Lokales

Die große "Ersatzfamilie" sorgt für weihnachtliche Wärme

KIRCHHEIM Weihnachten: Da darf der Christbaum so wenig fehlen wie die Krippe, die das Geschehen

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ANDREAS VOLZ

der heiligen Nacht mit viel Liebe zum Detail in einer mitteleuropäischen Gebirgslandschaft in Szene setzt. Auf dem Tisch leuchten Kerzen, es duftet nach Tee und Äpfeln. Weihnachtsgebäck und Dresdner Christstollen gehören ebenso dazu wie ein Klavier samt handgespielten Weihnachtsliedern. Bei den bekanntesten Liedern wird mitgesungen. Ein ganz normales Weihnachten, wie es sich gehört? Ja und nein. Einerseits fehlt es an nichts, was zu einem idyllischen Vorzeige- oder Bilderbuchweihnachten gehören würde, andererseits fehlt es am Entscheidenden: an der Familie. Nicht an der Heiligen Familie, die ist ja in der Krippe in bekannt trauter Eintracht versammelt. Nein, es fehlt an der ganz profanen Familie, die jeder so hat und mit der jeder an Weihnachten zusammenkommt, wie das seit Jahren und Jahrzehnten eben so üblich ist.

Ebenfalls seit etlichen Jahren ist in Kirchheim ein Kontrastprogramm üblich: Die Diakonische Bezirksstelle lädt an Heiligabend diejenigen ein, die keine Familie haben oder zumindest keine, mit der zusammen sie feiern könnten. Das Licht, das an Weihnachten in die Welt kommen soll, scheint für diese Menschen nicht in derselben Weise wie für andere, die das große Familienfest ausgiebig begehen können mit allem, was dazugehört. Häufig fehlt es den Heiligabend-Gästen im Kirchheimer "Cafe Eckpunkt" das ganze Jahr über am Nötigsten für das tägliche Leben, und Weihnachten macht da keine Ausnahme.

Klaus Konzelmann von der Diakonischen Bezirksstelle, der im Bereich Beschäftigungsprojekte mit arbeitslosen Menschen tätig ist, freut sich darüber, dass er an Heiligabend einmal aus seiner Rolle als Berater aussteigen und sich dienend im diakonischen Sinne einbringen kann: "Wir wissen vorher nie, wer kommt. Aber wir legen Wert darauf, dass diejenigen, die tatsächlich kommen, sich hier wohlfühlen", erzählte er an Heiligabend im "Eckpunkt". "Unsere Gäste müssen fast immer knapsen", fügt er hinzu, "aber jetzt werden sie auch einmal verwöhnt und von uns bedient."

Seit einigen Jahren schon bringt sich Klaus Konzelmann gemeinsam mit seiner Frau gezielt für diese Art der Weihnachtsfeier ein: "Für meine Frau und mich hat das eine besondere Qualität. Wir machen das ganz bewusst als Christen und als Menschen." Trotzdem legt er Wert darauf, dass sich alle eingeladen fühlen sollen, unabhängig von Konfessions- oder Religionszugehörigkeiten. "Diese Feier ist ganz offen gestaltet", sagt Klaus Konzelmann. Auch das gemeinsame Singen von Weihnachtsliedern gehöre nicht automatisch zum Programm. Es hängt von der Stimmung und vom Bedürfnis der Gäste ab.

Natürlich weiß Klaus Konzelmann auch, dass die Teilnehmer der Weihnachtsfeier erst einmal eine Hemmschwelle überwinden müssen, bevor sie die Tür zum "Eckpunkt" öffnen: "Das ist ein schwerer Schritt zu sagen, ich geh' dort wirklich hin, weil es mir schlecht geht, weil ich alleine bin oder weil ich mir nicht viel zum Essen leisten kann." Einige sind zum ersten Mal gekommen, es gebe aber auch "Stammgäste".

Auch beim "Personal" gibt es immer wieder Neulinge. Edeltraud Eitle etwa bringt sich erstmals ein. Auch ihr hätte dieses Jahr der sonst übliche Familienanschluss gefehlt: Ihr Mann ist Polizist und hat an Heiligabend Nachtdienst. Deshalb hat sie beschlossen, ihr ehrenamtliches Engagement, mit dem sie sich das ganze Jahr über als "Grüne Dame" im Krankenhaus einbringt, am 24. Dezember im "Eckpunkt" fortzuführen. Besonderes Engagement legen auch die Kirchheimer Gastronomen an den Tag, die das Weihnachtsmenü spenden. Im jährlichen Wechsel sorgen immer wieder andere Gastwirte für ein wahres Festessen. Dieses Mal war es die Familie Hepperle vom "Rad", die sich in den Dienst am Nächsten gestellt hat.

Die Nächsten im biblischen Sinne sind es nämlich, die sich zur Weihnachtsfeier im "Eckpunkt" versammeln. Ingrid Riedl, Sozialarbeiterin und Leiterin der Diakonischen Bezirksstelle, liest nicht nur ihrerseits die Weihnachtsgeschichte nach Lukas vor. Vielmehr setzt sie sich auch zu den Gästen an den Tisch und lässt sich deren Geschichten erzählen. Dabei geht es um das Alleinsein, um die schwierigen Versuche, wieder Kontakt zur Familie herzustellen, aber auch um Freundschaften im Sinne einer Ersatzfamilie. 52 Wochen im Jahr ist die Diakonische Bezirksstelle eine wichtige Anlaufstelle für diejenigen, die nun auch an Weihnachten nicht allein gelassen werden sollen. "Genau deshalb veranstalten wir diese Feier jedes Jahr an Heiligabend, egal an welchem Wochentag", sagt Ingrid Riedl.

Und so geht es in der bunt zusammengewürfelten "Großfamilie" ausgesprochen familiär zu an diesem Nachmittag, der mit dem großen Festessen am Abend zu Ende geht und der auf seine Art das wahre Weihnachten verkörpert. "Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken." Das ist eine der wesentlichen christlichen Botschaften, die an Weihnachten ihren Ausgangspunkt hat. Insofern wird im "Cafe Eckpunkt" einerseits ein besonderes Weihnachtsfest gefeiert und andererseits ein völlig normales wie es sich gehört.