Lokales

Die Jugend übernimmt die Macht

Dettinger Schüler schlüpften in neue Rollen und spielten eine Gemeinderatssitzung nach

Im Planspiel Kommunalpolitik erlebten Zehntklässler der Dettinger Teckschule Politik zum Anfassen. Als Gemeinderäte lernten sie, was eine Anfrage ist, wie man einen Antrag stellt – und dass nicht alles Wünschenswerte finanzierbar ist.

Antje Dörr

Dettingen. Mitten im Antrag der SPD-Fraktion klingelt ein Handy. Der Redner schweigt irritiert. Strafende Blicke suchen den Schuldigen, aus dessen Hosentasche die populäre Melodie erbarmungslos weiterdudelt. Typisch, denkt der Beobachter, in einem Raum voller Jugendlicher hat man darauf nur gewartet. Doch der „Übeltäter“ entpuppt sich als ergrauter Dettinger Gemeinderat, der nicht im Ratsrund, sondern auf den hinteren Plätzen sitzt. Spätestens jetzt wird klar: In dieser Gemeinderatssitzung ist nichts, wie es war.

Im Planspiel Kommunalpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung werden Schüler zu Gemeinderäten. Sie besuchen eine Ratssitzung, bilden Fraktionen und erarbeiten mit Gemeinderäten Anträge und Anfragen. „Die Jugendlichen sollen Politik erleben“, beschreibt Projektleiterin Christine Arbogast das Ziel, „nicht passiv als Zuschauer, sondern mittendrin als aktive Gestalter demokratischer Entscheidungsprozesse.“ So könne man ihr Interesse an Politik wecken.

„Kommunalpolitik ist Politik zum Anfassen.“ Mit diesen Worten begrüßte der Dettinger Bürgermeister Rainer Haußmann die 20 jugendlichen Nachwuchsräte von der Teckschule, die sich mit Hemd, Bluse und Jackett ihrer Funktion optisch angepasst hatten. Der Bürgermeister erklärte die Sitzungsformalien. Er wünsche sich eine kontroverse Diskussion und keine Totschlagargumente. „Den Satz ‚Dafür gibt es aber kein Geld‘ wollen wir nicht immer gleich am Anfang sagen“, mahnte Haußmann.

Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern hatte Haußmann nur wenige Tage Zeit gehabt, sich auf die Anfragen und Anträge der Jugendlichen vorzubereiten. Die meisten drehten sich, wie erwartet, um Jugendthemen. Formeller als sonst ging es im Dettinger Ratsrund zu, als die Jugendlichen ihre Anfragen stellten: „Sehr geehrter Herr Bürgermeister, wir bitten im Rahmen der CDU/FWV-Fraktion, folgende Fragen zu beantworten: Warum gibt es keine vereinsoffenen Sportveranstaltungen für Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren?“

Weitere Themen waren der Zug zwischen Oberlenningen und Wendlingen, die Möglichkeit, ein Internetcafé zu eröffnen und der Keller des Alten Gemeindehauses. Die Schüler beantragten, ein Jugendhaus und einen Jugendgemeinderat einzurichten sowie die Sportmöglichkeiten im Pausenhof der Teckschule zu verbessern.

Rainer Haußmann und seine Mitarbeiter waren gut vorbereitet. Anschaulich und verständlich beantwortete der Bürgermeister die Anfragen der Jugendlichen und diskutierte so ernsthaft mit ihnen, dass der eine oder andere im Eifer des Gefechts schon einmal vergaß, dass es sich nur um ein Spiel handelte.

Besonders kontrovers debattierten die jugendlichen Gemeinderäte über die Einrichtung eines Jugendhauses. „Jugendliche, die nicht in einen Verein integriert sind, suchen eine Möglichkeit, Gleichaltrige zu treffen“, hieß es dazu in der Begründung der FWG-Fraktion. Rainer Haußmann räumte ein, dass Jugendliche einen Treffpunkt bräuchten. Die Idee, das Haus in Eigenregie zu betreiben, erklärte er aber für unrealistisch. Eine Betreuung müsse es geben, und die sei teuer. Miete, Strom, Wasser und so weiter müssten ebenfalls bezahlt werden. Außerdem gäbe es bisher keinen geeigneten Standort. Als Ersatz bot Haußmann den Jugendlichen an, einen überdachten Jugendbereich am Bahnhofsplatz zu schaffen.

Nach zwei Stunden dürfen die Jugendlichen ihre Rollen wieder abstreifen. Die Schilder, auf die ihr Name und ihre Fraktion geschrieben waren, behalten sie aber. „Ich hoffe, dass ihr euch weiterhin für Politik, besonders Kommunalpolitik, interessiert“, sagt Rainer Haußmann zur Verabschiedung. Die Herren auf den hinteren Plätzen nicken ihren Nachfolgern anerkennend zu. Vier Jugendliche haben auf die Frage, ob sie sich vorstellen könnten, einmal für den echten Gemeinderat zu kandidieren, die Hand gehoben.

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