Lokales

Die „Handthierung“ ernüchtert

Dr. Wolfgang Schöllkopf hielt einen Festvortrag über den Widerholt-Stipendiaten Philipp Matthäus Hahn

Kirchheim. Zur Eröffnung der Ausstellung „Vom Keller zum Kirchturm – Kirchliches Kulturgut zwischen Erinnern und Vergessen“ im Kirchheimer Kornhaus wollte der Festredner, Pfarrer Dr. Wolfgang Schöllkopf,

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Andreas Volz

nach eigener Aussage an einer Stelle „eine Tiefenbohrung versuchen“. Das ist ihm vollauf gelungen. Seiner bescheidenen Bemerkung am Schluss des Vortrags – er wolle bilden und nicht unterhalten – war er dagegen nicht nachgekommen. Wolfgang Schöllkopf hat nämlich beides getan, gebildet und unterhalten, und beides auch noch auf höchstem Niveau. Kurzweilig, fundiert und ausgesprochen humorvoll skizzierte er das Leben des pietistischen Pfarrers und schwäbischen Tüftlers Philipp Matthäus Hahn – unter besonderer Berücksichtigung der Finanznot Hahns während des Theologiestudiums und der Hilfe aus dem Kirchheimer Wider­holt-Stipendium.

Philipp Matthäus Hahn wurde 1739 in Scharnhausen geboren, als eines von acht Kindern eines „sehr belasteten Dorfpfarrers“, wie Wolfgang Schöllkopf zunächst vorsichtig ausführte, bevor er dann ganz eindeutig von Alkoholismus sprach. Dieses Alkoholproblem des Vaters belastete auch den überaus fähigen Sohn, der „trotz nachgewiesener Begabung“ kein Landexamen ablegen durfte. Das Examen hätte es ihm erlaubt, frei von finanziellen Sorgen den üblichen Weg zum württembergischen Pfarrdienst zu beschreiten, einschließlich kostenfreiem Studium am Tübinger Stift. So aber musste er nicht nur sein Zimmer in Tübingen und die Studiengebühren selbst finanzieren, sondern auch das tägliche Brot.

Wolfgang Schöllkopf berichtete von einer Nebeneinnahme in Höhe von 30 Gulden, die Philipp Matthäus Hahn dafür erhielt, dass er für die Balinger Stadtkirche eine Sonnenuhr schuf. Aber genau diese 30 Gulden hatte er gleich wieder als Gebühr für die Magisterprüfung zu entrichten. Die einzige Sparmöglichkeit gab es also bei den Lebensmitteln: Ein Freund gab ihm folglich „den Rat an die Hand, des Tages nur einmal zu essen“. Aber auch das war auf Dauer zu teuer, und so ernährte sich der Tübinger Student die meiste Zeit über von Wasser und Brot. Daran erinnerte ihn für den Rest seines Lebens ein Magenleiden. So musste er auch später als Pfarrer vieles zurückweisen, was ihm bei Hausbesuchen an Genüssen angeboten wurde.

Die entscheidende Hilfe zur Finanzierung des Studiums sollte für Philipp Matthäus Hahn schließlich aus Kirchheim kommen. Wolfgang Schöllkopf ging dabei kurz auf die württembergischen Familienstiftungen ein, die etwa 100 Jahre nach Hahns Studienbeginn in einem berühmten Buch von Ferdinand Friedrich Faber aufgelistet waren: „Im 19. Jahrhundert haben viele Studenten mehr im Faber gelesen als in der Bibel.“ Wichtig seien dabei auch die genealogischen Voraussetzungen gewesen, denn die Herkunft der Familie entschied meistens mit über die Zuwendungsfähigkeit eines Zöglings.

Aber auch ohne „Faber“ war es Philipp Matthäus Hahn Mitte des 18. Jahrhunderts gelungen, eines der begehrten Stipendien zu erlangen. Geholfen hat ihm dabei sein Pflegevater Georg David Kaufmann, der den Antrag an den Kirchheimer Magistrat mit folgendem Hinweis unterstützte: „Sechs mutterlose Waisen, der Vater im Totalruin“. Von besonderer Bedeutung für den mittellosen Studenten war allerdings die Tatsache, dass auf eine Verbindung von Philipp Matthäus Hahns Urgroßvater nach Kirchheim verwiesen werden konnte, wie Wolfgang Schöllkopf kommentierte: „Das hat dem Antrag einen vorderen Platz auf der Warteliste verschafft.“

Konrad Widerholt, den Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker in ihrem Grußwort zur Ausstellungseröffnung als „eine Ikone der württembergischen Geschichte und der Stadtgeschichte Kirchheims“ bezeichnet hatte, war 1667 gestorben. In seinem Testament stellte er sinngemäß fest, dass er zwar nicht mit leiblichem Kindersegen, dafür aber mit zeitlichen Gütern gesegnet gewesen sei. Ein Teil dieser Güter, nämlich beträchtliche 15 000 Gulden, bildete den Grundstock einer Stiftung, aus deren Ertrag jährlich 750 Gulden ausbezahlt werden sollten – unter anderem an die „studierende Jugend“. Drei Jahre lang erhielt Philipp Matthäus Hahn aus dieser Stiftung 25 Gulden – was der Jahresmiete für sein Zimmer in Tübingen entsprach. Sein Leben lang sei er dafür dankbar gewesen, sagte nun der Festredner im Kirchheimer Kornhaus.

Philipp Matthäus Hahn, der 1790 mit gerade 50 Jahren in Echterdingen starb, hätte auch als Theologe berühmt werden können. Schließlich bezeichnete ihn Wolfgang Schöllkopf als „einen der Väter des schwäbischen Pietismus“. Andererseits brachte ihm sein Eintreten für die Vorstellung von der Allversöhnung ein „Lehrzuchtverfahren“ ein, und viele seiner Schriften mussten in den Freien Reichsstädten Esslingen und Reutlingen erscheinen, um die württembergische Zensur zu umgehen.

Wirklich berühmt ist Philipp Matthäus Hahn bis auf den heutigen Tag für seine Arbeit als Tüftler, Mechaniker und Erfinder – als „schwäbischer Leonardo“. Schon an seiner ersten Pfarrstelle in Onstmettingen richtete er im Pfarrhaus eine mechanische Werkstätte ein und half den Einheimischen dabei, eine feinmechanische Industrie aufzubauen.

Dazu zitierte Wolfgang Schöllkopf einen Tagebucheintrag Hahns vom Sonntag, 24. Juli 1774: „Ferner sehe ich, wie gut es ist, wann man ein Nebenwerk hat wie ich die Maschinen. Wer gantz allein aufs Geistliche siehet, der bekomt einen Rausch darinnen. Denn es ist unserer Natur nicht gemäß, gantz geistlich zu seyn. Es sollte jeder Pfarrer eine Handthierung daneben treiben, so würde mancher nüchterner dencken.“

Dem soll nichts mehr hinzugefügt werden, außer dem Hinweis, dass in der Ausstellung im Kornhaus bis zum 15. November noch ein Weltzeitenziffernblatt aus Nabern zu besichtigen ist, das die Jahreszahl 1823 trägt und auf Berechnungen Johann Albrecht Bengels und Philipp Matthäus Hahns zurückgeht: Demzufolge hätte 1836 die erste von zwei tausendjährigen Phasen eingeleitet werden sollen, die der Wiederkehr Christi vorausgehen. Von vielen Zeitgenossen sei deshalb das Jahr 1836 fälschlicherweise als Jahr des Weltuntergangs angesehen worden, teilte Wolfgang Schöllkopf mit. Auch Hahns berühmte „Ludwigsburger Weltmaschine“ sei auf das Jahr 1836 eingestellt gewesen, meinte der Experte. Allerdings habe Hahn die Möglichkeit eingebaut, dass sich diese Maschine auch nach 1836 wieder aufziehen lässt.