. Der 51-Jährige hat es sich direkt gegenüber dem Bildschirm bequem gemacht. Rechts neben seinem Teller liegt die aufgeschlagene Zeitung, links steht ein Glas Bier. Die Packung Zigaretten und seine Brille sind in Griffweite.

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tobias flegel

Für die nächsten zwölf Stunden ist der Kirchheimer Autohof Uwe Möllers Heimat. „Normalerweise komme ich nicht hierher“, sagt er. Doch diesmal habe ihn die Tour nach Kirchheim geführt. Der Lkw-Fahrer kommt heute aus Hamburg, um halb sieben in der Früh will er weiter nach Reutlingen. Dann wartet in Heidenheim neue Fracht auf ihn – „da lade ich Stahl oder sowas.“ Jetzt tankt Möller aber beim Abendessen erst mal Kraft für den nächsten Tag.

Dem Fahrer gefällt es in der rustikalen Raucherstube des Restaurants „TruckIn“. „Hier ist es gemütlich“, sagt Möller und schiebt sich eine Gabel Rotkraut in den Mund. Das Flair neuerer Autohöfe ist dagegen weniger nach dem Geschmack des Mannes, der seit dreißig Jahren hinter dem Steuer eines Lkws sitzt. „Die sind oft so steril.“

Für Männer wie Möller, die Nomaden der Autobahn, sind Autohöfe wichtige Orte auf der Landkarte. Hier füllen sie die mächtigen Tanks ihrer Fahrzeuge, die zwischen 500 und 600 Liter Sprit schlucken. Abhängig vom Benzinpreis blättern sie dafür bis zu 1 100 Euro hin. Doch die Höfe sind mehr als Versorgungsstellen für große Fahrzeuge. Sie sind ein Mikrokosmos für sich, in dem die Fahrer so gut wie alles finden, was sie für das Leben auf der Straße brauchen: einen Stellplatz für die Nacht, Waschanlagen für die Fahrzeuge, Kaffee und warme Mahlzeiten, Duschen, ein Fax- und Kopiergerät, Computerterminals für die Maut, eine kleine Kapelle und menschlichen Kontakt.

„Nach dem fünften Bier wollen sie uns alle mit heim nehmen“, sagt Monika Niebuhr. Die aufgeweckte Frau arbeitet seit zehn Jahren als Kellnerin im TruckIn, heute feiert sie ihr Dienstjubiläum. Die Arbeit im Restaurant ist anstrengend, aber sie macht Niebuhr Spaß. Das liegt am guten Verhältnis zu den Kollegen und an den Gästen, von denen viele regelmäßig in Kirchheim haltmachen. „Die fahren lieber länger, damit sie mit uns schwätzen können“, erklärt Kollegin Bea Della Rocca. Wie wichtig für die Männer der Austausch mit dem Personal ist, wissen die Kellnerinnen. „Wir sind halt sehr freundlich zu ihnen, denn der Autohof soll ja ein bisschen wie ein Zuhause für die Fahrer sein“, sagt Niebuhr.

Dass es dabei manchmal ziemlich direkt zugeht, stört die Frauen mittlerweile nicht mehr. „Es hat bestimmt zwei oder drei Jahre gedauert, bis ich mich an die Sprüche gewöhnt habe“, sagt Della Rocca, die ihre Ausbildung in einem bayerischen Vier-Sterne-Hotel gemacht hat. Für viele der neuen Kollegen sei die Arbeit und der Umgangston zu viel gewesen. „Die haben das nicht gepackt und nach ein, zwei Tagen wieder aufgehört“, berichtet die 29-Jährige. Aber wenn man sich ein dickes Fell zugelegt habe, komme auch viel Nettes von den Männern zurück. „Wie man in den Wald hineinruft, schallt es zurück“, pflichtet Niebuhr ihr bei. Eine Ausnahme macht Della Rocca jedoch: „Die Jugendlichen sind am schlimmsten“, sagt sie. Wenn die allein kämen, seien sie freundlich. Wenn sie aber in Gruppen an den Spielautomaten sitzen, sei es oft schwierig. „Die haben keinen Respekt mehr“, sagt Della Roccas Kollegin Csilla Hering.

Hering ist die Allzweckwaffe im TruckIn. Die gebürtige Rumänin spricht vier Sprachen: „Deutsch, Rumänisch, Ungarisch – und Schwäbisch.“ Diese Kenntnisse erleichtern dem Service-Team den Umgang mit den internationalen Gästen. „Neulich war ein junger Mann da, der nicht wusste, was saure Kutteln sind“, sagt Hering. „Das hab ich ihm dann erklärt.“

Auf der Speisekarte des TruckIn stehen bodenständige, aber auch ausgefallene Gerichte. Neben Klassikern wie Schnitzel mit Pommes oder Rahmgeschnetzeltes mit Spätzle gibt es Schweinerippensteak Bombay für die Kundschaft. Beim Frühstücksbüfett können die Gäste aus acht bis zehn Salaten auswählen. Das Essen bereiten die Köche und Küchengehilfen täglich frisch zu – auch die Soßen. „Wir achten auf Qualität und wollen keine Fertiggerichte auf der Karte“, sagt der Pächter und Geschäftsführer des Autohofs Michael Krones über das kulinarische Konzept.

Zwischen 800 und 1 000 Menschen kommen jeden Tag in die Tankstelle und das Restaurant, schätzt Krones. Den meisten Umsatz macht der gelernte Betriebswirt mit den Lastwagenfahrern. Diese können auf den 80 Parkplätzen hinter dem Gebäude ihre Fahrzeuge abstellen. Die Nacht kostet zehn Euro. Dafür bekommen die Fahrer einen Gutschein über den gleichen Betrag. Den können sie im Restaurant des Autohofs einlösen. Viele Kunden kämen auch aus den Niederlanden, sagt Krones. „Wir liegen etwa auf halbem Weg zwischen den Alpen und Holland – vielleicht ist das der Grund.“ Um die durstigen Maschinen der Autos und Lkws fortwährend zu füttern, hat Krones‘ Autohof bis auf zwei Tage im Jahr geöffnet. Nur am 24. und 25. Dezember schließt das Gebäude unter der gelb-roten Muschel seine Türen. „Diese Pause gönne ich meiner Belegschaft bewusst“, sagt der Geschäftsführer. Sonst aber können die Reisenden von 5 Uhr morgens bis nachts um 1 Uhr im Restaurant einkehren. In der Tankstelle läuft der Betrieb rund um die Uhr.

Helga Rosenäcker gehört zur alten Garde in der kleinen Autowelt auf dem Kruichling. Die 61-Jährige arbeitet seit der Öffnung vor dreizehn Jahren dort. Wie mancher ihrer rund zwanzig Kollegen ist sie Quereinsteigerin in dem Beruf: Bevor sie im Restaurant als Kellnerin anfing, hatte Rosenäcker eine Bäckerfiliale in Kirchheim. Seit sechs Jahren steht sie im Verkaufsraum der Tankstelle hinter der Kasse. „Zuerst konnte ich mir den Wechsel nicht vorstellen, aber jetzt macht‘s mir hier mehr Spaß“, sagt sie.

Rosenäcker ist mit ihrer Arbeit zufrieden, auch wenn manche Kunden ihre Geduld auf die Probe stellen. „Immer mehr Leute kommen mit dem Handy am Ohr rein und schmeißen das Geld einfach hin“, sagt sie. „Das ist kein Zeichen von Respekt. Da könnte ich genauso gut ein Automat sein.“ Von solchen Momenten abgesehen, fällt Rosenäcker die Freundlichkeit nicht schwer. Auch dem Mann, der soeben ganz aufgeregt in ihren Laden gekommen ist, will sie weiterhelfen. „Habt ihr Kaffeemaschinen?“ fragt er. Soeben sei ihm beim Sport in der Kabine seine runtergefallen. „Die ist futsch, aber ohne Kaffee krieg ich ‘ne Macke.“

Rosenäckers Vorgesetzter, der stellvertretende Geschäftsführer Sami Keser, übernimmt den Fall. Er führt den Fahrer zu zwei langen Regalen, auf denen Kaffeemaschinen in allen Größen stehen. Der Kunde begutachtet die Auswahl, entscheidet sich am Ende aber für einen Kaffee zum Mitnehmen. „Ich muss erst mal den Chef anrufen, ob der eine zahlt“, erklärt er. Mit der Portion Koffein in der Hand geht der Mann zum Fahrzeug. Seine Tour führt nach Filderstadt, dann weiter nach Böblingen, Nürnberg und Norwegen. Vielleicht bleibt dem Lkw-Fahrer der Kirchheimer Autohof wegen seines kleinen Debakels im Gedächtnis. Falls er hier einmal wieder Hilfe suchen sollte, ist man für vielerlei Anliegen gerüstet.