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Die keulenschwingenden Rothäute aus Aichelberg

AICHELBERG Indianer sind vermutlich das Letzte, das man im 1 300-Seelendorf Aichelberg rund elf Kilometer vor den Toren Kirchheims vermuten wurde doch es gibt sie.

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PETER EIDEMÜLLER

Statt mit Tomahawk, Friedenspfeife und Mokassins kommen die vermeintlichen Rothäute mit schwingenden Keulen daher: Die Rede ist von den Mitgliedern der Baseball-Abteilung des örtlichen Sportvereins, den Aichelberg Indians.

Deren Geschichte beginnt vor etwas mehr als zwei Jahren: Die Zahl der aktiven Fußballer unterm Aichelbarg darbt, es kommt keine aktive Mannschaft mehr zu Stande. Abteilungsleiter Ferdinand Rad machte aus der Not eine Tugend, gründete kurzerhand mit einigen begeisterten Mitstreitern die Abteilung Baseball. Dank Mund-zu-Mund-Propaganda erfuhren auch einige Freizeit-Baseballer, die am Dettinger Käppele den Schläger schwangen, von dem aus der Taufe gehobenen Club die Mitgliederzahl stieg rasch, auf heute immerhin schon 36. Der Großteil der Mitglieder stammt aus Kirchheim und Umgebung aus Aichelberg selbst nur einer. Inzwischen heißt der Abteilungsleiter Udo Ruoff, ehemaliger Kicker und heute glühender Fan "seines" Sports: "Baseball ist eine faszinierende Sache", schwärmt der 38-Jährige. Die Brüder Martin und Miguel Fernandez, lizenzierte Übungsleiter des Vereins und wie Ruoff auch selbst aktive Spieler, stoßen ins gleiche Horn. "Da steckt einfach alles drin: Individual- und Mannschaftssport in einem", sagt Martin Fernandez, "und es ist eine richtige Familienangelegenheit." Jedes Match der Indians wird umrahmt von regelrechten Grillfesten, bei denen Kind und Kegel verköstigt werden ganz nach amerikanischem Vorbild.

Seit dem vergangenen Jahr nehmen die Indians am aktiven Spielbetrieb teil. Als neu gegründete Mannschaft mussten sie naturgemäß in der untersten Klasse anfangen. Trotz der wie Pilze aus dem Boden schießenden Teams sind die Wege weit in der Bezirksliga. Gegner der Indians sind unter anderem die Bad Mergentheim Warriors, die Ellwangen Elks oder die Dornstadt Falcons. Das Sportliche war im ersten Jahr noch Nebensache. "Das war eher ein Lernprozess", erzählt Ruoff, "vor allem, was die Regeln angeht." Während vieler Partien mussten sich die Indians von den gegnerischen Mannschaften in Sachen Spielablauf helfen lassen. "Das Regelwerk ist sehr komplex", gibt Miguel Fernandez zu. Vergleichbar mit dem an Schulen beliebten Brennball ist es beim Baseball Ziel, mehr Runs (Punkte) zu erzielen als der Gegner. Mehrfach abwechselnd hat ein Team das Schlagrecht (Offense), während das andere das Feld verteidigen muss (Defense). Ein Run wird erzielt, wenn ein Spieler der Offense den Ball mit dem Schläger trifft und alle vier Bases (Male) reihum ablaufen kann. Die Defense versucht dies zu verhindern, indem sie dem Schlagmann nur schwer zu schlagende Bälle serviert und den geschlagenen Ball unter Kontrolle bringt. Darüber hinaus gibt es noch zahlreiche Sonderregeln: "Basbeball erschließt sich einem nicht direkt auf den ersten Blick", sagt Fernandez.

Was auch daran liegen dürfte, dass die gesamte Terminologie in Englisch gehalten ist: Der Werfer ist der Pitcher, der Läufer der Runner und der Schiedsrichter der Umpire. Darüber hinaus sind die Abläufe stets gleich, die Faszination am Baseball liegt vielmehr im Detail auf Kosten der Publikums? "Bei unseren Spielen sind immer ein paar Kinder unterwegs, die unter den Zuschauern eine kleine Regelkunde verteilen", sagt Udo Ruoff, der weiß, dass außerhalb von Aichelberg noch viel Aufklärungsarbeit in Sachen Baseball betrieben werden muss.

Innerhalb des Vereins sind die Baseballer längst die Nummer eins auch bei der Jugendarbeit, dem eigentlichen Stolz der Keulenschwinger. "Inzwischen stellen wir zwei Nachwuchsmannschaften", so Ruoff, "haben sogar schon zwei Spieler in der Auswahlmannschaft des Verbandes." Andere Vereine, wie die benachbarten Göppingen Green Sox, seien immer wieder erstaunt, wie die Aichelberger die Abteilung aus dem Boden gestampft haben vor allem ohne Entwicklungshilfe aus Übersee. "Normalerweise gründen immer irgendwelche Amerikaner einen Baseballclub", weiß Ruoff, "wir haben alles in Eigenregie hinbekommen." Das macht stolz, das schweißt zusammen: "Dass wir alle mit dem gleichen Wissensstand angefangen haben, stärkt unseren Teamgeist", sagt Martin Fernandez. Die familiäre Atmosphäre bei den Indians scheint sich rumzusprechen. Unlängst wechselte der türkische Nationalspieler Ishan Yurdaer von Göppingen nach Aichelberg. "Dem war das dort zu erfolgsorientiert geworden", freut sich Ruoff über den Neuzugang unterm Aichelberg ist man (noch) nicht ganz so verbissen. "Wir machen das alles aus Spaß, schließlich ist das unser Hobby", betont Miguel Fernandez, "wenn wir andere für Baseball begeistern können, freut uns das natürlich."

INFODie Aichelberg Indians trainieren momentan zwei Mal die Woche, montags und donnerstags von 18.30 bis 20.30 Uhr auf dem Sportgelände des SV Aichelberg. Baseball-Interessierte können sich bei Udo Ruoff unter der Telefonnumer 0 70 26/36 18 oder ruoffudo@aol.com informieren. Im Internet ist die Abteilung unter www.svaichelberg.de zu finden.