Lokales

Die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht

KIRCHHEIM "Auf der ganzen Welt", so stellte er fest, "gibt es keine einzige anständige Frau." Zu dieser bitteren Erkenntnis kam kein anderer als Schahriyar, König "über die ganze Welt", in den Geschichten aus

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RENATE SCHATTEL

Tausendundeiner Nacht. Warum Schahriyar nur noch für jeweils eine einzige Nacht heiratete und seine Ehefrau am nächsten Morgen töten ließ und welche Rolle Schahrasad dabei spielte, kann nun in einer erfrischenden Neuübersetzung von Claudia Ott nachgelesen werden.

Die Anhänger der Reihe literarischer Begegnungen im Buchhaus Zimmermann hatten den Vorzug, einige der "köstlichen und aufregenden" Geschichten vorgelesen zu bekommen. Die Vorleserin war dabei genauso bezaubernd und geschickt wie ihre Geschlechtsgenossin in den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Dagmar Claus bot mit ihrer Vorlesekunst reinsten Genuss, variierte ihre Stimme von der neutralen Erzählerin über eine quengelnde Ehefrau über einen kräftigen Moslem bis hin zu Tierstimmen wie Stier und Hahn und zog das Publikum völlig in ihren Bann.

Die Magierin der Vorlesekunst verführte die Zuhörer nicht nur zu vergnügten Lachern, sondern am Ende sogar zu einer Zugabe, die bei Leseabenden eher unüblich ist. Mit einem golddurchwirkten Gewand bekleidet, umgeben von arabischen Attributen wie Kissen, Stoffen, Früchten, thronte Dagmar Claus auf einem würdigen Stuhl und ließ vor jeder neuen Geschichte das Triangel erklingen. Vorleserin und Geschichte waren eins.

Sibylle Mockler, Geschäftsführerin der Buchhandlung Zimmermann, machte zu Beginn des Abends klar, dass der renommierte Beck-Verlag durchaus sinnvoll handelte, die altbekannten Geschichten von Tausendundeiner Nacht nun in einer neuen Ausgabe herauszubringen. Einerseits sei es der aktuelle Beitrag des Verlages zur gerade laufenden Frankfurter Buchmesse, deren Schwerpunkt dieses Jahr Literatur aus der arabischen Welt sei. Andererseits kenne das deutschsprachige Publikum die hier vorliegende Version von Tausendundeiner Nacht noch nicht.

Die Edition von Muhsin Mahdi sei zum ersten Mal vollständig ins Deutsche übertragen worden. Die Sammlung der Geschichten sei, in Jahrhunderten gewachsen und mündlich überliefert worden, erläuterte Sibylle Mockler dem Publikum. Die Erzählungen stammten aus Indien, Persien und China und sei erst nach der islamischen Eroberung Persiens ins Arabische übersetzt worden.

In der westlichen Welt sei Tausendundeine Nacht eine beispiellose Erfolgsgeschichte beschieden gewesen. Anfang des 18. Jahrhunderts hatte Antoine Galland eine französische Nachdichtung der arabischen Vorlage nach dem Geschmack der damaligen Zeit geliefert, die zum Bestseller wurde und eine wahre Orient-Begeisterung auslöste. Er hatte zudem aus anderen Quellen Geschichten wie "Ali Baba" oder "Sindbad, der Seefahrer" hinzugefügt, die in der jetzigen Neuerscheinung nach der Original-Vorlage fehlten.

Die Mahdi-Ausgabe endet mit der 282. Nacht. Muhsin Mahdi hatte das Werk der arabischen Literatur ernst genommen und im Gegensatz zu Galland originalgetreu ediert, bestätigte Sibylle Mockler. Für die Übersetzerin der neu erschienenen deutschsprachigen Ausgabe, Claudia Ott, sei Tausendundeine Nacht keine Bildungsliteratur, sondern Volksliteratur, prall gefüllt mit Leben, Exotik und Erotik, deren Wirkung vom Kontrast zwischen schlichter Erzählsprache, Reimpassagen und klangvollen Gedichten bestehe.

Die Wirkung der Geschichten und Gedichte lässt sich noch steigern, wenn eine bezaubernde Vorleserin Dagmar Claus beginnt: "Die Leute behaupten, o glücklicher König und Herr des rechten Urteils", dass zum Beispiel zwei Könige einen Ehemann fanden, der von seiner Frau noch mehr betrogen wurde, als sie, oder dass ein Buckliger viermal umgebracht wurde und doch weiterlebte, oder dass ein Kaufmann die Sprache der Tiere verstehen konnte, aber seine Frau ihn tyrannisierte, oder dass spannende Geschichten erzählen gar nicht so einfach ist, viel geübt werden muss, aber Leben retten kann. Denn: "Was ist das schon gegen das, was ich euch morgen Nacht erzählen werde, wenn ich dann noch lebe und mich der König verschont . . . "