Lokales

Die fußballerische Zukunft trägt Blau

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Weiß-Rot hat bei den Blauen die Oberhand. Sami Khediras Siegtreffer, der dem VfB Stuttgart am Samstag die Meisterschale bescherte, erlebten etliche Spieler aus der A-Jugend-Mannschaft des VfL Kirchheim auf dem Stuttgarter Schlossplatz mit. Zu diesem Zeitpunkt war das "Double" noch möglich: Zuerst die große Party mit dem VfB, tags darauf der Bundesligaaufstieg mit der eigenen Mannschaft. Es hätte das perfekte Wochenende werden können. Doch was viele befürchtet hatten und dennoch niemand so recht glauben wollte: Am Samstag um 17.18 Uhr hatte Fortuna ihr Pulver bereits verschossen.

"Keiner hat die Hoffnung aufgegeben", beschreibt Toni Ferrenzzano die Stimmung in seiner Mannschaft vor dem Herzschlagfinale gegen den Tabellenletzten aus Konstanz. Der Trainer brauchte nicht lange in der psychologischen Trickkiste zu kramen. "Jeder wusste, was auf dem Spiel stand, und jeder wusste, dass Offenburg auswärts Schwächen hat." Ein sicherer Sieg zuhause hätte gereicht, so lange die Badener in Pforzheim über ein Unentschieden nicht hinaus gekommen wären. Vergessen der Schock im unglückseligen Freiburg-Spiel, als der VfL in den letzten Sekunden einer überlegen geführten Partie noch den Ausgleichstreffer hinnehmen musste und damit am vorletzten Spieltag die Tabellenführung aus den Händen gab.

Doch die Rechnung ging nur bis zur 52. Minute auf. Als im Pforzheimer Holzhof-Stadion den Gästen die glückliche Führung gelang, lag der VfL bereits mit 4:0 vorn. VfL-Co-Trainer Erol Sarikoc, der Mann mit dem direkten Draht in die Goldstadt, hatte auf der Bank wenig Chancen, die Hiobsbotschaft unterm Deckel zu halten. Das Schützenfest an der Jesinger Allee mit einem Schlag ein Muster ohne Wert. Da war es auch wenig tröstlich, dass VfL-Goalgetter Fatih Özkahraman mit sage und schreibe sieben Treffern seine Saisonbilanz auf 31 Tore schraubte und sich damit nun die Torjägerkrone in der Oberliga aufsetzen darf. Doch auch in der bittersten Stunde bewies man beim VfL sportliche Größe: Der Dank in Form einiger Resttickets fürs heutige Freundschaftsspiel gegen die Münchner Löwen ging an die Adresse der Pforzheimer, die mit großem Kampfgeist und einigen hochkarätigen Chancen die Blauen mehr als eine Halbzeit lang im Rennen hielten.

"Wenn du so nah dran warst", sagt Toni Ferrenzzano, "ist es hinterher schwer, die richtigen Worte zu finden." Für den Traum von der Bundesliga stellte der VfL-Nachwuchs vieles hinten an. 120 Trainingseinheiten in dieser Saison zeugen von der eisernen Disziplin, mit der das große Ziel verfolgt wurde. Da liegt es auf der Hand, dass nach dem Schlusspfiff am Sonntag in der Kabine die eine oder andere Träne kullerte und auch bei der anschließenden Grillparty keine rechte Stimmung aufkommen wollte. Untröstlich: Armin und Almir Ohran, das Zwillingspaar im VfL-Team, das just am Sonntag seinen 18. Geburtstag feierte und sich schon im Vorfeld jegliche Geschenke außer der Meisterschaft verbeten hatte.

Ein Scherbenhaufen ist es freilich nicht, der am Ende einer großartigen Saison bei den VfL-Junioren zurück bleibt. Ganz im Gegenteil: Der württembergische Meistertitel ist weit mehr, als der Aufsteiger in seinem ersten Jahr in der zweithöchsten deutschen Spielklasse erwarten durfte. Wie ein edles Gewächs wird der 88er-Jahrgang in VfL-Kreisen mit einigem Respekt goutiert. Und weil der Erfolg sich nicht als Zufallsprodukt, sondern als Ergebnis jahrelanger Aufbauarbeit in der VfL-Fußballschule darstellt, ist nicht minder vielversprechend, was nachkommt.

Eine Geduld, die sich bald auszahlen könnte. Während man beim VfL lange Zeit als Kaderschmiede für die höherklassige Konkurrenz herhalten musste, ist die Zeit reif, die eigene Ernte einzufahren. Den Oberligaaufstieg vor Augen, drängen sich mit Mittelfeldregisseur Dominik Kaiser und Torjäger Fatih Özkahraman zwei Kandidaten für einen Platz in der ersten Mannschaft auf. Letzterer absolvierte vor Wochen bereits ein Probetraining mit der Regionalligamannschaft des VfB, wird dem Verein jedoch die Treue halten zugunsten einer Ausbildung als Elektriker. Als Energiebündel und Experte in Sachen Hochspannung kann da eigentlich nicht viel schief gehen.