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"Die fundierte Beratung wird mir fehlen"

Über Jahrzehnte war das Fachgeschäft Draht-Stark eine nicht wegzudenkende Institution in der Kirchheimer Innenstadt. Heute endet die Geschichte der Firma: Ella und Waldemar Stark verabschieden sich in den wohlverdienten Ruhestand.

FRANK HOFFMANN

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KIRCHHEIM "Ja, moa soll i denn na mai Scher schleifa lau?" will die verzweifelte Kundin wissen, als sie vom bevorstehenden Aus des bekannten und beliebten Ladens in der Kirchheimer Schuhstraße erfährt. Eine typische Reaktion, wie sie Ella und Waldemar Stark in den vergangenen Tagen immer wieder erlebt haben. Viele treue Kunden aus Kirchheim und dem Umland bedauern das Verschwinden des Familienbetriebs sehr. "Vor allem die fundierte Beratung wird mir fehlen", sagt eine ältere Frau. Ob Nägel, Schrauben, Schlösser, Winkel, Haken, Ketten, Drähte oder Werkzeuge und Gartengeräte die Häusles- und Grundstücksbesitzer wussten die gut sortierte Auswahl und den fachkundigen Rat der Starks zu schätzen. Am Entschluss der Familie Stark ändern die einhelligen Sympathiebekundungen freilich nichts.

1966 übernahm Waldemar Stark Firma und Laden vom Vater. Inzwischen ist er 66 Jahre alt und hat damit allen Grund, sich in den wohlverdienten Ruhestand zu verabschieden und mit seiner Frau all dies zu genießen, "wofür uns bislang die Zeit fehlte".

Die Wurzeln des Unternehmens gehen bis ins Jahr 1843 zurück. Damals gründete Emanuel Schimming in der Kirchheimer Paulinenstraße eine "Drahtweberei, Sieb- und Drahtwarenfabrikation". Von ihm ging die Firma an seinen Sohn über. Nach dessen Tod führte seine Frau einige Zeit den Betrieb allein weiter. Bereits damals hatte sie in ihrem Mitarbeiter Karl Friedrich Stark den Großvater von Waldemar Stark eine wertvolle Stütze. 1910 verkaufte sie die Firma schließlich an Karl Friedrich Stark. Die Drahtweberei fertigte damals Drahtgewebe für unterschiedlichste Zwecke, vor allem für Zäune, Siebe und Gitter. Mitte der 30er-Jahre folgte der Umzug an den heutigen Firmensitz in der Schuhstraße. Nach dem Tod von Karl Friedrich Stark im Dezember 1945 leitete zunächst dessen Frau die Geschäfte, bis ihr Sohn Emil Stark aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde. 1966 übernahm Waldemar Stark den Familienbetrieb, und allmählich bekam der Handel einen immer stärkeren Stellenwert. Zaunpfosten, Gartentore und unterschiedlichste Zubehörteile wurden ins Sortiment aufgenommen, und der Zaunbau wurde das zentrale Standbein des Betriebs. Bis vor wenigen Jahren gehörte dieser Bereich übrigens zu den vielen ausgefallenen und sehr geschätzten Service-Leistungen von Draht-Stark.

Die Eigenproduktion schlief schließlich komplett ein, dafür wurde die Produktpalette im Laden ständig erweitert. "Irgendwie hat sich immer alles um den Garten gedreht", beschreibt Waldemar Stark die Entwicklung zum gefragten und sehr gut sortierten Fachgeschäft. Obendrein gab's kaum mehr zu findende Dienstleistungen im Angebot wie das Schleifen von Scheren und Messern.

In ihrer Nische hatten sich Ella und Waldemar Stark sehr gut eingerichtet und konnten so auch in den vergangenen Jahren trotz der übermächtigen Konkurrenz durch die Baumärkte bestehen auch wenn's mit Sicherheit kein Zuckerschlecken war. "Guten Gewissens könnte ich niemanden ermuntern, das Geschäft zu übernehmen", sagt Waldemar Stark. Es wäre den Starks deshalb auch nie in den Sinn gekommen, die beiden Kinder zu drängen, in die Fußstapfen ihrer Vorfahren zu treten.

Somit verschwindet wieder einmal ein alteingesessener Familienbetrieb aus der Kirchheimer Innenstadt. Ella und Waldemar Stark können endlich die langen Wochenenden genießen, sich ausgiebig um den großen Garten kümmern oder mal eine längere Urlaubsreise angehen. Bislang war ihnen das nicht vergönnt. "Erst in den letzten Jahren haben wir uns drei Wochen Urlaub zugestanden", erzählt Ella Stark, "früher waren's nur zwei Wochen." Die Zukunft des Gebäudes in der Schuhstraße ist noch ungewiss. Ernsthafte Interessenten für die Ladenfläche gibt es bislang nicht, so dass die Familie auch daran denkt, das Haus zu verkaufen.