Lokales

„Die Innenstadt sitzt auf zwei Backen“

Einzelhandelskonzept gibt Kirchheim gute Noten, sieht aber auch große Herausforderungen

Der Einkaufsbummel in Kirchheim ist ein beliebter Zeitvertreib. Gelungener Branchenmix, gute Qualität und das schöne Ambiente der Fachwerkstadt werden dafür verantwortlich gemacht. Um in puncto Einkaufsstadt weiterhin in der Region die Nase vorn zu haben, setzt die Stadt auf ein neues Einzelhandelskonzept.

Einkaufen in Kirchheim ist ein besonderes Erlebnis ¿ nicht nur beim Mitternachtsshopping. Das soll auch so bleiben, soweit herrs
Einkaufen in Kirchheim ist ein besonderes Erlebnis ¿ nicht nur beim Mitternachtsshopping. Das soll auch so bleiben, soweit herrscht Einigkeit in der Fachwerkstadt. Die Frage ist nur, wo und wie eine Weiterentwicklung stattfinden soll.Archiv-Foto: Jörg Bächle

Kirchheim. Dr. Stefan Holl kommt gern unter die Teck: Der Geschäftsführer der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA), die unter anderem Einzelhandelskonzepte für Städte erstellt, hat viele Sorgenkinder – Kirchheim gehört nicht dazu. Jetzt präsentierte Holl im Gemeinderat die Fortschreibung des Konzeptes, das erstmals im Jahr 2004 erstellt worden war: Seither ist die Anzahl der Läden in der Innenstadt ziemlich konstant geblieben, die Verkaufsfläche hat sich um 10 000 Quadratmeter vergrößert. Laut Dr. Holl funktioniert das angestrebte „duale Modell“ in Kirchheim: Zu einer leistungsfähigen Innenstadt kommen Angebote in Außenlagen, die der Stadt wiederum Kunden zuführen.

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Die Außenlagen gehören jedoch zu den Punkten, an denen die Stadt arbeiten sollte, wie Projektleiterin Rebecca Eizenhöfer erläuterte. An derartigen „Ergänzungsstandorten“ vermisst die GMA Fachmärkte, etwa in den Bereichen Babyartikel, Tapeten oder Elektrowaren. Zudem soll die Nahversorgung in den einzelnen Wohngebieten gesichert und weiterentwickelt werden, um dem demografischen Wandel und dem Wunsch nach kurzen Wegen entgegenzukommen. Natürlich muss auch die Innenstadt ihre Attraktivität weiter steigern, zum Beispiel durch mehr Branchenvielfalt. Rebecca Eizenhöfer nannte hier als Beispiele Feinkost oder Biolebensmittel, Markenbekleidung speziell für junge Leute oder Zoo-Artikel.

Einig war man sich im Ratsrund, dass sich die Einkaufsstadt Kirchheim nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen kann. „Wir dürfen nicht verharren“, mahnte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker. Dr. Holl betonte die enge Wechselwirkung von Stadtentwicklung und Einzelhandel.

„Das Gutachten steckt den Rahmen ab, wir müssen ihn jetzt ausfüllen“, sah CDU-Fraktionsvorsitzender Dr. Thilo Rose das Gremium gefordert und sprach von einer Entwicklung vom „Kaufhaus Innenstadt“ zum „Einkaufserlebniszentrum Kirchheim“. Als wichtigstes Thema nannte er die Verbesserung der Anbindung des Bahnhofs an die Innenstadt. Um dieses Thema rankte sich auch die komplette Diskussion.

SPD-Fraktionschef Walter Aeugle sah ein Fragezeichen hinter dem zukünftigen Geschäftsbesatz im neuen Steingauquartier, das auf dem EZA-Gelände entstehen soll, und skizzierte eine Verlagerung der Schwerpunkte in der Innenstadt von Ost nach West. „Die Sogkraft der Innenstadt muss erhalten bleiben“, pochte Dr. Christoph Miller von den Freien Wählern auf eine „Fortschreibung der Erfolgsgeschichte“. Das geplante Lifting des Teckcenters stehe der Stadt gut an. Allerdings warnte Miller davor, das zentrale Gebiet weiter auszudehnen. Eine Möglichkeit bestehe darin, im Steingauquartier zentrumsrelevante Sortimente nicht zuzulassen. Sein Fraktionskollege Ralf Gerber ergänzte, dass die bisherige Meinung darin bestanden hatte, in der Kolbstraße keine Konkurrenz zur Innenstadt zu schaffen. Auch er sah die Gefahr, die östliche Innenstadt abzuschneiden. Dies belegte er mit einem Verweis auf die deutlich höheren Verkaufszahlen im dortigen Bereich an Tagen, an denen der Ziegelwasen verstärkt als Parkplatz genutzt wird. Das ist beispielsweise bei verkaufsoffenen Sonntagen der Fall: „Es kommt nicht nur auf die Qualität an, sondern sehr wohl auch auf die Frequenz“, lautete das Fazit des Geschäftsmannes.

Dr. Silvia Oberhauser, Fraktionsführerin der Frauenliste, gab zu bedenken, dass die Idee des Steingauviertels eben gerade darin liegt, keine Schlafstadt von Auspendlern zu schaffen. Außerdem müsse für eine bessere Anbindung des Bahnhofs jedes Mittel recht sein, „daher sollten wir in der Kolbstraße nichts verhindern“.

Wie zuvor schon die SPD und die CDU plädierte auch Bernd Most, Fraktionschef der FDP/KIBÜ, dafür, die Entwicklungsachse vom Postplatz zum Bahnhof zunächst weiter zu untersuchen. Er fürchtete eine überproportionale Entwicklung Richtung Westen. Im übrigen erinnerte er daran, dass im Steingauquartier die Rechnung ohne den Wirt gemacht werde. Bekanntlich ist das Gelände noch immer in Privatbesitz. Unterschiedliche Preisvorstellungen lassen weitere Entwicklungen stagnieren.

„Die Innenstadt sitzt auf zwei Backen“ warnte Dr. Holl davor, eine Konkurrenzsituation unnötig heraufzubeschwören. Auf Nachfrage bescheinigte er den Erkenntnissen aus dem Gutachten eine Geltungsdauer von etwa zehn Jahren. Veränderungen des Handels und der Konsumgewohnheiten wie auch beim Baurecht sorgten dann meist für neue Aspekte.

Nach langer Diskussion kristallisierte sich die Richtung für die nächsten Monate heraus: Die Stadtverwaltung wird nun ein städtebauliches Konzept erarbeiten, das die verbesserte Anbindung des Bahnhofs an die Innenstadt zum Ziel hat und Perspektiven für die Kolbstraße zeigt. Im Steingauquartier soll die Möglichkeit einer Sortimentsregelung über das Bebauungsplanverfahren abgeklopft werden. Auch für die Dettinger Straße im Bereich Ziegelstraße bis REWE-Markt sind neue Ideen gefragt. Zunächst wird die Diskussion mit dem Wirtschaftsbeirat gesucht.