Lokales

Die hier lebenden Muslime fühlen sich wohl in ihrer Stadt

Zur siebten öffentlichen Begegnung von Kirchheimer Christen mit Angehörigen des Türkisch-Islamischen Kulturvereins hatte der Arbeitskreis christlicher Kirchen am Samstagnachmittag in das katholische Gemeindehaus Sankt Ulrich eingeladen. Im Mittelpunkt dieses Treffens stand das Thema: "Was brauchen Muslime und Christen, um ihren Glauben leben zu können?"

GUNDHARD RACKI

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KIRCHHEIM Diakon Reinhold Jochim freute sich, dass dieses Treffen bei Muslimen und Christen so viel Interesse fand. Besonders herzlich begrüßte er Yüksel Hodscha, den Vorbeter der Moschee in der Lohmühlgasse, der erst vor einiger Zeit seinen Dienst in Kirchheim angetreten hat. Diakon Jochim ging auf die bedauerliche Tatsache ein, dass gegenwärtig Gewalt und Terror in vielen Teilen der Welt religiös legitimiert würden, insbesondere auch Gewalt zwischen Christen und Muslimen, obwohl beide Weltreligionen einen Gott der Liebe und des Friedens bezeugten.

Seit 1999 versuche man in Kirchheim erfolgreich, ein Miteinander von Christen und Muslimen. Beweis hierfür seien die vierzehn Treffen im kleineren Rahmen und die öffentlichen Begegnungen. Das Interesse beider Seiten an diesem Dialog, sei im Laufe der Zeit gewachsen. Ein Miteinander von Christen und Muslimen sei nur möglich, wenn man Achtung vor dem Anderen habe, ihn als gleichberechtigt anerkenne und sich dafür einsetze, dass Andersgläubige ihren Glauben leben könnten. Wichtig sei das Gespräch, zu dem die öffentlichen Begegnungen Gelegenheit böten, betonte Reinhold Jochim.

Gelegenheit zum Gespräch zwischen Muslimen und Christen, die buntgemischt an den Tischen saßen, boten die Impulsreferate von Hiltraud Link und Hüseyin Bas. Hüseyin Bas, Vertreter des Tükisch-Islamischen Kulturvereins, meinte, dass er sich bei der Fragestellung "Was brauchen Christen und Muslime, um ihren Glauben leben zu können?", an eine Zeile Goethes erinnert habe: "Wenn du nehmen willst, so gib!" Dies sei ein Kernsatz menschlichen Zusammenlebens und Grundlage einer zivilisierten Welt. Im kleinen Rahmen des interreligiösen Dialogs in Kirchheim bedeute dies, dass beide Seiten sich ohne Vorbehalte einbringen müssten. Für das Zusammenleben von Christen und Muslimen sei für ihn auch Kants "Kategorischer Imperativ" eine Orientierung. Freiheit, auch religiöse Freiheit, habe Grenzen an dem, was andere, ohne Einschränkung ihrer Freiheit, akzeptieren könnten. Man könne auch an religiösen Freiheiten nur das fordern, was man selbst bereit wäre, anderen zu gewähren.

Zu der Leitfrage des Treffens sprach für die christliche Seite Hiltraud Link, Pfarrersfrau aus Erkenbrechtsweiler. Hiltraud Link lebte und arbeitete acht Jahre auf der indonesischen Insel Sulawesi. In Indonesien sind neunzig Prozent der Menschen Muslime und Christen stellten mit nur fünf Prozent der Menschen eine religiöse Minderheit dar. Was man als Christ brauche, so betonte Hiltraud Link, werde einem erst bewusst, wenn man in einem anderen Lande zur religiösen Minderheit gehöre. Religiösen Minderheiten müsse die Möglichkeit gegeben werden, Kirchen zu bauen, sie bräuchten einen ungestörten Ort für Gottesdienste und tolerante Nachbarn, außerdem die Freiheit, ihre Festtage feiern zu können.

Auf der politisch-juristischen Ebene müssten religiöse Minderheiten die gleichen Rechte wie der Mehrheit eingeräumt werden, sie müssten gleichen Zugang zu allen beruflichen Positionen und politischen Ämtern haben und keinerlei Diskriminierung ausgesetzt sein, wenn sie in der Öffentlichkeit ihren Glauben bekannten, meinte Hiltraud Link.

Religiöse Minderheiten bräuchten aber nicht nur gesetzlich garantierte Rechte und den Schutz der Staatsmacht, sondern Toleranz und Respekt im Verhalten der Mehrheitsbevölkerung ihnen gegenüber. So hätten sie in Indonesien auf einer Schifffahrt im Fastenmonat Ramadan, Muslime, einfache Leute, aufgefordert, doch in ihrer Bibel zu lesen, während sie den Koran läsen, dann könnten alle an dem Licht Gottes teilhaben, das sich in seinen Büchern fände.

"Christen brauchen Menschen anderen Glaubens", machte Hiltraud Link deutlich. Dies mache es vielen erst wieder möglich, ihren Glauben zu formulieren. Erst in der Begegnung mit Angehörigen anderer Religionen würde vielen bewusst, wie stark sie in ihren alltäglichen Verhaltensweisen und Einstellungen als "christliche Kulturmenschen" geprägt seien.

Die Referate gaben, wie erwartet, Anlass zu intensiven Diskussionen an den Tischen. Die Kirchheimer Muslime betonten, dass ihnen in Kirchheim immer großes Verständnis entgegengebracht werde. So könnten sie ihre Gottesdienste an wichtigen religiösen Feiertagen selbstverständlich in der Stadthalle abhalten, auf dem Waldfriedhof sei ein muslimisches Gräberfeld für sie reserviert und auch bei einem möglicherweise geplanten Moscheenbau, seien wohl kaum Einwände und Bedenken zu erwarten.

Islamischer Religionsunterricht in deutscher Sprache an deutschen Schulen, scheint für Muslime in Kirchheim, kein Problem zu sein. Ein muslimischer Teilnehmer meinte, ein solcher Religionsunterricht würde ohne Zweifel bei muslimischen Kindern und Jugendlichen das Verständnis der eigenen Religion fördern, da der Koranunterricht in den Moscheen doch sehr stark auf das Auswendiglernen von Suren in arabischer Sprache beschränkt sei, wobei das Verständnis für das Auswendiggelernte in der Regel fehlen dürfte.

Einige Teilnehmer verwiesen auf die fatalen Folgen der Unkenntnis anderer Religionen, Traditionen und Kulturen, wie man im Nahen und Mittleren Osten sehen könne.

Kontrovers diskutiert wurde dann auch die Bedeutung der "christlich-abendländisch-deutschen Leitkultur" für die Lebensbewältigung von Muslimen in Deutschland. Ein türkischer Teilnehmer erinnerte hierbei an die These Atatürks: "Es gibt keine Zivilisation, außer der westlichen Zivilisation."

Die muslimischen Freunde, "kardesler", wurden zum Abschluss der Begegnung noch zu einem ökumenischen Gebet der Protestanten und Katholiken in die Ulrichskirche eingeladen. Pfarrer Walter Gölz wies abschließend noch auf das nächste Treffen des christlich-islamischen Arbeitskreises hin, das am Freitag, 19. November, in der Moschee in der Lohmühlgasse stattfindet.