Lokales

"Die Eröffnung der Tagesklinik im Schlössle war eine Pioniertat"

Beim Festakt im evangelischen Gemeindehaus von Oberensingen würdigten alle Redner, darunter Landrat Heinz Eininger und Nürtingens Oberbürgermeister Otmar Heirich, die Eröffnung der Tagesklinik im Schlössle 1984 als Pionierleistung.

NÜRTINGEN Vor 20 Jahren, als die Tagesklinik im Schlössle gegründet wurde, betrat man Neuland. Bis dahin waren psychisch kranke Menschen überwiegend vollstationär und oftmals weit weg von ihren Wohnorten in Kliniken behandelt worden. Die Tagesklinik der Samariterstiftung in Oberensingen war eine der ersten teilstationären Kliniken. Die Patienten kommen morgens, gehen abends und am Wochenende bleiben sie zu Hause. Darüber hinaus arbeitet die Klinik, ohne an ein vollstationäres Krankenhaus angegliedert zu sein.

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Nach 20 Jahren gibt es mittlerweile ein flächendeckendes Netz mit Tageskliniken. "Sie sind bei der Versorgung psychisch Kranker nicht mehr wegzudenken", sagte Christian Kächele vom Vorstand der Samariterstiftung in seiner Begrüßung. Das werde auch in Zukunft so bleiben. Die Betreuung psychisch kranker Menschen ist übrigens nur eine der Aufgaben der Stiftung. Sie engagiert sich auch in der Behinderten- und Altenbetreuung. Rund 2 200 Angestellte kümmern sich um rund 4 000 Patienten.

Landrat Eininger unterstrich in seinem Grußwort die Bedeutung des Krankenhauswesens und der psychiatrischen Versorgung im Kreis Esslingen. Mittlerweile sei die wohnortnahe Versorgung ein Stück Normalität geworden. In diesem Zusammenhang hob er unter anderem die Verdienste der ehemaligen Chefin der Tagesklinik, Dr. Gertraude Ralle, hervor. Psychiatrische Tageskliniken seien ein alltagsnahes Angebot und zwischen ambulanter und stationärer Behandlung unverzichtbar.

Die Ausgestaltung gemeindenaher Versorgung sei eigentlich vollzogen, urteilte der Kreis-Chef. Dennoch sei gerade vieles im Fluss. "Der Kreis hat hier die Schrittmacherfunktion", sagte Eininger. Eine Tagesklinik für ältere Menschen gebe es nun in Nürtingen, eine weitere soll auf den Fildern entstehen. Ein Kinder- und Jugendpsychiatrisches Zentrum für die Kreise Esslingen und Göppingen werde geplant.

Auch Oberbürgermeister Otmar Heirich bekräftigte die Einschätzung, dass die Eröffnung der Tagesklinik eine Pioniertat gewesen sei. Bei einer Behandlung in Tageskliniken könnten die Patienten abends und am Wochenende ins gewohnte Umfeld zurück. Der Rückkehrschock sei dann nach einer Therapie nicht so groß. Der Kreis Esslingen sei in dieser Hinsicht vorbildlich. Und an die Adresse der Verantwortlichen von der Samariterstiftung: "Wir sind stolz, dass Sie gerade hier in Nürtingen so aktiv sind." Die Arbeit der Menschen in der Tagesklinik gehe oftmals über das selbstverständliche Maß weit hinaus. Heirich: "Hier arbeiten viele motivierte Menschen."

Dr. Andreas Schlingensiepen ist Chefarzt der Psychiatrischen Abteilung des Nürtinger Kreiskrankenhauses. Richtig sei es gewesen, so der Arzt, auf seine Anregung hin die Leitung der Tagesklinik von der Leitung der psychiatrischen Abteilung abzukoppeln. Dazu hätten die Kreistags-abgeordneten viel Mut aufbringen müssen. Mut, der sich bezahlt gemacht habe. Schlingensiepen: "Wir sind auch verantwortlich für das, was wir nicht tun." Für die Zukunft wünschte er sich weiterhin eine "herzliche Verwandtschaft" zwischen stationärem Krankenhaus und Tagesklinik.

"An erster Stelle des Handelns steht immer der Mensch", proklamierte Heinz Decker, stellvertretender Geschäftsführer der AOK Nürtingen-Kirchheim, eingangs seines Grußwortes. Gerade in wirtschaftlich schweren Zeiten sei es wichtig, mutig neue Wege zu beschreiten. Ein solch neuer Weg sei die Eröffnung der Tagesklinik tatsächlich gewesen. Auch die Krankenkasse als Kostenträger habe sich damals erst von dieser Idee überzeugen lassen müssen. Heute bestätigten die Erfahrungen die Richtigkeit der Entscheidung. Die Behandlung in Tageskliniken sei wesentlich günstiger als die Behandlung in vollstationären Häusern. Angesichts der zu erwartenden Zunahme psychischer Erkrankungen bleibe es wichtig, kreativ neue Behandlungsmöglichkeiten zu erschließen.

Die Bedeutung der Angehörigengruppe unterstrich Albert Bross in seinem Grußwort. Man treffe sich zum Erfahrungsaustausch und fasse dabei oft Mut, über Probleme zu sprechen, berichtete das Gruppenmitglied. Neu Betroffene könne die Gruppe beraten und unterstützen. Wichtige Informationen könnten dabei vermittelt werden.

Dr. Gertraude Ralle war die erste Leitende Ärztin der Tagesklinik im Schlössle. Sie blickte zurück auf die Geschichte. Das Streben nach einer hohen Behandlungsqualität sei in einer Tagesklinik ohne direkte Anbindung an ein vollstationäres Krankenhaus größer. Es werde bei Problemen nicht gleich zurückverlegt. Deshalb sei es richtig gewesen, die Klinik autonom zu schaffen.

Ihre Rückschau wollte die Ärztin als "Plädoyer für die Tageskliniken" verstanden wissen, da der Schwerpunkt klinischer Arbeit immer noch auf einer vollstationären Versorgung liege. Ralle erinnerte sich, wie die Mitarbeiter der damals neuen Klinik durch das Streben nach einer menschenwürdigen Psychiatrie verbunden gewesen seien. Eine Reform sollte die berüchtigten Zustände in den so genannten Anstalten beseitigen, psychische Krankheiten sollten mit körperlichen gleichgestellt werden. Zum einen sollten Patienten nicht mehr nur verwahrt, sondern nach ihrer Behandlung wieder in ihr Umfeld integriert werden. Zum anderen galt es, die Patienten in ihrer Individualität und Persönlichkeit wahrzunehmen. Ralle: "Dazu gehört ein achtungsvoller partnerschaftlicher Umgang."

Irrwege und Sackgassen hätten die Mitarbeiter manchmal beschritten. Das Team sei eng verwoben gewesen, und schließlich halfen auch die Patienten in einem Miteinander mit, den geeigneten therapeutischen Weg zu gehen. Macht und Einfluss habe man im Zuge eines partnerschaftlichen Verhältnisses als Therapeut abgegeben. In Konfliktfällen sei dies schwer gewesen. Ralle resümierte: "Die Tagesklinik wurde zur Chance für Mitarbeiter und Patienten." Abschließend kritisierte die Ärztin die Dominanz wirtschaftlicher Erwägungen in der Gesundheitspolitik. Die Ökonomie dürfe den medizinischen Fortschritt auch auf Seiten der Psychiatrie nicht behindern.

Einen Ausblick wagte der Leitende Arzt Dr. Peter Czisch. Die tagesklinische Behandlung sei für viele Krankheiten schon der eigentliche Standard, obwohl man den Rückhalt einer vollstationären Psychiatrie brauche. Ein Geflecht von Vereinbarungen und Beziehungen zu Klinik und Personal ersetze in der Tagesklinik den starren Rahmen vollstationärer Versorgung: "Wir sind ein Ort intensiver psychiatrisch-psychotherapeutischer Hilfe, eben ein Krankenhaus, ohne dass damit eine Einschränkung der Eigenverantwortung nötig ist."

Czisch beschrieb die Geschichte der Tageskliniken als Erfolgsgeschichte. Deshalb würden auch mehr solche Kliniken entstehen. Differenzierte Angebote für verschiedene Patientengruppen, zum Beispiel für junge Menschen mit oder ohne Drogenproblemen, könnten so künftig ermöglicht werden. Laut Czisch stehe die Tagesklinik im Spannungsfeld zwischen diakonischem Auftrag und Wirtschaftlichkeit. Auch er warnte vor einer Dominanz wirtschaftlicher Aspekte: "Einsparungen in der Tagesklinik bedeuten, dass mit weniger Personal das haltende Beziehungsgeflecht ausgedünnt wird, was letztlich zu mehr geschlossenen Türen statt zu den Menschen führt."

Zwei Patientinnen ließen es sich nicht nehmen, den Verantwortlichen für ihre Arbeit zu danken ein würdiger Abschluss der Feier.

nz