Lokales

Die Geheimnisse hinter einer alten Ofenplatte

Erinnerung an das Schlössle, einen Adelssitz in Dettingen, der beim Luftangriff am 20. April 1945 zerstört wurde

Dettingen. Heute steht an der Stelle des Schlössles, das am 20. April 1945 beim Jabo-Angriff auf Dettingen zerstört wurde, die „Schlössleschule“. Nur deren Name erinnert noch an

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Rolf Götz

den alten Adelssitz in der Ortsmitte, wo im 13. Jahrhundert die Adelsfamilie der „Münch von Dettingen“ und danach verschiedene Linien der Adelsfamilie der „Späth“ saßen. Einer Beschreibung von 1604 zufolge war das Anwesen hinter der Pfarrkirche, das damals Ludwig Späth von Höpfigheim gehörte und Behausung, Scheuer, Stallung und Garten umfasste, von einer Ringmauer umfangen. Seine Enkelin und Erbtochter Maria Dorothea heiratete 1691 den Obristleutnant Johann Nikolaus Hermes von Hermersdorff. Dieser ließ bald nach seiner Heirat anstelle der alten „Behausung“ ein barockes Schloss mit einem hochragenden Walmdach erstellen. Zum Schmuckstück wurde der Rittersaal im oberen Stockwerk mit einer bemalten hölzernen Kassettendecke, die im Mittelteil das Doppelwappen Späth-Hermersdorff zeigte.

Erst jüngst wurde bekannt, dass sich in Privatbesitz eine gusseiserne Ofenplatte erhalten hat, die wohl zum großen Ofen im Rittersaal gehört hat. Der gute Erhaltungszustand spricht dafür, dass die Ofenplatte bereits vor 1945 und nicht erst nach der Zerstörung des Schlössles in Privatbesitz gelangte. Die repräsentative Gestaltung der Ofenplatte mit den Initialen und der Jahreszahl 1707 zeigt, dass sie an der Frontseite des gusseisernen Ofens angebracht war. Die Mitte bildet das Vollwappen mit quadriertem Wappenschild, Helm, Adelskrone und Helmzier. Während das Wappen mit dem Pfeil (links unten und rechts oben) wohl auf die Mutter verweist, bezieht sich die männliche Figur (links oben, rechts unten und auf dem Helm) auf das Wappen des Johann Nikolaus Hermes von Hermersdorff.

Am 2. Dezember 1699 hatte ihn Kaiser Leopold I. in den Reichsritterstand erhoben und ihm den Namen „von Hermersdorff“ beigelegt. Wahrscheinlich hatte sich schon zuvor die Offiziersfamilie Hermes ein redendes Wappen zugelegt. Die Attribute der männlichen Figur zeigen nämlich, dass hier, der griechischen Mythologie folgend, der Götterbote Hermes dargestellt wurde. Er verkündete die Beschlüsse des Zeus und führte die Seelen der Verstorbenen in die Unterwelt. Dargestellt wurde er mit einem geflügelten Helm, geflügelten Schuhen oder geflügelten Schultern und dem zaubermächtigen goldenen Hermesstab, mit dem er einschläfern und Träume bewirken konnte. Der Stab ist von zwei einander anblickenden Schlangen umwunden. Durch ihre repräsentative Gestaltung zeugt die Frontplatte des Ofens vom Selbstbewusstsein des Schlossherrn.

Was ist über ihn bekannt? Sein Großvater Johann Hermes war lüneburgischer Oberst gewesen, vom Vater ist belegt, dass er Major und Kommandant zu Scherzfeld war. Johann Nikolaus Hermes, der Sohn des Majors, wurde in württembergischen Diensten Obristleutnant. In dieser Position war er Vertreter des Regimentskommandeurs, der den Rang eines Obersten hatte. Im Alter von 80 Jahren ist er 1724 gestorben und in der Dettinger Pfarrkirche beigesetzt worden. Zwei Jahre später starb seine Frau, die ihm als Mitgift das Dettinger Schlössle in die Ehe gebracht hatte. 1948 stieß man beim Wiederaufbau der Kirche auf die Hermersdorffsche Gruft. Außer den Knochen und einigen Kleiderresten fand man eine stark verwitterte Zinkplatte mit folgender Inschrift: „Anno 1724 den 24. May starb ich auf das Verdienst meines Jesu, Johann Nikolaus von Hermersdorff Stammvater des Hermersdorffschen Hauses als Leutnant-Obrist und Brigadier unter der Regierung Eberhard Ludwigs von Württemberg“.

Der Sohn Eberhard Ludwig wurde Hauptmann des Schwäbischen Kreises, starb aber früh. Dessen beide Söhne Friedrich Carl (geboren 1722) und Ernst Leopold (geboren 1726) traten in preußische Dienste.

Von der Familie des 1724 verstorbenen Johann Nikolaus Hermes von Hermersdorff wusste Albert Schüle, der Verfasser der 1981 posthum erschienenen Dettinger Ortsgeschichte, nichts Gutes zu berichten. „Der älteste der beiden früh verstorbenen Söhne, der Hauptmann Eberhard Ludwig, hatte einst im Übermut geprahlt, mit dem Roß in die Kirche einreiten zu wollen. Seine Frau Eleonore Juliane erfreute sich keines guten Rufes im Dorf. Nicht besser hielten sich die Töchter des Brigadiers.

Die mehrfach geschiedene Katharina Dorothea, im Dorf die Majorin genannt, war durch ihren leichtsinnigen Lebenswandel so heruntergekommen, daß sie für drei Monate ins Zuchthaus eingeliefert werden mußte. Loysa hatte den Forstmeister von Rothberg in Urach geheiratet. Sie wurde in jungen Jahren schon Witwe. In Dettingen stand sie in keinem hohen Ansehen. Ihre Tochter nahm zu guter letzt den Schulprovisor Hackh, von dessen Leistungen man im Dorf nicht viel hielt.“

1763 erwarb der Dettinger Amtmann Jakob Friedrich Klett das Schlössle. 1856 kaufte es der Lehrer Bolz, verkaufte es aber bereits 1867 an die Gemeinde, die hier Wohnungen für die Lehrer einrichtete. 1932 bezog der Dettinger Bürgermeister Wilhelm Faßnacht den oberen Stock. Er war der letzte Bewohner, der den prächtigen ehemaligen Rittersaal nutzen konnte. Vielleicht war zu seiner Zeit der repräsentative gusseiserne Ofen im Schlössle noch vorhanden, dessen letzter Überrest erst jetzt identifiziert werden konnte.