Lokales

Die kampflose Übergabe erschien als letzter Ausweg

Vor 375 Jahren widersetzte sich die Stadt Kirchheim einem Durchhaltebefehl Herzog Eberhards III. von Württemberg und unterwarf sich dem Kaiser

Kirchheim. Mit dem 21. Oktober ist in der Geschichte der Stadt Kirchheim ein Ereignis verbunden, das unspektakulär erscheint, bei näherer Betrachtung jedoch als eine

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Werner Frasch

wichtige historische Wegmarke in der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs bezeichnet werden kann. Am 21. Oktober 1634 – heute vor 375 Jahren – wurde ein Schriftstück unterzeichnet, das angesichts der kaiserlichen Truppen, die nach der Nördlinger Schlacht heranrückten, die unweigerlich drohende Verwüstung der befestigten Oberamtsstadt abwenden sollte. Die Kirchheimer stellten sich darin und mit der wohl schon Anfang September erfolgten Übergabe ihrer Stadt unter „Protection, Schutz und Schirm“ von Kaiser Ferdinand II., der in diesem innereuropäischen Konflikt gegen Württemberg und damit auch gegen dessen Amtsstädte kämpfte.

Die kaiserliche Seite hatte Ende August die schwedischen Truppen und deren Verbündete – darunter auch 6 000 württembergische Soldaten, von denen etwa 4 000 ihr Leben verloren – bei Nördlingen vernichtend geschlagen. Der Kaiser betrachtete nach diesem Sieg das Herzogtum Württemberg als von ihm erobertes Gebiet, über das sein Haus von 1520 bis 1534 bereits einmal geherrscht hatte.

Anders als Nürtingen, Schorndorf und andere Städte, die sich der Einnahme durch die kaiserlichen Truppen widersetzten und dies mit Opfern an Menschen, Vieh und Gebäuden büßen mussten, oder – wie etwa Calw – völlig eingeäschert wurden, folgte Kirchheim dem Beispiel der meisten Orte in Württemberg und ergab sich den kaiserlichen Truppen. Freilich stellte sich die Stadt nicht freiwillig unter den „Schutz und Schirm“ der „Kaiserlich Römischen Majestät“, wie es in der Urkunde heißt. Angesichts der Machtverhältnisse blieb den Verantwortlichen nämlich keine andere Wahl, wollten sie ihre Stadt nicht der Verwüstung aussetzen. Von der Zerstörung blieb sie zwar verschont, nicht aber von hohen Zahlungen, Leid und anderen Schäden durch die Besetzung, die sie erdulden musste.

Der erst 19-jährige württembergische Herzog Eberhard III. war ein gutes Jahr vorher dem Bund süddeutscher Territorien mit Schweden beigetreten und damit als Anhänger Schwedens voll in den Strudel des Krieges hineingezogen worden, der als Religionskrieg und Kampf um die Stellung der Mächtigen seit dem Jahr 1618 ganz Europa mit unendlicher Not und Verwüstung überzogen hatte. Lange Zeit war es Württemberg – wie auch Bayern – gelungen, in dieser verheerenden Auseinandersetzung neutral zu bleiben. Das bewahrte das Herzogtum zwar lange davor, dass auf seinem Gebiet Schlachten ausgetragen wurden, nicht jedoch vor Einquartierungen kaiserlicher Soldaten und den damit verbundenen Belastungen.

Die von der katholischen Seite 1628 durchgesetzte Rückgabe der während der Reformation aufgelösten Klöster und die Einsetzung katholischer Äbte entwickelte sich allerdings zu einem Zankapfel, der die württembergische Haltung zum Kriegsgeschehen während der folgenden Jahre bestimmte und zudem zu erbitterten Ausei­nandersetzungen zwischen der herzoglichen Administration und den Landständen führte, die sich häufig gegenseitig die Verantwortung für klare Entscheidungen zuschoben. Es scheint, dass weniger die Vormundschaftsregierung, die für den noch unmündigen Herzog handelte, die Situation auf die Spitze treiben wollte. Das Land sei so erschöpft, dass alle Mittel zum Widerstand fehlten, hielt die herzogliche Regierung dem Landtag vor, der mit der Zeit seine traditionell kaiserfreundliche Position zugunsten einer gewaltsamen Auseinandersetzung und Verteidigung des „rechten Glaubens“ aufgegeben hatte. In der Klosterfrage kam für ihn ein Vergleich nicht in Frage, da man mit einem solchen nur der „Einführung des Papsttums“ Vorschub leiste und die reine evangelische Lehre sowie die ewige Seligkeit preisgebe. Vielmehr sei der Herzog berechtigt, für das Evangelium das „äußerste an Vermögen, Leib, Gut und Blut“ einzusetzen. Dazu war man in Kirchheim glücklicherweise nicht bereit, als die kaiserlichen Truppen wenige Tage nach der Nördlinger Schlacht – eine Spur der Verwüstung und Zerstörung hinter sich lassend – vor den Toren der Stadt standen.

Einer Auseinandersetzung mit dem kaiserlichen Feind wollte sich im Übrigen auch nicht der junge württembergische Herzog stellen. Bereits am Tag nach der Niederlage bei Nördlingen erhielt der Landschaftssekretär in der Stuttgarter Kanzlei morgens um fünf Uhr den Befehl des Herzogs, Akten und Geld zu verpacken. Gegen Mittag begab sich der Landesherr mit seinem Tross auf den Weg nach Westen, allerdings nicht ohne den Befehl zu hinterlassen, dass „alle Unterthanen ohne Ausnahm“ im Fall „eines über die Armeen ergehenden Unglücks das Vaterland und die Religion retten helfen“ müssten. Über diese Anordnung setzte man sich in Kirchheim, wie an vielen Orten im Land, ohne Weiteres hinweg. Das Fluchtziel des Landesherrn, der seine „treuen Unterthanen“ im Stich ließ, war Straßburg, wohin ihm später einige seiner Getreuen nachfolgten, um gemeinsam mit dem Herzog eine Exilregierung zu bilden, die allerdings ohne große Wirkung blieb.

Auch in der Umgebung von Kirchheim blieb keines der Dörfer verschont. In Schopfloch waren mehr als 70 Häuser zerstört und die Erntevorräte konfisziert worden. Ähnlich war es Gutenberg ergangen, wo die Soldaten nicht nur brandschatzten, sondern den Bauern zudem Rinder und Pferde wegnahmen. Auch den Gemeinden Ober- und Unterlenningen, Brucken und Schlattstall sowie Dettingen, Bissingen und Nabern war es nicht anders ergangen. Überall herrschte Schrecken und Not durch Totschlag, Vergewaltigung, Zerstörung der Häuser und Raub von Erntevorräten und allem, was nicht niet- und nagelfest war.

Dabei hatte die Bevölkerung des Kirchheimer Bezirks bereits vor diesem Höhepunkt der Kriegsbelastung unter marodierenden Soldaten zu leiden gehabt. Manche Dorfbewohner fanden zwar Schutz hinter den Mauern der Amtsstadt. Aber auch diese Sicherheit bewahrte sie nicht immer vor einem schrecklichen Ende. So sollen 1632 und 1633 Landbewohner in die Stadt gekommen sein, „wo sie auf den Straßen und Gewölben des Walls teils verhungerten, teils an bösartigen Seuchen starben“. Bald ging allerdings die „Sag, dass man zu Kirchheim niemand mehr einlasse“. Da mag auch nicht mehr der Rat geholfen haben, der einst als Spruchweisheit im Umlauf war: „Schmieren und Salben hilft allenthalben, hilft‘s nicht bei den Kärren, so doch bei den Herren.“

Jetzt mussten auch die „Herren“ dafür bezahlen – und manchmal mag auch „Schmieren und Salben“ mit im Spiel gewesen sein –, dass die Stadt von Kriegszerstörungen verschont blieb, schützten sie doch dadurch in erster Linie auch ihr eigenes Hab und Gut. Auch sonstiger Eigennutz dürfte mit der finanziellen Unterstützung verfolgt worden sein. So steuerte etwa Stadtkommandant Melchior Linckh, der im befestigten Freihof saß und einen Trupp Soldaten befehligte, neben erheblichen Geldbeträgen auch wertvolles Gold- und Silbergeschirr bei, um die Kontributionen an die Besetzer aufbringen zu können. Er tat dies sicher nicht nur, damit sich seine Nachkommen noch Jahre später damit rühmen konnten, die Kirchheimer Bürger „von Ketten und Banden erlöst und . . . bey Leib und Leben erhalten“ zu haben. Denn sein Geld und Gut streckte er nur vor, und zwar gegen fünf Prozent Zinsen. Mit den Tilgungen und Zinszahlungen war die Stadt noch bis zum Jahr 1725 belastet.

Bereits einige Wochen vor der Nördlinger Schlacht hatte er sich gemeinsam mit dem damaligen Nürtinger herzoglichen Beamten und späteren Kirchheimer Obervogt Michael von Grien als Verfechter der herzoglichen Sache gezeigt. Auf dem Marsch zum Sammelplatz des schwedisch-württembergischen Heeres bei Bopfingen überfielen sie einen Trupp kaiserlicher Reiter, wovon sie stolz nach Stuttgart berichteten. Als die kaiserlichen Truppen dann vor den Toren Kirchheims standen, gehörte Linckh allerdings zu den Ersten, die sich für ein kampflose Übergabe einsetzten, während sein Nürtinger Mitstreiter mit fatalen Folgen eine andere Taktik verfolgte.

Linckh erreichte als Besitzer seines seit jeher steuerfreien Wohnsitzes zudem bei den Stadtoberen, die angesichts seiner finanziellen Unterstützung „dankbaren Gemüts“ waren, dass sie seine bislang steuerpflichtigen Güter ebenfalls von solch lästigen Abgaben befreiten. Ein ähnliches Ansinnen, das er noch acht Tage vor der Besetzung der Stadt mit Waffenandrohung hatte erzwingen wollen, war dagegen noch abgewiesen worden. Die Steuerbefreiung wurde im Übrigen nach der Rückkehr des Herzogs im Jahr 1638 auf seine Anweisung hin wieder rückgängig gemacht.

In Kirchheim hatte für einige Monate Graf Walter von Buttler, dessen Dragonerregiment hier einquartiert war, die Befehlsgewalt. Er forderte die Zahlungen der Kriegslasten ein, und seine Truppen, deren Versorgung hohe Kosten verursachte, belagerten im Oktober 1634 Urach. Später erstürmten seine Soldaten von hier aus Schorndorf. Nach und nach fielen auch die Bergfestungen Hohenurach, Hohenasperg und Hohenneuffen sowie der Hohenzollern. Nur der von Konrad Widerholt befehligte Hohentwiel hielt bis zum Ende des Krieges 1648 allen Angriffen stand. Nicht zuletzt als Lohn für diese Leistung wurde dem tapferen Kämpfer im Jahr 1650 das Amt des Kirchheimer Obervogts übertragen.

In einem Bericht an den Kaiser ist über den Zustand der Stadt nach der Besetzung zu lesen: „Die zu Kirchen unter Teck erwähnen, dass die Amtsstadt gleichwohl anfangs nicht ausgeplündert, aber durch die bisher immerwährenden Winter- und Sommerquartiere so ausgemergelt und ausgesogen worden, dass weder in der Stadt noch in den Amtsorten Wein, Früchte, Ross und Vieh, noch andere zum Unterhalt dienende Mittel vorhanden und die Leute, die Vermöglichen wie die Armen, bereits Eichelbrot und andere übernatürliche Speisen genießen müssen, da doch sonst dieses Amt in einer sehr fruchtbaren Gegend gelegen.“

Vier Jahre nach Kriegsende zog Konrad Widerholt eine Schreckensbilanz. Vor der „laidigen Landtsoccupation“ und der „darauf erfolgten erbärmlichen Infection“, also der Pest, habe die Zahl der wehrfähigen Männer in seinem Bezirk 3 170 betragen. Jetzt seien es nur noch 1 079. Etwa ein Achtel der Fläche des Amtsbezirks lagen „wüst und öd“. Überdies waren sieben herrschaftliche und 1 533 Privatgebäude noch nicht wieder aufgebaut und das Dorf Holzmaden war vollständig zerstört. Soldaten hatten es am 28. April 1639 „in die Asche gelegt“.