Lokales

Die güldne Sonne . . .

Wenn wir dieses bekannte Morgenlied singen oder hören, dann stellen wir uns jemanden vor, der von der Sonnenseite des Lebens reichlich beschienen wurde. Tatsächlich aber begegnet uns in dem Dichter dieses Liedes ein Mann mit vielen leidvollen Erfahrungen. Darf ich Sie heute noch einmal auf diesen Liederdichter aufmerksam machen, dessen 400. Geburtstag vergangenen Montag war?

Paul Gerhardt war einer, der schwere Zeiten erlebte. Es begann mit dem Verlust der Eltern noch in der Kindheit, es folgten die Schrecken des Dreißigjährigen Kriegs, dann lange Zeiten ohne Anstellung, schließlich starben frühzeitig seine Frau und alle Kinder außer einem. Schicksalsschläge in fast unerträglich gehäufter Art. Aber sein Glaube an die Treue Gottes blieb unerschütterlich. Dem hat er in seinen Liedern immer wieder neu Ausdruck gegeben. So konnten sich unzählige Menschen von damals bis heute durch seine Lieder trösten lassen und durch diese Worte der Glaubenszuversicht selbst wieder neuen Mut fassen.

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Paul Gerhardt hat sich selbst mit seinen Liedern ermutigt. Später hat man erzählt, dass seine Frau einmal kurz nach der Hochzeit nichts mehr zu essen im Haus hatte. In ihrer Not erbat sie sich von ihrem Mann einen Kreuzer, um etwas Brot kaufen zu können. Doch auch er hatte keine einzige Münze mehr. Dafür sagte er zu seiner Frau: "Ich will dir eine Speise besorgen, die nicht vergeht." Nach einer Weile kam er aus der Studierstube und las ihr das neue Lied vor: "Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt / der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt, / der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, / der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann."

Tatsächlich war dieses wunderbare Lied bereits vor der Hochzeit entstanden. Doch Mut zu machen verstand Paul Gerhardt tatsächlich mit seinen Liedern. Während Martin Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt hat, gehört Paul Gerhardt zu den Wegbereitern der deutschen Sprache in der Poesie. Galt es zu seiner Zeit noch als schick, lateinische Reime zu verfassen, so wandte er sich bewusst den deutschen Gemütern in deren Muttersprache zu. Im Lauf seines Lebens schrieb Paul Gerhardt 134 Lieder und gilt neben Martin Luther als der wichtigste evangelische Liederdichter.

Seit seiner Geburt sind 400 Jahre vergangen, aber noch heute haben wir im aktuellen Evangelischen Gesangbuch 26 Lieder von Paul Gerhardt, die gerne gesungen werden. Auch ins katholische "Gotteslob" sind einige seiner Lieder übernommen worden, was ein gutes Zeichen heutiger Ökumene ist.

Beeindruckend an Paul Gerhardts Liedern bleibt, dass sie so viel Glaubensfreude und Lebensmut ausdrücken, auch wenn ihnen der schwere Lebenshintergrund abzuspüren ist. Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis der Dichtkunst Paul Gerhardts, dass sie eben keine Kunstwerke sind, sondern Lieder, die damals wie heute Menschen Mut machen, über sich selbst hinausweisen und zu dem gnädigen Gott führen. Ekkehard Graf Pfarrer in Owen