Lokales

Die Eisheiligen und die Schwerlastzüge

Politik wird in Berlin gemacht gezählt aber wird in Lenningen. Mit den Auswirkungen der Lkw-Maut sind die Lenninger Bürgerinnen und Bürger wie so viele im Land nicht einverstanden. Nachdem sie sich nicht ernst genommen fühlen, haben sie nun die Eigeninitiative ergriffen und den Verkehr selbst gezählt.

IRIS HÄFNER

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LENNINGEN Bis Januar 2005 galt für die Lenninger folgende Faustregel: Mit 90-prozentiger Sicherheit hat der durchfahrende Lkw als Start- oder Zielpunkt die Papierfabrik Scheufelen oder den Steinbruch Möck. Die Identifizierung dafür war auch nicht schwierig, denn Schotterlaster lassen sich eindeutig vom übrigen Schwerlastverkehr unterscheiden.

Heute sieht die Straßenlage jedoch anders aus. Zwischen die sowieso schon zahlreichen Autos haben sich viele zusätzliche "Lastenträger" auf die B 465 gemischt. Auffallend viele Schwerlasttransporter aus osteuropäischen Staaten deren Fahrer einen vergleichsweise geringen Stundenlohn haben werden seitdem in Lenningen gesichtet, aber auch Kieslaster mit Ulmer-Kennzeichen oder Lkws heimischer Transportunternehmer, die sich möglicher-verständlicher-weise den einen oder anderen Autobahnkilometer über die Alb sparen möchten. Weil es allerdings keine offiziellen Zahlen gibt, glaubt den Anwohnern von verantwortlicher Seite jedoch niemand, dass der Schwerlastverkehr wegen des "Stolpe-Gesetztes" in der Albrand-Gemeinde zugenommen hat.

Tatenlos wollte die Gruppe Verkehr und Mobiles der Lokalen Agenda dieser Entwicklung nicht mehr zusehen. Sie organisierte eine eigene Verkehrszählung und fand in der Klasse 8 c der Realschule Lenningen mit ihrem Klassenlehrer Daniel Hinze einen engagierten Partner. Freiwillig erklärten sich die Schülerinnen und Schüler bereit, exakt 24 Stunden den Verkehr zu zählen, und zwar seit gestern um 7 Uhr. Heute um diese Zeit beenden die Letzten hoffentlich nicht allzu sehr "verfroren" ihre Schicht.

"Schon seit Jahren wollen wir die Zahlen für Lenningen erfassen. Wegen der Lkw-Maut wurde dieses Thema immer brisanter", sagt Michael Kohn von der Lokalen Agenda. An drei Stellen ermitteln die Schüler auf Lenninger Markung den Verkehr: in Unterlenningen vor der Abzweigung nach Hochwang, nach der Abzweigung nach Hochwang sowie an der Kreuzung Gutenberg/Gra-benstetten am Fuße der Alb. "Dank dieser strategischen Punkte können wir den Verkehrsfluss in Lenningen recht gut ermitteln. Wir wissen nach der Auswertung, welche Lkws auf der B 465 in Lenningen hängen bleiben und welche durchfahren und damit in vielen Fällen die Maut umgehen", so Michael Kohn, der Lehrer an der Otto-Umfrid-Schule in Nürtingen ist und von seinem Rektor für diese Aktion mit Vertretung freigestellt wurde.

Die Schülerinnen und Schüler zählen den kompletten Verkehr. Unterschieden wird dabei zwischen Motorräder, Autos, Lieferwagen, Lastwagen, Bus, großer Lastzug sowie landwirtschaftliche Fahrzeuge. Die Lokale Agenda hat das System der offiziellen Verkehrszählung übernommen, sowohl was die Unterscheidungen anbelangt, als auch die Berechnungformel.

Die Verkehrszählung läuft als fächerübergreifendes Projekt. "Wir werden super von der Schule unterstützt", freut sich Michael Kohn, der gestern Morgen ebenfalls an der Strecke zu finden war. Freiwillig hat sich die Klasse für das Vorhaben "Außerplanmäßige Verkehrszählung" ausgesprochen. "Wir fanden's voll cool. Das ist mal etwas anderes", bringen es Katrin und Sarah auf den Punkt. Eingeteilt waren sie mit vier weiteren Mädchen in Unterlenningen in der zweiten Schicht. Durchschnittlich leisten die 33 Schüler zwei Schichten a drei Stunden, wobei einige Eltern sowie Lehrer sich die Aufsicht teilen.

Bevor die Schüler jedoch überhaupt Autos und Laster zählen konnten, war einige Vorarbeit zu leisten. So mussten beispielsweise die Formulare entwickelt und der etwas andere Stundenplan, sprich Schichtplan, erstellt werden. Schließlich galt es, 24 Stunden abzudecken und die Eisheiligen wollten hier offensichtlich auch noch ein Wörtchen mitreden. Klassenlehrer Daniel Hinze hatte schon gestern Mittag bei strahlendem Sonnenschein gehörigen Res-pekt vor der Nachtschicht und schwor seine Schüler auf die Kleiderordnung ein: "Ich werd' meine Snowboard-Klamotten anziehen und sämtliche Iso-Matten um mich rumwickeln", prophezeite er angesichtes der frostigen Temperaturen. Er wusste wovon er sprach: gestern Morgen musste er schon sein Auto vom Eis freikratzen.

Noch vor den Pfingstferien sollen wiederum fächerübergreifend die Zahlen ausgewertet werden. Dazu sind neben Mathematik auch Computerkenntnisse erforderlich und spätestens wenn die Aktion der Öffentlichkeit vorgestellt wird, kommt das Fach Deutsch zur Geltung. "Die Auswertung ist aussagekräftig", ist Michael Kohn überzeugt, denn nicht umsonst hat sich die Lokale Agenda für den offiziellen Verkehrszählungs-Modus interessiert.

Über die Unterstützung der Gemeinde Lenningen die sich nicht nur auf eine Cola-Lieferung beschränkte freuen sich die Organisatoren und Aktiven der Verkehrszählung. "Das ist schließlich in unserem Interesse", ist Hauptamtsleiter Günther Kern vom ehrenamtlichen Engagement der Jugendlichen begeistert. "Die Zahlen werden offiziell zwar nicht anerkannt, aber sie zeigen ein Bild auf. Zudem sind sie eine Argumentationshilfe und vielleicht auch ein Druckmittel", hofft Günther Kern.