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Die "große Fiesta" und die Kunst, alles locker zu sehen

KIRCHHEIM "Elite-Uni" was in Deutschland heiß diskutiert wird, ist in anderen Ländern schon längst Realität. Als Austauschstudent hat

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ANDREAS VOLZ

der Kirchheimer Patrick Haller von Januar bis Mai ein Auslandssemester an der elitären "Universidad Anahuac del Sur" in der mexikanischen Hauptstadt verbracht. Vom Thema "Elite-Uni" hält er jedoch nicht allzu viel: "Da studiert die finanzielle Elite, nicht unbedingt die geistige." Die mittelamerikanische "Elite-Universität" ist eine der Partnerhochschulen der FH Furtwangen, wo Patrick Haller Internationale Betriebswirtschaft studiert. Als Austauschstudent blieben ihm die hohen Studiengebühren jedoch erspart. Die "regulären" Studenten zahlen pro Semester umgerechnet 6 000 bis 7 000 Euro.

Das akademische Niveau an der "Anahuac del Sur" hält Patrick Haller für kaum vergleichbar mit dem an seiner baden-württembergischen Fachhochschule. Fachlich habe er in den Kursen über Marketing oder Wirtschaftsgeschichte (inklusive "Carlos Marx") nicht sehr viel gelernt. Und obwohl der Unterricht komplett auf Spanisch abgehalten wird, waren er und seine deutschen Kommilitonen häufig die Klassenbesten: "Schon bei der zweiten Hausarbeit haben uns die Mexikaner gefragt, ob wir ihre Arbeiten korrekturlesen können."

Als Grund dafür sieht Patrick Haller die Tatsache, dass sich die "Estudiantes" der "Anahuac del Sur" nicht wirklich anstrengen müssen, weil sie sowieso früher oder später beim Vater in die Firma einsteigen. "Die brauchen halt ein Diplom und sagen dir ins Gesicht: ,Ich muss nicht groß lernen, ich hab' ja meinen Job.'" Diese Einstellung habe vor allem bei der Gruppenarbeit für Unverständnis auf deutscher Seite gesorgt: "Ohne sich jemals mit uns zu treffen, kommen die dann in die Veranstaltung und präsentieren ungeniert irgendwas, was sie sich gerade aus dem Internet geholt haben."

Andererseits herrschen bei der Präsenzpflicht an der "Anahuac del Sur" ungewöhnlich strenge Vorschriften. Die Lehrkräfte überprüfen die Anwesenheit, und wer mehr als fünf Minuten zu spät kommt, gilt als nicht anwesend. Häufigeres Fehlen führt automatisch dazu, dass ein Kurs als nicht bestanden gewertet wird. Allerdings hat Patrick Haller festgestellt, dass die geistige Präsenz keinesfalls obligatorisch ist: "Sobald du da bist, ist es völlig egal, was du im Unterricht machst. Die einen lesen Comics, die anderen telefonieren, wieder andere schlafen."

Wenn er so die extremsten Beispiele für kulturelle Unterschiede zwischen Mexiko und Deutschland aufzählt, kommen dem 23-jährigen Kirchheimer mitunter Zweifel, ob er dem Land seiner Gastgeber nicht unrecht tut: "Manchmal denke ich, dass ich zu schlecht über Mexiko rede." Deshalb streut er im Gespräch auch immer wieder ein, wie liebenswert die Mexikaner seien und wie hoch die Gastfreundschaft im Kurs stehe.

Aber auch dabei kommt der Kirchheimer an einem gängigen Klischee nicht vorbei, das sich für ihn des öfteren bewahrheitet hat: "Man hat viel Spaß, und das ganze Leben ist eine große Fiesta." Das scheint zumindest für die Studenten der "Anahuac del Sur" zuzutreffen, die sich die Teilnahme an der Fiesta leisten können.

"Service wird groß geschrieben", schildert Patrick Haller seinen Eindruck vom Leben der "Elite" und fügt hinzu: "Das Personal kostet ja so gut wie nichts." So wimmle es im Supermarkt vor lauter hilfsbereiten Menschen, die den Einkauf verpacken oder draußen auf dem Parkplatz die Autofahrer einweisen jeweils für ein kleines Trinkgeld als Gegenleistung. Dienstbare Geister hat der deutsche Austauschstudent auch auf Privatpartys zur Genüge erlebt. "Da wird dir auf der Toilette das Handtuch gereicht, und auf der Tanzfläche putzen sie immer um dich rum", erzählt er.

Bei seinen mexikanischen Studienfreunden zu Hause ging es ganz ähnlich zu: "Manchmal haben dort samstags mehr Leute gearbeitet als gewohnt." Einmal hat Patrick Haller zusammen mit zwei "Landsmännern" bei Freunden gekocht, was auf allen Seiten für großes Aufsehen gesorgt hat. Die Tochter des Hauses habe noch nicht einmal gewusst, wie der Herd angeht, geschweige denn wo die Töpfe sind. Dafür habe es eine ,muchacha' gegeben: "Die hat nie was gesagt, aber alles gemacht."

Dieses "einfache Volk" haben die deutschen Studenten auf der Straße kennen gelernt, am Taco-Stand in der Nähe der Uni oder im Bus, der für deutsche Verhältnisse spottbillig ist: "Das Ticket kostet umgerechnet vielleicht 20 Cent. Aber da sind viele Leute in dreckiger Kleidung eingestiegen, die haben das Geld echt zusammengekratzt. Und uns haben sie mit großen Augen angeschaut." Standesgemäß sind die mexikanischen Studenten natürlich mit dem Auto zur "Anahuac del Sur" gekommen, die abgesperrt und bewacht ist. "Um reinzukommen muss man einen Ausweis zeigen", erzählt Patrick Haller nebenbei, bevor er wieder auf den Verkehr in der mexikanischen Hauptstadt zu sprechen kommt.

"Die Metro ist supersauber", weiß der Kirchheimer zu berichten und verweist wieder einmal auf die Tatsache, dass die Arbeitskraft kaum etwas kostet. Trotzdem bekam er an der Uni von einer Studentin zu hören: "Ich bin einmal mit der Metro gefahren, und das war der schlimmste Tag in meinem Leben." Für Patrick Haller dagegen hat sich eher der Autoverkehr in Mexiko Stadt als ein Grundübel erwiesen: "Der Verkehr macht dich krank. In den ersten Tagen hatte ich immer ein Kratzen im Hals, und einige Freunde haben über tränende Augen geklagt. Theoretisch kann man von der Hauptstadt aus den Popocatepetl sehen, praktisch aber nicht vor lauter Smog."

In der Stadt gebe es einfach zu viele Autos, die häufig auch viel zu alt seien, analysiert der schwäbische Mexikaner auf Zeit. Außerdem sei es relativ einfach, eine Fahrerlaubnis zu erhalten: "Der Führerschein kostet ungefähr 20 Euro. Du musst dann noch ankreuzen, dass du die Verkehrsregeln kennst." Die Korruption tue ein übriges, sodass die Studenten der "Elite-Uni" niemals große Scherereien mit der Verkehrspolizei bekommen. Allenfalls an der eigenen Gesundheit spürt der Nachwuchs der reichen Mexikaner die Folgen des Verkehrsinfarkts und der Führerscheinvergabepraxis. Patrick Haller: "Ich habe überraschend viele Leute gesehen, die mit Halskrause rumlaufen, auch an der Uni."

Allerdings scheinen die Mexikaner mit dem Leid besser umgehen zu können als Europäer, hat der Gaststudent beobachtet, wenn auch in einem ganz anderen Zusammenhang: "Wir hatten auf unserer Telefonrechnung immer Nummern, die wir gar nicht kannten. Das ist aber völlig normal. Die Mexikaner haben eine Leidensgesellschaft die zahlen und beschweren sich nicht." Ähnliches gilt für die vielen Stromausfälle, die Patrick Haller besonders unangenehm fand, wenn er gerade dabei war, eine Klausur am PC zu schreiben, die dann unwiederbringlich verloren war.

Die Mexikaner sähen so etwas aber ziemlich locker und das gehört zu den wichtigsten Dingen, die der Student aus Kirchheim in Mexiko gelernt hat, von den Sprachkenntnissen einmal abgesehen: Am Abreisetag hatte er noch Prüfungen zu absolvieren. "Aber der ganze Stress hat mich nicht mehr sehr berührt", sagt er rückblickend. "Du weißt dort aus Erfahrung: Irgendwie geht's."

Dieses Wissen könnte ihm auch in einer ganz anderen Kultur weiterhelfen, die er demnächst kennen lernt: Sein obligatorisches Praxissemester verbringt Patrick Haller in China.