Lokales

Die jetzigen Stützen der Gesellschaft brechen früher oder später weg

Was bringt die Zukunft? Diese Frage stellten sich die Dettinger während der Bürgerversammlung in der Schlossberghalle. Als Antwort darauf gab es zwei Visionen: eine düstere hinsichtlich der Bevölkerungsentwicklung und eine aufmunternde im Blick auf das Netzwerk "Dabei".

ANDREAS VOLZ

Anzeige

DETTINGEN Die Dettinger Bürgerversammlung zum Thema "Soziale Gemeinde" verlangte von den zahlreichen Gästen eine gehörige Portion Bürgerbeteiligung: Für die Vermittlung der Inhalte waren "Menschen wie du und ich" zuständig. Für rhythmisch-beschwingte Unterhaltung sorgten der Projektchor des Gesangvereins, Turnerinnen der Sportjugend sowie ein Bläser-Sextett des Musikvereins. Und selbst ins Publikum kam immer wieder Bewegung, sei es zur Demonstration der Bevölkerungsentwicklung, zum Aufbau der "Alterspyramide" oder um gemeinsam symbolische erste Schritte zur Unterstützung des Dettinger Hallenbads zu machen.

Gemeinsamkeit ist das Prinzip, auf das viele Kommunen bauen, wenn sie in die Zukunft schauen. "Wir müssen von der Ich-Gesellschaft zur Wir-Gesellschaft kommen", hieß es daher in der Schlossberghalle. Dieses Motto gilt für alle Gruppen und Arbeitskreise, die am Netzwerk "Dabei" mitarbeiten. "Dettinger aktive Bürger ergreifen Initiative" lautet der Name des Netzwerks in voller Länge. Um miteinander in Kontakt zu kommen, ist im Rathaus seit gestern das Dettinger "Bürgertelefon" freigeschaltet. Unter der Nummer 0 70 21/50 00-30 kann sich jeder melden, der Hilfe braucht oder anzubieten hat. Am anderen Ende der Leitung sitzen hauptamtliche Mitarbeiter ebenso wie ehrenamtliche aus dem Arbeitskreis "Menschen", die die "Bürgerbörse" in Schwung halten sollen.

Der Arbeitskreis "Umwelt" setzt nicht weniger auf Gemeinsamkeit und Miteinander. So wie bei der Baumpflanzaktion auf dem Käppele nach den "Lothar"-Verwüstungen schon einmal gut zusammengearbeitet wurde, hoffen die Initiatoren jetzt bei der "Markungsputzete" am Samstag, 13. November, ebenfalls auf rege Beteiligung der Bürgerschaft. An früheres Engagement möchte auch der Arbeitskreis "Einrichtungen" anknüpfen, am konkreten Beispiel Hallenbad. Der Förderverein, von dem einst die Initiative zum Bäderbau ausgegangen war, soll wiederbelebt werden, um das Dettinger Bad auf lange Zeit hinaus erhalten zu können.

"Des isch onser Hallabad, des send onsere Stroßa, onsere öffentliche Eirichtunga. Des hot onser Geld koschtet, ond wie gangat mir damit um?" Diese Frage stellte sich und allen anderen Willy Kiedaisch, der bei seinem kabarettistisch anmutenden Auftritt als "Badegast" sehr viel Engagement an den Tag legte, um den versammelten Bürgern deutlich vor Augen zu führen, worauf es den vielen ehrenamtlich Tätigen im Netzwerk "Dabei" ankommt.

Engagiert waren alle bei der Sache, die ihr Publikum in der Schlossberghalle trotz der ernsten und eher trockenen Themenstellung glänzend unterhielten. Selbst die zunehmenden Probleme der Bevölkerungsstatistik wurden nicht in Form eines längeren Impulsreferats vermittelt, sondern anhand von 55 farbigen Kartons veranschaulicht. Jeder einzelne Karton repräsentierte dabei etwa 100 der 5 500 Einwohner Dettingens. Die Zahlen auf den Kartons standen für das "Einstiegsalter" des Lebensjahrzehnts, in dem sich diese 100 Dettinger jeweils befinden. "Das ist eine Augenblicksaufnahme aus dem Jahr 2004", betonte Klaus G. Vogel, der die Statistik vorstellte.

Um die augenblickliche Struktur und die weitere Entwicklung zu erklären, verwies Vogel auf die 60er-Jahre: "Vor 40 Jahren wurden noch fast jede Woche fast zwei Kinder geboren." Heute komme nicht einmal mehr jede Woche ein Kind zur Welt, dessen Eltern in Dettingen wohnen. Folglich fehlte der "Pyramide" in der Schlossberghalle auch ein solides Fundament an grünen Kartons, die die rund 1 700 Einwohner im Alter zwischen 0 und 29 Jahren darstellten. Etwa 2 300 Dettinger sind derzeit 30 bis 59 Jahre alt, stehen also "mitten im Leben, verdienen Geld und zahlen Steuern", wie Klaus G. Vogel ausführte. Deren 23 gelbe Kartons seien aber von den Jüngeren schon gar nicht mehr zu tragen, weshalb der Statistik-Experte mit seinen Helfern zwei Bretter als Stützen einbaute, die er die "Sozialsysteme" nannte.

Es folgten 14 blaue Kartons für die rund 1 400 "jungen Alten" zwischen 60 und 89 sowie ein weißer Karton für die derzeit 78 Einwohner der Schlossberggemeinde, die ihren 90. Geburtstag bereits hinter sich haben. "Heute ist das noch etwas Tolles", erklärte Vogel, "aber für die jetzt 50-Jährigen ist das die ganz normale Lebenserwartung." Während momentan noch etwa 4 000 Dettinger jünger als 60 sind, treffe diese Altersangabe im Jahr 2050 nur noch auf 2 600 Einwohner zu. Genauso viele seien dann aber älter als 60. Ähnliche Prognosen gälten für ganz Deutschland und sogar für ganz Europa.

Wenn sich die verschiedenen Ein- und Ausbuchtungen der "Alterspyramide" Jahr um Jahr weiter nach oben verschieben, brechen die Stützen der Sozialsysteme früher oder später zwangsläufig weg, die Kartonwand fällt in sich zusammen und das Chaos bricht aus. Klaus G. Vogel nannte drei Möglichkeiten, in den kommenden Jahrzehnten mit der ungeheuren Anzahl künftiger alter Menschen umzugehen: Senioren wohnen auch später noch im Altenheim, "so man es bezahlen kann", Senioren werden durch mobile Sozialdienste versorgt, "so diese noch funktionieren", oder es bildet sich eine "familienähnliche Gemeinschaft innerhalb des Ortes" ein Netzwerk, in dem einer dem anderen helfe, damit keiner allein bleiben müsse.

Mit den Kartons in der Schlossberghalle gelang es recht schnell, aus dem Chaos eine stabile Wand zu erstellen, in der die verschiedenen Altersklassen bunt durcheinandergemischt waren. Auf Dauer soll dies in Dettingen auch mit den Menschen funktionieren, indem das Netzwerk "Dabei" über Bürgertelefon, Bürgerbörse, Arbeitskreise, Vereine und Kirchengemeinden bestehende Strukturen nutzt, miteinander verknüpft und so zu neuen, tragfähigeren Strukturen verbindet. Bürgermeister Rainer Haußmann zählte bei der Versammlung etliche vorhandene Beispiele ehrenamtlichen Wirkens auf und kam zu dem Schluss: "Wir können und müssen nicht alles selber machen. Es gibt schon viel Engagement in der Gemeinde. Man muss es halt wissen und nutzen."