Lokales

Die fiesen Tricks der Teer-Kolonnen

Betrügerische Banden kommen häufig aus England oder Irland – Auch den Versuch der Polizei melden

In den vergangenen Tagen ist wieder eine der meist von den britischen Inseln anreisenden Banden im Kreis Esslingen unterwegs gewesen. Für die Polizei ist das eine altbekannte Masche. Doch den Betrügern ist nur schwer beizukommen.

Nichts als Splitt ist in der Firmeneinfahrt von Franco Vetrano in Oberesslingen zurückgeblieben, wo doch alles frisch geteert se
Nichts als Splitt ist in der Firmeneinfahrt von Franco Vetrano in Oberesslingen zurückgeblieben, wo doch alles frisch geteert sein sollte. Foto: Roberto Bulgrin

Kreis Esslingen. Für Franco Vetrano hörte sich das Angebot nach einer günstigen Gelegenheit an. Die Einfahrt zu seinem Betrieb in der Fritz-Müller-Straße in Oberesslingen, in dem er seit mehr als 20 Jahren Zahnrad- und Getriebebau betreibt, wies einige Löcher auf. Die fünf freundlichen englischsprachigen Männer versprachen schnelle Hilfe. Sie hätten noch etwas Teer von einer anderen Baustelle übrig und würden seinen Hof frisch asphaltieren – umgehend. Auf einem großen, dunkelblauen Lastwagen hatten sie das Material geladen, auf einem anderen war eine Walze. Beide Lastwagen hatten englische Kennzeichen. Vetrano ließ sich am Firmentor überreden, ging in seine Werkhalle, und die Teer-Truppe machte sich ans Werk. Nach zwei Stunden schaute einer der fünf bei ihm vorbei, die Rechnung betrug gut 2 000 Euro. 1 500 Euro gab der Unternehmer in bar, den Rest wollte er überweisen. Die Kolonne war daraufhin so schnell verschwunden wie sie gekommen war.

Anzeige

Als Vetrano das Werk genauer inspizierte, wurde er stutzig. „Das war schlechte Arbeit“, sagt er. Nur an den Rändern war etwas von einer schwarzen, klebrigen Masse zu erkennen, der Rest war Splitt. Er wollte reklamieren. Doch auf der Rechnung war zwar eine Stuttgarter Bankverbindung und die Umsatzsteuer ausgewiesen, aber keine Telefonnummer. Die Recherche nach der Firma im Internet blieb ergebnislos. Am nächsten Morgen informierte Vetrano die Polizei.

Solche betrügerischen Teer-Kolonnen kennen die Ermittler, sie seien seit Jahren hierzulande unterwegs. „Fast immer sind es Iren mit englischen Autos“, sagt Christine Menyhart, Sprecherin der Esslinger Polizei. Wobei seit Kurzem auch Arbeiter aus dem Osten Europas rekrutiert werden. Doch die Strippenzieher sitzen auf den Inseln. Und die Vorgehensweise ist stets die gleiche: Die Arbeiter stehen ohne Anmeldung vor der Tür und bieten das Asphaltieren des Hofs an. Indem sie sich von ihrer Ursprungsforderung deutlich herunterhandeln lassen, verstärken sie den Schnäppchencharakter. Umgehend machen sie sich ans Werk, häufig wird der alte Belag mit dem Pickel aufgeschlagen. Dann wird Flüssigbitumen aufgetragen. „Total minderwertig“, sagt Menyhart. Dann kommt viel Splitt drauf. Der müsse am nächsten Tag einfach weggefegt werden, dann werde das gewünschte Ergebnis sichtbar, wird versprochen. Doch dann wird der Pfusch erst sichtbar – und die Bauarbeiter sind nicht mehr greifbar.

Opfer werden sowohl Firmen wie auch Privatleute, sagt Menyhart. Im Landkreis Esslingen wurden im vergangenen Jahr acht solcher Fälle polizeibekannt. Doch die Betrüger kennen keine Kreisgrenzen. Die Böblinger Polizei ordnet den Kolonnen sogar Wohnwagen-Diebstähle vom Hof eines Händlers zu.

Frank Natterer, der Sprecher der Böblinger Polizeidirektion, verdeutlicht die Problematik: Die Täter hätten keinen Wohnsitz in Deutschland, sie seien ständig auf Achse und daher nur schwer zu greifen. Und würde man die Betrüger in England oder Irland tatsächlich aufspüren, mahlten die Mühlen der Bürokratie sehr langsam. Greife man den einen oder anderen in Deutschland auf, sei der nach der Zahlung einer recht geringen Sicherheitsleistung schnell wieder draußen. Der Sprecher vermutet bei den Teerbanden-Fällen eine Dunkelziffer, da sich manch einer aus Scham nicht bei der Polizei melde. Und Natterer ist davon überzeugt: „Auch in diesem Sommer werden wieder Kolonnen kommen.“

Dann sollte man das Angebot strikt ablehnen – und umgehend die Polizei informieren. Denn je eher sich die Wege der Kolonnen nachvollziehen lassen, umso Erfolg versprechender sei eine Fahndung. Ein Firmeninhaber in Sielmingen hat sich kürzlich richtig verhalten: Dem kam das englische Angebot spanisch vor, und schon nach der Drohung mit der Polizei hätten die Arbeiter das Gelände fluchtartig verlassen.

Franco Vetrano hat den ausstehenden Rechnungsbetrag nicht mehr überwiesen. Er wird nun die Einfahrt von einer Fachfirma instand setzen lassen. Eines ist ihm wichtig: „Mir geht es darum, dass nicht auch noch andere darauf hereinfallen.“