Lokales

Die Entdeckung der Gelassenheit

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Der 25. September 2006 wird für Benjamin Rudiger wohl für immer ein prägendes Datum bleiben. Der Tag, an dem er erfuhr, dass er Krebs hat. Tags zuvor noch hatte er seine Gegner auf der Rennstrecke attackiert und bei der Marathon-DM in Oberammergau den sechsten Platz belegt. Es war der Schlusspunkt hinter eine durchwachsene Saison, an deren Ende immerhin der Titel des Deutschen U23-Meisters zu Buche stand.

Gefeiert als die größte Nachwuchshoffnung im deutschen Mountainbikelager saß er nun da und hörte sich schweigend an, was ihm der Arzt zu sagen hatte. Dass der kleine Knoten hinter seinem Ohr kein harmloser Auswuchs, sondern Vorbote einer tückischen Krankheit sei. Die Diagnose Lymphdrüsenkrebs traf Benjamin Rudiger wie ein Schlag mit der Eisenstange. "Wenn du dich körperlich auf dem Gipfel deiner Leistungsfähigkeit fühlst, übersteigt eine solche Nachricht deine Vorstellungskraft", sagt er.

Viel Zeit, mit dem Schicksal zu hadern, hat er sich nicht genehmigt und noch in der Arztpraxis "den Schalter umgelegt", wie er erzählt. "Vielleicht ist es ein Glück, dass man als Sportler daran gewöhnt ist, mit schwierigen Situationen offensiv umzugehen." Offensiv heißt in seinem Fall: "Ich wollte so schnell wie möglich zum Leistungssport zurückkehren." Die Energie, mit der er während der schweren Zeit der Chemotherapie im Ulmer Bundeswehrkrankenhaus dieses Ziel verfolgte, beeindruckte Ärzte und Trainer gleichermaßen. Er verzichtete auf Cortison-Präparate, die Übelkeit und Schmerzen mildern sollten und versuchte sich mit Nordic-Walking-Einheiten, so gut es ging, fit zu halten. Sein Körper dankte es ihm, indem er gut auf die Therapie ansprach. Als er am 21. Februar mit besten Heilungschancen aus dem Krankenhaus entlassen wird, sitzt er tags darauf im Sattel und absolviert seine erste Trainingseinheit. "So beschwingt habe ich mich nie zuvor aufs Rad gesetzt", erinnert er sich.

Er kennt die Risiken der Krankheit und weiß, dass es noch Jahre dauern wird, ehe er seinen bisher schwersten Kampf als Sieg verbuchen kann. Die Zeichen dafür stehen gut, nicht nur dank seiner guten körperlichen Verfassung, sondern auch, weil er gelernt hat, umzudenken. "Ich gehe heute viel gelassener mit Dingen um und rege mich nicht mehr über Kleinigkeiten auf", sagt Rudiger, der sich selbst als Perfektionisten mit leichtem Hang zur Cholerik beschreibt. Dass er vieles lockerer sieht, zeigt seine Anmeldung für den MTB-Marathon Mitte Juni in seinem Heimatort Kirchzarten. Dort will er gemeinsam mit seinem Cousin Andre die Strecke in Angriff nehmen auf einem Tandem. Ein Versprechen, das sich beide an einem trüben Wintertag in die Hand gegeben haben. "Zu einer Zeit, als es mir besonders schlecht ging." Jener Cousin wird am morgigen Samstag in Kirchheim übrigens ebenfalls im Trikot des Rothaus-Cube-Teams antreten, diesmal freilich als Einzelkämpfer.

Das Kirchheimer Rennwochenende markiert für Benjamin Rudiger, wenn man so will, die Rückkehr in ein neues Leben. "Ich freue mich riesig, endlich wieder eine Startnummer ans Rad heften zu können", sagt er. Und als wolle er diesen Moment ganz besonders auskosten, mischt er beim Straßenrennen am Sonntag auch gleich mit. Nach langen Grundlage-Einheiten in den vergangenen Wochen, kommt Kirchheim wie gerufen, um zum ersten Mal den Motor auf Touren zu bringen, "egal, was am Ende dabei herauskommt", sagt er.

Der 23-Jährige, der in Freiburg lebt und in der Sportfördergruppe der Bundeswehr alle Freiheiten fürs Training genießt, ist auf einem guten Weg. Mitte April, knapp zwei Monate nach Ende der Chemotherapie, reichten seine Leistungswerte bereits wieder an die des Vorjahres heran. "Die Spritzigkeit fehlt noch", meint er. "Doch ansonsten fühle ich mich fit." So fit, dass sein Trainer und Teamchef Patrick Faller gelegentlich den Bremsklotz spielen muss: "Benny war vorher schon sehr trainingsfleißig. Jetzt ist er noch motivierter und trainiert manchmal fünf bis sechs Tage am Stück", sagt der Trainer, der seinem Schützling schon mal die Notwendigkeit ausreichender Regenerationspausen vor Augen führen muss.

Sein Ziel, auch international den Durchbruch zu schaffen, hat Benjamin Rudiger nie aus den Augen verloren. Die Europa- und Weltmeisterschaften im Juli und September werden für ihn in diesem Jahr noch zu früh kommen. "Vielleicht", so seine leise Hoffnung, "kann ich den letzten Weltcup in Maribor noch mitnehmen." Doch zunächst bleibt abzuwarten, wie sein Körper auf den harten Renneinsatz reagiert. "Das ist derzeit noch die große Unbekannte", meint Rudiger. Schon morgen, vermutlich, wird er schlauer sein.