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Die ersten Verträge sind bereits gekündigt

Um vor allem Kindern den Zugang zu Zigaretten zu erschweren, rückt die Kirchheimer Antiraucheninitiative den Glimmstängel-Automaten zu Leibe. Im Oktober startete das Pilotprojekt in Ötlingen, und inzwischen haben bereits die ersten Hausbesitzer die Verträge mit den Automatenfirmen gekündigt.

FRANK HOFFMANN

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KIRCHHEIM "Etwa die Hälfte der Grundstückseigentümer macht mit", freut sich Initiator Martin Lempp über den ersten Erfolg der Kampagne. Als Schulsozialarbeiter in der Kirchheimer Freihof-Realschule und Mitarbeiter des Brückenhauses erlebt er täglich, dass bereits 12- oder 13-Jährige zu Zigaretten greifen. "Je jünger die Mädchen und Jungen mit dem Rauchen beginnen, desto gravierender sind die gesundheitlichen Folgen und desto schwerer fällt es ihnen, wieder aufzuhören", weiß er und hat deshalb gemeinsam mit Hermann Sommer, Mitarbeiter des sozialen Dienstes der Stadt Kirchheim, die Antirauchenkampagne ins Leben gerufen. Für die Schirmherrschaft konnten Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker und Sprinter-Star Tobias Unger gewonnen werden.

Im Oktober fiel der Startschuss für die Aktion, als Pilotgebiet wurde der Stadtteil Ötlingen auserkoren. Mit tatkräftiger Unterstützung durch Ortsvorsteher Hermann Kik, Vereine, Schulen, Kirchen, Ortschaftsrat und Fraktionen wurde ein Aktionsprogramm ausgearbeitet, um die Öffentlichkeit für die Gefahren des Zigarettenkonsums zu sensibilisieren und Kindern und Jugendlichen den Einstieg zum Rauchen zu erschweren. Alle Grundstückseigentümer, auf deren Gelände ein Glimmstängel-Automat steht, wurden angeschrieben und gebeten, den Vertrag mit der Automatenfirma zu kündigen. Inzwischen haben Martin Lempp und Hermann Sommer zudem mit allen Hausbesitzern gesprochen und sind angesichts der ersten durchaus positiven Resonanz zuversichtlich. "Drei der 25 betroffenen Grundstückseigentümer haben bereits gekündigt", sagt Lempp. Neun weitere werden folgen, "und einige ziehen nach, sobald auch die Schulen ein generelles Rauchverbot aussprechen", ergänzt Hermann Sommer. Ein klares Nein gab's nur von Wenigen. "Einzelne sagten, sie seien aufs Geld angewiesen, eine Kneipe will die Gäste nicht verärgern, und eine Stuttgarter Wohnbaugesellschaft lehnte mit Verweis auf angebliche Pauschalverträge ab", erzählen Lempp und Sommer.

Parallel dazu läuft gerade eine Unterschriftenaktion in Ötlingen, es gab Gespräche mit den Schulen und eine Informationsveranstaltung zum Thema Drogen, die auf sehr großes Interesse stieß. Im kommenden Jahr ist deshalb ein weiteres Gespräch geplant. Gleichzeitig laufen die Vorbereitungen, um die Antirauchenkampagne auf das gesamte Stadtgebiet auszudehnen. Die Automatenstandorte werden gerade erfasst, und Martin Lempp ist auf der Suche nach weiteren Mitstreitern.

Die engagierten Bemühungen wider den blauen Dunst sorgen natürlich nicht nur für Begeisterung. Der Landesverband der Tabakwaren-Großhändler und Automatenaufsteller setzt sich in einem Schreiben an Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker gegen die "einseitige Darstellung" zur Wehr und verweist auf die Bemühungen des Verbands in Sachen Jugendschutz. Ein großer Automatenaufsteller hat sich mit einem ähnlichem Schreiben an Martin Lempp gewandt, der eine derartige Reaktion erwartet hatte: "Schließlich geht es um sehr viel Geld." Im November wurde ein 59-jähriger Kirchheimer von der Polizei auf frischer Tat ertappt, als er den Münzeinwurf-Schlitz eines Zigarettenautomaten mit einem Kaugummi zuklebte, erzählt er. Seit Juni hatte er den Automaten in Ötlingen immer wieder mittels Kaugummi "lahmgelegt". Der Umsatzausfall in diesen sechs Monaten wurde auf 6 000 Euro beziffert. "Rechnet man das aufs Jahr und allein die 25 Automaten in Ötlingen hoch, kommt eine stolzer Betrag zusammen", staunt Lempp über die enormen Geldsummen, die Monat für Monat in den Zigarettenautomaten "versenkt" werden. Aufgrund der handfesten wirtschaftlichen Interessen begegnet der Sozialpädagoge der "freiwilligen Selbstbeschränkung" der Tabakwarenhändler mit "großer Skepsis".

Unter anderem verweisen Verband und Automatenaufsteller auf die freiwillige Verpflichtung hin, keine Zigarettenautomaten im Umfeld von Schulen und Jugendzentren aufzustellen. Etliche Automaten seien deshalb abmontiert worden. Einige müssen wohl dennoch vergessen worden sein, sagt Lempp, denn "allein in der Nähe der Freihof-Realschule hängen zwei Automaten."

Nicht freiwillig sind dagegen die Regelungen des Jugendschutzgesetzes. Demnach dürfen ab 2007 Zigarettenautomaten an öffentlich zugänglichen Orten nur noch stehen, wenn sichergestellt ist, dass keine Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren Tabakwaren kaufen können. Erreichen will der Verband dies über eine Chipkartenlösung. "Die Kreditwirtschaft wird die Bankkarten deshalb mit einem Altersvermerk ausstatten", schreibt der Verband. Wer am Automaten Kippen kaufen will, muss sich mit der Bankkarte legitimieren. 300 bis 350 Millionen Euro würden die Betriebe investieren, um alle Automaten bis 2007 mit den notwendigen Kartenlesegeräten auszustatten.

Martin Lempp bleibt dennoch skeptisch. "Nach der Einschätzung Sachverständiger lassen sich Kinder von dem Geldkartensystem nicht abhalten. Viele haben mir gesagt, dass sie sich dann eben von Älteren die Geldkarte leihen, um am Automaten Kippen kaufen zu können." Aus diesem Grund will Lempp von seinem Ziel, die Zigarettenautomaten aus Kirchheim zu verbannen, nicht abweichen. "Leider greifen immer mehr Jungen und Mädchen immer früher zu Zigaretten. Dagegen müssen wir vorgehen und alles tun, um die Kinder vom Rauchen abzuhalten."