Lokales

Die "Große Kreisstadt" verlieh Kirchheim "größeres Gewicht"

Heute vor 50 Jahren, am 1. April 1956, ist in Baden-Württemberg die neue Gemeindeordnung in Kraft getreten. Am selben Tag wurden auch fünf Städte im Land zur "Großen Kreisstadt" erhoben. Eine dieser Städte, deren Bürgermeister sich fortan Oberbürgermeister nennen durften, war Kirchheim.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM Nachdem die Einwohnerzahl in Kirchheim nach dem Zweiten Weltkrieg stark zugenommen und bereits 1948 die magische Grenze der 20 000 überschritten hatte, gab es seit Beginn der 50er-Jahre Bestrebungen, zur "unmittelbaren Kreisstadt" aufzusteigen. Konkreter wurden die Überlegungen dann im Dezember 1953, als der Gemeinderat beschloss, die Kreisunmittelbarkeit beim Innenministerium zu beantragen. Zu dieser Sitzung liefert die "Teck-Rundschau" wie sich der Teckbote zu dieser Zeit noch nannte in der Ausgabe vom 24. Dezember 1953 wichtige Fakten:

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"Die gesetzlichen Voraussetzungen, die für eine Erhebnung zur unmittelbaren Kreisstadt erforderlich sind, werden von unserer Stadt Kirchheim erfüllt, da sie eine größere Einwohnerzahl als 20 000 (z. Zt. 20 992), die erforderliche Verwaltungskraft, eine günstige Verkehrslage, sowie eine historische Entwicklung besitzt, welche der Stadt ein Gepräge gegeben haben, die eine Stellung als unmittelbare Kreisstadt im öffentlichen Wohl für geboten erscheinen läßt." Dieses öffentliche Wohl wird in den Presseberichten der folgenden Jahre immer wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt hauptsächlich wenn es darum geht, die vielen Vorteile zu benennen, die der neue Status für Kirchheim bringen würde.

Vor allem die Bürger sollten davon profitieren, dass eine Vielzahl an Verwaltungsaufgaben vom Landratsamt an die Stadt als Mittelzentrum übertragen wurden. So steht im Teckboten vom 6. Dezember 1955: "Die damit verbundenen Änderungen in der Verwaltung werden vielen Bewohnern in Zukunft den Weg zum Landratsamt nach Nürtingen ersparen. Soweit die finanziellen Auswirkungen zu übersehen sind, wird dieser Zuwachs an Aufgaben die Finanzen der Stadt nicht stark belasten, da z. B. auch die Finanzzuweisungen des Landes entsprechend steigen und der Stadtkasse zusätzlich Gebühren zufließen."

Im Zusammenhang mit der neuen Gemeindeordnung ist 1955 nur noch von der "Großen Kreisstadt" die Rede, die den Begriff "unmittelbare Kreisstadt" abgelöst hat. Größe sieht der Berichterstatter von damals aber auch in symbolischer Hinsicht auf die Stadt Kirchheim zukommen: "Nach außen hin wird das größere Gewicht der Stadt dadurch zum Ausdruck gebracht, daß das Oberhaupt der ,großen Kreisstadt' ab 1. April nächsten Jahres den Titel Oberbürgermeister führt."

Diese Größe scheint in der Nachbarstadt Nürtingen Neidgefühle geweckt zu haben. Denn die Neckarstadt war zwar Sitz des Landratsamts, musste aber ihrerseits noch fast sechs Jahre auf ihre Erhebung zur "Großen Kreisstadt" warten bis zum 1. Februar 1962. Entsprechend trotzig heißt es in den "Nürtinger Kreisnachrichten" vom 14. März 1956: "Der 1. April rückt immer näher, der Termin, an dem Kirchheim ,Große Kreisstadt' wird. Dieser komisch-stolze Titel, wie ihn z. B. auch Backnang, Fellbach und Kornwestheim erhalten werden, ist der neuen Gemeindeordnung zuzuschreiben, die mit diesem Datum in Kraft tritt. [...] Aber zunächst bleibt es ein Titel ohne Mittel, ja sogar ein Titel, der kostet, auch wenn mancher Gang zum Landratsamt für die Kirchheimer nicht mehr notwendig sein wird. Was der einzelne spart, das zahlt der Stadtsäckel drauf."

Die Kirchheimer ließen sich davon allerdings nicht anfechten und feierten am Samstag, 7. April 1956, im Kornhaus ihren neuen Rang im Rahmen einer festlichen Gemeindratssitzung. Und zwei Tage später schreiben denn auch die "Nürtinger Kreisnachrichten" wesentlich versöhnlicher über diesen "Akt, dessen Bedeutung darin liegt, daß das früher selbst kreisgewaltige Kirchheim in seiner Verwaltung wieder mehr Eigenständigkeit erlangt, wohl kreisverbunden bleibt, aber nicht mehr dem Landratsamt Nürtingen als Obrigkeit, sondern dem Regierungspräsidium Nordwürttemberg untersteht und damit in direkte Verbindung zur Staatsregierung kommt. Kirchheim erhielt damit eine ihm geraubte Perle, wenn auch etwas lädiert, in seine Bürgerkrone zurück".

Weitere Schmuckstücke bekamen dann übrigens am 19. März 1962 sowohl Kirchheim als auch Nürtingen überreicht: Anlässlich der Feier, die Nürtingen an diesem Tag wegen seiner eigenen Erhebung zur "Großen Kreisstadt" veranstaltete, machte der damalige Nürtinger Landrat Dr. Ernst Schaude beiden Städten die Amtsketten für die Oberbürgermeister zum Geschenk. So kam Franz Kröning also rund sechs Jahre nach seinem Aufstieg vom Bürgermeister zum Oberbürgermeister der Stadt Kirchheim zu würdigen Insignien seines Amtes, mit denen sich seine Nachfolger bis heute bei feierlichen Anlässen schmücken.

1966 blickte Kirchheim dann auf zehn Jahre als "Große Kreisstadt" zurück, und am 7. April ging der Teckbote der Frage nach, was denn eigentlich anders geworden sei. "Die Verwaltung ist dem Bürger näher gekommen", heißt es da. Und auch finanziell schneide Kirchheim nicht schlecht ab, weil mehr zusätzliche Einnahmen als Ausgaben zu verzeichnen seien.

Wie sehr sich die Zeiten aber seit 1966 geändert haben, zeigt folgende Antwort zur Personalfrage, die das Rathaus vor 40 Jahren dem Teckboten übermittelte: "Personalmangel herrsche heutzutage nicht nur in der freien Wirtschaft, sondern noch viel mehr in jeder öffentlichen Verwaltung. Damit müsse man sich abfinden, ob man nun Aufgaben einer ,Großen Kreisstadt' zu bewältigen habe oder nicht."