Lokales

Die Fliegen werden's nie lernen

Er liegt auf dem Sofa, lang ausgestreckt, den Mittagsschlaf hat er verdient. Und wenn es nur 10 Minuten sind, der kurze Schlaf wird ihn erfrischen. Seine Gedanken machen sich auf die Reise. Herrlich, dieser Zustand zwischen Wachen und Schlafen! Aber er wird zurückgeholt aus dem Reich der Träume. Erst nimmt er nur ein leises Surren wahr, und er kann es verdrängen. Aber es hört nicht auf und wird zum nervtötenden Brummen einer Kreatur, die sich aufgemacht hat, ihm durch ihr Auf und Ab an der Scheibe die zehn schönsten Minuten des Tages zu vergällen. Er springt auf, sieht die Fliege, greift zur Zeitung und für einen Moment leuchtet Mordlust aus seinen Augen, doch dann besinnt er sich auf seine pazifistische Grundhaltung, räumt den Sims ab und öffnet das Fenster. Er wird dieses Geschöpf hinaus in die Freiheit lassen. Ein langer Kampf beginnt . . .

Als sein Wecker klingelt, schließt er das Fenster, stellt das Usambaraveilchen an seinen Platz und verlässt das Zimmer. Zurück bleibt die Fliege, die sich nicht davon abbringen ließ, gegen die Scheibe zu fliegen.

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Wahrscheinlich werden es die Fliegen nie lernen, dass der Weg in die Freiheit ein anderer ist als der, den sie sich in den Kopf gesetzt haben. Immer werden sie meinen, sie könnten durch die Scheibe in die Freiheit gelangen. Und selbst durch gut gemeinte Schubser mit der Zeitung, lassen sie sich kaum von ihrem Kurs abbringen, obwohl das offene Fenster oft so nahe wäre. Auf der Suche nach Freiheit und Glück, landen auch wir oft an Scheiben. Indem wir uns zu Herren über unser eigenes Leben und die Welt machen, fliegen wir in die Irre und landen an der Scheibe und dort surren wir auf und ab. Wir spüren, dass bei der Art, wie wir leben, etwas nicht stimmt. Aber obwohl wir sehen, dass wir unsere Welt mehr und mehr zerstören, obwohl wir sehen, dass andere Menschen unter unserem Egoismus leiden, hören wir nicht auf, das Glück durch materiellen Wohlstand, durch Selbstverwirklichung oder durch den Aufstieg auf der Karriereleiter herbeizwingen zu wollen. Obwohl wir die Sackgasse spüren, surren wir weiter an der Scheibe auf und ab, die uns von der Freiheit trennt.

Am Mittwoch ist Buß- und Bettag.

Uns, die wir den Weg in die Freiheit oft nicht finden, gilt die Botschaft dieses Tages: "Flieg nicht weiter gegen die Scheibe! Es gibt einen Weg in die Freiheit, lass ihn dir zeigen!" Jesus ist uns den Weg in die Freiheit vorangegangen, den Weg der Liebe.

Buße tun ist nichts Quälendes oder Trauriges, Buße tun ist nicht altmodisch. Buße tun heißt, umkehren, wegfliegen von der Scheibe, sich helfen lassen in die Freiheit.

Roland Conzelmann

Pfarrer der evangelischen Kirche

in Jesingen