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Die Kirchen und ihre Haltung zur "Macht des Imperiums"

Globalisierung aus einem anderen Blickwinkel betrachtet: Der frühere württembergische Landesbischof Eberhardt Renz berichtete in Kirchheim von der 9. Vollversammlung des Weltkirchenrats in Porto Alegre. "Das ist zwölf Flugstunden entfernt von unserem mitteleuropäischen Denken, dort sieht die Welt ganz anders aus", sagte er zu seinen Eindrücken über die Globalisierung in Lateinamerika.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM "Wir sollten die Globalisierung nicht als etwas Negatives beiseite schieben, sondern fragen: Wie kann sie das bewirken, was wir eigentlich wollen?" Eberhardt Renz, dessen Amtszeit als europäischer Präsident des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) während der Vollversammlung im brasilianischen Porto Alegre turnusgemäß zu Ende ging, orientierte sich mit dieser Sicht auf die weltweiten Wirtschaftsverflechtungen bewusst an Johannes Rau. Der Altbundespräsident hatte 2002 im Zusammenhang mit der Globalisierung das Schlagwort "Chance, nicht Schicksal" geprägt.

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Weltweit werden die Folgen der Globalisierung aber sehr unterschiedlich eingeschätzt. Gerade die Bevölkerung der südlichen Erdhalbkugel, die nach wie vor am stärksten mit den negativen Konsequenzen konfrontiert ist, sieht weniger die Chancen als vielmehr das Dilemma, dass sich das System erfahrungsgemäß kaum ändern lässt. Eberhardt Renz dagegen empfiehlt Verbrauchern in Westeuropa, beim Einkauf möglichst auf fair gehandelte Waren zu achten und die Händler gezielt danach zu fragen ob es sich nun um Kakao handelt, um Textilien oder um Fußbälle. Es gelte, die Macht der Kunden zu organisieren, um etwas ändern zu können.

Die Vereinten Nationen etwa hätten zu wenig direkte Einflussmöglichkeiten. Kofi Annan habe den Vorschlag gemacht, dass die großen Konzerne Sozialarbeit leisten, sich um Versorgungsansprüche und um die Ausbildung ihrer Beschäftigten kümmern sollten. Anordnen könne er das allerdings nicht. "Er kann es nur als Empfehlung weitergeben", sagte der ehemalige Landesbischof, der auf Einladung der "Offenen Kirche" im Bezirk Kirchheim-Nürtingen ins Alte Gemeindehaus nach Kirchheim gekommen war.

"In Brasilien lassen sich die Folgen der Globalisierung studieren", führte Renz am praktischen Beispiel aus, worum es beim Schwerpunktthema der Vollversammlung in Porto Alegre ging. Die fünf Jahrhunderte, die seit der "Entdeckung" Amerikas durch die Europäer vergangen sind, stünden aus Sicht der Ureinwohner für 500 Jahre Eroberung.

Bei der gastgebenden Kirche in Porto Alegre handle es sich um eine "relativ junge lutherische Auswandererkirche" mit etwa zwei Millionen Mitgliedern. Die ethnische Mischung in der südlichsten Provinz Brasiliens stellt Eberhardt Renz zufolge "eine Zerreißprobe für diese Kirche" dar. Neben den Nachfahren der Auswanderer, die einst den "Indianern" das Land weggenommen hatten, gebe es noch diese Ureinwohner, deren Bevölkerungszahlen immer weiter sinken, sowie die Nachkommen entlaufener Sklaven, die einst aus Afrika nach Brasilien verschleppt worden waren. Die Kirche sei immer eng mit der "Elite" verknüpft gewesen und stelle sich jetzt zunehmend ihrer historischen Verantwortung.

Die Besitzverteilung ist und bleibt ein ungelöstes Problem, global gesehen ebenso wie im Süden Brasiliens. Eine Folge dieses Problems ist die Befreiungstheologie, die Eberhardt Renz nach eigenem Anschauen der Verhältnisse vor Ort inzwischen mit anderen Augen betrachtet. Andererseits führe es vielfach zu Mord und Totschlag, wenn die Großgrundbesitzer nicht bereit sind, die ungleiche Landverteilung zu verändern. Damit war Eberhardt Renz bei den acht Punkten angelangt, die im so genannten "Agape-Aufruf" der Vollversammlung aufgeführt sind und die sich mit den Millenniumsentwicklungszielen der Vereinten Nationen vergleichen lassen.

Im "Zauberwort Agape" stecke das griechische Wort für "Liebe", aber auch die Abkürzung für den englischen Slogan "Alternative Globalisierung im Dienst von Menschen und Erde". In den einzelnen Punkten des Aufrufs geht es zunächst um die Beseitigung der Armut, die Verpflichtung zum Engagement für faire Handelsbeziehungen, für den bedingungslosen Schuldenerlass sowie für die nachhaltige Nutzung von Land und natürlichen Ressourcen. Zu diesem Punkt merkte Renz kritisch an: "Die Frage ist, ob man ,Nutzung' stärker betont oder ,nachhaltig'."

Weitere Inhalte des Agape-Aufrufs sind der Umgang mit und der Schutz von öffentlichen Gütern wie Wasser oder Luft, die oben bereits erwähnte Notwendigkeit zu Landreformen, die Verpflichtung, sich für menschenwürdige Arbeitsplätze, selbstbestimmte Arbeit und einen angemessenen Lebensunterhalt einzusetzen, und schließlich die Haltung der Kirchen zur "Macht des Imperiums". Dabei geht es darum, "gegen hegemoniale Mächte standhaft Stellung zu beziehen" aus dem Bewusstsein heraus, dass jede Macht "Gott gegenüber rechenschaftspflichtig" sei.

Wenn auch über diese Punkte, die unter der Überschrift "Wirtschaften im Dienste des Lebens" zusammenzufassen sind, weitgehende Einigkeit herrschen kann, wurde der Agape-Aufruf bei der Vollversammlung im Februar doch abgelehnt. Grund dafür war der erste Teil des Aufrufs ein Gebet. Aus europäischer Sicht spreche gegen das Gebet, dass man darüber nicht diskutieren kann, erklärte Renz in Kirchheim. "Für einen Afrikaner ist das aber völlig normal: Einem Papier, das nicht mit einem Gebet anfängt, dem fehlt etwas."

Was wiederum der Vollversammlung des Weltkirchenrats in den Augen vieler Beobachter fehlte, war ein greifbares Ergebnis. Eberhardt Renz sieht das anders: "Mit 700 Delegierten kann man keine großen Diskussionen führen." Ein Ergebnis des Treffens von Porto Alegre formulierte er trotzdem: "Das Agape-Programm ist ein erster Anfang für eine Diskussion. Man muss erst einmal die eigene Position verstehen und sie dann ins Ganze einordnen."