Lokales

Die gleiche Erfolgsquote wie in den Kliniken

Die Suchtberatung Nürtingen setzt auf die ambulante Rehabilitation. Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängige können dort wohnortsnah und rasch in Reha-Gruppen aufgenommen werden. Die Suchtberatung wurde jetzt offiziell anerkannt.

ULRIKE RAPP-HIRRLINGER

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NÜRTINGEN Wer als Alkoholabhängiger zu einem abstinenten Leben finden will, muss nicht unbedingt in eine stationäre Behandlung. Die Suchtberatung Nürtingen hat mit der ambulanten Rehabilitation eine ebenso hohe Erfolgsquote wie Kliniken. 15 Jahre lang wurde die Arbeit der vom Landkreis und dem Kreisdiakonieverband Esslingen getragenen Beratungsstelle mit einer vorläufigen Anerkennung durch den Rentenversicherungsträger geleistet. Jetzt hat Kornelia Kirsch, die Leiterin der Suchtberatung, die offizielle "Anerkennung über die Durchführung ambulanter Leistungen zur medizinischen Rehabilitation von Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängigen" für ihre Einrichtung bekommen. "Damit haben wir endlich einen gesicherten Status als offizielle Behandlungsstelle", meint sie.

Rund 60, überwiegend alkoholabhängige Patienten, werden pro Jahr in den sechs ambulanten Therapiegruppen in Nürtingen, Kirchheim und Leinfelden-Echterdingen behandelt. Mit Ausnahme der Stadt Esslingen, die eine eigene Suchtberatung unterhält, kommen die Betroffenen aus dem ganzen Landkreis. "Mit diesem breiten Angebot haben wir in der Region als größte ambulante Behandlungsstelle eine Vorreiterrolle", weiß Kornelia Kirsch. Wohnortnah und rasch bekommen die Klienten einen Reha-Platz, dank der sechs parallel angebotenen Gruppen. "Zwei Drittel der Patienten gelingt es, sich in der einjährigen Therapie zu stabilisieren. Das entspricht der Erfolgsquote von Kliniken", setzt die Leiterin in Relation. Die Kosten, die die Rentenversicherung trägt, lägen bei der ambulanten Behandlung mit rund 3000 Euro nur bei einem Bruchteil dessen, was eine stationäre Therapie koste, so Kornelia Kirsch.

Doch nicht für jeden kommt die ambulante Reha in Frage. Vor allem für Berufstätige, deren familiäres Umfeld noch relativ intakt ist, eigne sich nach Meinung der Leiterin die ambulante Therapie. Die wöchentlichen Gruppentreffen finden abends statt und Angebote für Partner und Kinder ergänzen die Behandlung. "Die ambulante Reha erfordert mehr Stabilität", erklärt Kornelia Kirsch. Die Familie sei zudem ein wichtiger Stützfaktor. Wer vielleicht zunächst den festen Rahmen der Klinik braucht, kann an einer kombinierten teilstationären Therapie teilnehmen. Auch Kurse für "kontrolliertes Trinken" werden von der Suchtberatung angeboten. Sie stellen keine Therapie, sondern nur Anleitung zur eigenen Kontrolle dar: "Manche entscheiden sich danach für eine ambulante Reha", weiß Kornelia Kirsch aus Erfahrung.

Bevor die Rehabilitation begonnen werden kann, muss der Patient drei Monate lang seine Fähigkeit, abstinent zu leben, nachweisen. Erst nach dieser Prüfphase werde über die Therapieform entschieden, erläutert die Suchtberaterin. In der ambulanten Therapie ergänzen regelmäßige Einzelgespräche die gut eineinhalb Stunden dauernden wöchentlichen Gruppensitzungen, die immer von einer Therapeutin und einem Therapeuten geleitet werden. "Parallel dazu sollten sich die Betroffenen unbedingt einer Selbsthilfegruppe anschließen", rät Kornelia Kirsch. Ziel der Behandlung sei es, nicht nur "trocken zu bleiben, sondern eine tragfähige und vor allem zufriedene Abstinenz" zu erreichen, betont sie. Das würde bedeuten, dass die Patienten ihrem Leben eine neue Richtung geben. "Der Wille zur Veränderung steht an erster Stelle", weiß die Beraterin. So wird in den Therapiegesprächen auch nach Ursachen und Zusammenhängen der Sucht im eigenen Leben, aber auch in der Familiengeschichte oder dem familiären und beruflichen Umfeld geforscht. Zudem soll der Abhängige ein positives Bild von sich selbst entwickeln.

Nach zwölf, maximal 18 Monaten ist die ambulante Rehabilitation abgeschlossen. Nach einem und nach vier Jahren werden die Patienten noch einmal zu Befragungen in die Beratungsstelle gebeten. Zum ersten Mal fand jüngst auch ein Nachtreffen aller Absolventen der ambulanten Rehabilitation aus den vergangenen fünf Jahren statt. Mehr als 100 Ehemalige trafen sich zum Wiedersehen und Kennenlernen, aber auch zur gegenseitigen Unterstützung und Bestätigung. Jetzt sollen regelmäßig Jahrestreffen stattfinden, kündigt Kornelia Kirsch an.

Informationen finden Betroffene unter www.kreisdiakonie-esslingen.de oder unter www.suchtberatung-nuertingen.de.

pm