Lokales

Die Grenzen des Raumes gesprengt

NÜRTINGEN Raum als Spannungsfeld für Kunst, im Dialog und Zwiesprache mit den Objekten: Ganz neu lassen die Installationen Susanne Schumachers, Bertl Zagsts und

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NICOLE MOHN

Hans Zollers im Rahmen der Ausstellungsreihe "Kunst in der Region" zurzeit das Dachgeschoss der Nürtinger Kreuzkirche erscheinen. Raumgreifend erobern die Arbeiten das komplizierte Sprengwerk des Daches, werden die Dimensionen des Gebälks Grundlage für ein Gemälde, findet sich die Kleinteiligkeit wieder in Objekten. Es wird der Raum Teil der Kunst und Kunst Teil des Raumes. Im Rahmen einer viel beachteten Vernissage feierte die ungewöhnliche Ausstellung ihre Eröffnung.

Schon beim Betreten des Saales unter dem Dach der Nürtinger Kreuzkirche bekommt der Besucher ein ganz neues Raumgefühl. Hier trifft der Betrachter nicht auf die üblichen weißen Stellwände, die jedes Werk, jede Arbeit isolieren, Bannräume schaffen, andere Kunst auf Abstand halten. Vielmehr haben sich Susanne Schumacher, Bertl Zagst und Hans Zoller speziell für die Ausstellung, die Nürtingens Bürgermeister Rolf Siebert offiziell eröffnete, die Beschaffenheit des Raumes zu Eigen gemacht, sich mit Geschichte und Architektur auseinandergesetzt.

Fragil, hauchzart sind die Gefäße der Keramikerin Susanne Schumacher. Bis an die Grenze des Machbaren geht die Dozentin der Freien Kunsthochschule Nürtingen (FKN) beim Gestalten ihrer Objekte. "Ein Großteil wird beim Brand zerstört oder beschädigt", erklärt Michael Gompf vom Nürtinger Kunstverein, der gestern in die Ausstellung einführte. Und doch schaffen sie auf eine Weise Raum, bergen ihn, umschließen ihn, nehmen ihn in Reihungen, Gruppen ein. Die verschachtelte Gestalt der Decke nimmt Susanne Schumacher in der Schichtung des Materials ihrer Arbeiten auf. Verbindungen zum sakralen Raum Kirche aber lassen sich auch über die Entfremdung des Gefäßes zum Kunstobjekt herstellen.

Bertl Zagst hingegen lässt sich auf ganz andere Weise auf die Kreuzkirche ein: Zum Bersten gespannte, eingeschnürte, schwarze Schlauchobjekte, die sie innewohnende Luft kaum bändigend, hängen beinahe schwerelos zwischen dem Balkengewirr des Dachstuhls. Die massigen Arbeiten greifen Raum und verlieren trotz der sich in die Sicht des Betrachters schiebenden Streben und Balken nicht ihre Wahrhaftigkeit. Für den Kirchheimer Künstler sind die Schläuche mit den riesigen Ausmaßen ein komplett neues Material, mit denen er einen formalen Gegensatz zur technisch bedingten Dachkonstruktion erzeugt. Zagst setzt die prallen, runden, schwellenden und sich ständig bewegenden Formen gegen die architektonischen Linien.

Meditativ greift die Skulptur von Hans Zoller Raum: Getreide, aufgeschüttet zu einem gleichförmigen Kegel, in sich ruhend und doch durch die Schwingungen der durch den Raum schreitenden Betrachter ständig in kaum wahrnehmbaren Veränderungen begriffen. Die Kornschütte erinnert zugleich an die Nutzung des Dachraumes als Kornlager, gemahnt in der Materialwahl zudem an Elementares. Dagegen steht die Flächigkeit der Wandinstallation des ausgebildeten Steinbildhauers. Aus Flachsfasern gearbeitet fügen sich Strukturen zu einer großformatigen Weite, die sich ins Unendliche auszudehnen scheint. Die Dreiteiligkeit gemahnt an ein Triptychon.

Einmal mehr ist mit der Ausstellungsreihe "Kunst in der Region", die abwechselnd von den Städten Wendlungen, Kirchheim und Nürtingen ausgerichtet wird, ein äußerst sehenswerter Blick auf das kreative Schaffen in der Region gelungen. Nicht zuletzt darf man dieses Kompliment an die Jury richten, die mit der Aufgabenstellung die drei ausgewählten Künstler zu einer spannenden Beschäftigung mit dem Raum an sich und der Kreuzkirche im Speziellen inspirierte.

Die Ausstellung ist bis einschließlich Sonntag, 13. November, in der Kreuzkirche Nürtingen, Saal im Dachgeschoss, täglich mit Ausnahme des 1. Novembers von 10 bis 18 Uhr zu sehen.