Lokales

Die Gentechnik als "Büchse der Pandora"

Percy Schmeiser, ein 77-jähriger Farmer aus Saskatchewan, berichtete in der völlig überfüllten Nürtinger Seegrasspinnerei von den Erfahrungen, die er selbst mit den Methoden des Konzerns Monsanto, dessen Mais auch von der Nürtinger Hochschule auf dem Hofgut Tachenhausen angebaut und getestet wird, hatte machen müssen.

HEINZ BÖHLER

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NÜRTINGEN "Wo sich die Bevölkerung gegen die Aussaat gentechnisch veränderter Pflanzen wehrt, kontaminieren wir die herkömmlichen Pflanzungen so lange, bis die Landwirte keine Wahl mehr haben", zitierte der kanadische Rapspflanzer und Gentechnik-Gegner Schmeiser einen Vertreter des Saatgut-Herstellers Monsanto, mit dem er seit vielen Jahren im juristischen Clinch lebt. Übersetzt lautet das häufig zitierte Motto Monsantos: "Keiner soll etwas essen, das er nicht bei uns kaufen muss." Und genau so, folgt man den Schilderungen des Kanadiers, scheinen die Angestellten des amerikanischen Saatgutherstellers bereits vor zwölf Jahren in Kanada agiert zu haben. Damals sei ihm, so Schmeiser, plötzlich ein Brief eines Monsanto-Anwaltes ins Haus geschneit, in dem er aufgefordert worden war, für die unlizenzierte Nutzung eines von ihm niemals bestellten noch wissentlich angewandten Monsanto-Produktes eine hohe Summe kanadischer Dollars zu bezahlen.

Schmeiser wehrte sich gerichtlich gegen diesen Vorwurf, hatte er doch lediglich eigenes, von ihm selbst auf die regional herrschenden Bedingungen gezüchtetes Raps-Saatgut ausgebracht. Die Forderung des Weltkonzerns und der Widerspruch des streitbaren Farmers gingen bis vor den kanadischen Supreme Court. Das höchste Gericht des nordamerikanischen Bundesstaates entschied, dass er, der Gegner aller gentechnischen Veränderungen an Pflanzen, nichts für einen von ihm bekämpften, jedoch offenbar trotzdem nicht verhinderbaren Eintrag in das genetische Programm des von ihm angebauten Pflanzgutes an jenen Saatguthersteller zu bezahlen hätte. Der Konzern hatte diesen Prozess, wie der Pflanzer später erfuhr, lediglich als eine Art Versuchsballon gestartet, um zu sehen, wie weit man mit der Gängelung der Bauern im Nachbarstaat der USA gehen kann.

"Ich bin nicht nach Deutschland gekommen, um ihnen zu sagen, was Sie tun sollen", wandte sich der unfreiwillig zum Bürgerrechtler gewordene Landwirt an seine zahlreichen Kollegen im Publikum des hoffnungslos überfüllten Saales (weitere hundert Personen erlebten die Veranstaltung über eine Konferenzschaltung in einem getrennten Raum), "ich kann Ihnen nur meine Geschichte erzählen und wie meine Familie und ich durch eine Hölle gehen mussten."

Percy Schmeiser hatte einen Original-Vertrag mitgebracht, mit dem der mit den deutschen Chemie-Giganten Bayer und BASF verbandelte Konzern Monsanto seine bäuerlichen Partner nicht nur an sich und seine Produkte bindet, sondern sie zudem noch mundtot macht und sie weiter Teile ihres Privatlebens beraubt. "Wer unterschreibt denn so etwas?", lautete die empörte Frage eines Besuchers auf Percy Schmeisers Zitat einiger Paragrafen aus den allgemeinen Geschäftsbedingungen, die der Saatguthersteller seinen Kunden aufzuzwingen versucht. Darin finden sich eine Schweigepflicht über den Vertragsinhalt gegenüber Dritten ebenso wie ein angemaßtes Recht, die Steuerunterlagen des Kunden auch gegen dessen Willen überprüfen zu dürfen.

Haben die selbst ernannten Herren der (Nahrungsmittel-)Welt ihrer Ansicht nach Ursache zu vermuten, dass sich ihr meist legal auf Versuchsfeldern ausgebrachtes Saatgut auf natürliche Weise durch Insekten, Wind oder Bewässerung mit dem eigenen der Farmer vermischt haben könnte, bekommen diese laut Schmeiser Erpresserbriefe zugeschickt, die mitteilen, dass man gegen eine Abstandszahlung von 100 000 Dollar eventuell bereit sei, auf das Beschreiten des Klageweges, der den Beklagten die Farm kosten könne, zu verzichten.

Oft sei er, erzählte der 77-Jährige, nachts aufgewacht und habe sich fragen müssen, was er sich und seiner Familie mit seinem Widerstand gegen solche Versklavungsversuche eines milliardenschweren Weltkonzerns da antue, seine tiefgläubige Ehefrau habe viele Nächte lang mehr gebetet als geschlafen, dennoch hätten sie beschlossen, solange sie beide atmeten im Widerstand gegen den Anbau genmanipulierter Pflanzen nicht nachzulassen. Dieser, so Percy Schmeiser, sei wie der Inhalt der Büchse der Pandora: einmal freigelassen, gebe es keinen Weg mehr zurück.

Und welche Folgen das für die vorher selbstständigen Landwirte in Kanada hat, beschreibt er so: "Wurde den Farmern zunächst ein höherer Ertrag, ein verbesserter Nährwert und eine geringere Notwendigkeit der Nutzung von Pflanzenschutzmitteln versprochen, war nach wenigen Jahren klar, dass das Gegenteil der Fall ist. Doch es war zu spät, etwas zu ändern, die Farmer konnten nicht mehr zu einem konventionellen Anbau zurückkehren, konnten noch nicht einmal, wie das seit Urbeginn der landwirtschaftlichen Tätigkeit des Menschen üblich war, einen Teil der Ernte als Saatgut für die nächste Ernte abzweigen." Die kanadischen Bauern waren vertraglich verpflichtet, frisches Saatgut zu kaufen, wobei sich die Frage inzwischen erübrigte, bei wem.

Zusätzlich mussten die so gegängelten Landwirte beim selben Hersteller eine chemisch hergestellte Substanz erwerben, die den fruchtbildenden Wachstumsprozess erst in Gang setze, indem sie einen von Schmeiser als "Betrüger-Gen" titulierten Teil des manipulierten Pflanzenerbgutes aktiviere, worauf ein "Terminator-Gen" seine Arbeit in der Pflanze aufnehme, mit der die produzierten Samen im Fall des Rapses zur Ölherstellung nutzbar, aber unfruchtbar blieben.

Der Farmer dürfe nicht von seinem Recht auf Nachbau, also der Nutzung selbst gezogenen Saatguts, getrennt werden, so der Träger des alternativen Nobelpreises. Auch hätten die Eltern ein Recht zu wissen, was sie ihren Kindern als Nahrung vorsetzen. Und die Privatfinanzierung gefährde Freiheit der Forschung und Wissenschaft.

Ohnehin sei im Laufe seines Verfahrens gegen Monsanto herausgekommen, dass der Konzern und die kanadische Regierung einander zugearbeitet hätten, was die Entwicklung und Freisetzung genmanipulierter Raps-, Mais- und Sojapflanzen betreffe.