Lokales

Die Kirchheimer "Kühlschränke" für das Bier in früheren Tagen

KIRCHHEIM Die alten, behäbigen Bierkeller in Kirchheim sind dahin. Wohin sind sie entschwunden? Was haben die Kirchheimer früher gemacht, als es noch keine Freizeitparks und Kinopaläste gab? Damit nicht in Vergessenheit gerät, wie es damals war, trafen sich die Zehntklässler der Jesinger Werkrealschule mit dem Seniorenkreis im Kirchheimer Bürgerbüro, gleich neben dem Jugendhaus Linde.

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An einer gemütlichen Kaffeetafel warteten Hans Köber und seine Freunde schon auf uns. Hans Köber, dem man seine achtzig Jahre bei Weitem nicht ansieht, begrüßte uns freundlich und führte uns mit launigen Worten ein in die für heutige junge Leute unbekannte Welt der alten Kirchheimer Bierkeller. In früheren Jahren wurde dort Bier gelagert und auch Eis zum Kühlen des Gerstensaftes. Das Eis wurde teilweise vom Sonnensee oder anderen Teichen geholt. Das geschah mit Pferdefuhrwerken, da es zu dieser Zeit noch gar keine oder nur wenige Autos gab. Das Eis hielt ungefähr von Januar oder Februar bis September oder Oktober.

Früher waren diese Bierkeller ein beliebter Treffpunkt der Familien. Man pilgerte dorthin zum Reden, Trinken oder auch zum Kegeln, denn in manchen Bierkellern gab es Kegelbahnen. Früher nannte man das Bier auch "Stoff". Hans Köber verteilte an uns ein paar Zeitungsartikel, die wir später vorlasen.

Als Erstes erzählte uns Hans Köber über die Wilhelmshöhe. Die Wilhelmshöhe war ein Bierkeller an der alten Schlierbacher Straße Richtung Schafhof. Er ist heute noch erkennbar und zwar an einem großen grauen Tor. Allerdings steht er leer, obwohl er schon im Jahr 1900 einen Wert von 30 000 Mark hatte.

Als Nächstes las unser Klassenkamerad Mark etwas über den Dreikönigskeller vor. Der Dreikönigskeller liegt an der Notzinger Steige und war zu seiner Zeit ein beliebter Treffpunkt für Jung und Alt. Der Grund dafür war: Dort konnte man seinen Hunger und Durst stillen, der Stadtkapelle oder den Militärkonzerten zuhören, die manchmal dort spielten, und natürlich auch alle Freunde und Bekannte treffen. Ursprünglich gehörte der Dreikönigskeller zum Gasthaus Lamm, seinen Namen bekam er erst später. Der Dreikönigskeller wurde 1950 abgerissen, da er nicht mehr bewohnbar war.

Dann las Michael etwas über den Lohrmannskeller vor. Der Lohrmannskeller gehört zum Gasthaus Blume in der Dettinger Straße. Eigentlich trug dieses Gasthaus seinen Namen nach dem Revolutionär Blum, was aber gefährlich war wegen des Staatssicherheitsdienstes. Den Lohrmannskeller gibt es heute nicht mehr. An seiner Stelle befindet sich die Sporthalle des Ludwig-Uhland-Gymnasiums. Das Wirtshaus Blume ist gleichfalls dahin. An seiner Stelle steht nun das Sportgeschäft Räpple. Hans Köber erzählte weiter, dass der Lohrmannskeller dieser "verruchte" Ort war, wo in Kirchheim Hasch geraucht wurde, und als er abgerissen werden sollte, kletterten die jungen, langhaarigen Kerls auf die großen Bäume und protestierten somit gegen diese Untat. Es half zwar nichts gegen eine überlegene Staatsgewalt, doch der Versuch war schon sehr mutig.

Danach war Funda dran, über den Lammkeller zu berichten. Der Lammkeller liegt an der Notzinger Steige. Er gehörte zum Gasthaus Lamm, das 1945 im Zweiten Weltkrieg von einem amerikanischen Kriegsflugzeug zerbombt wurde. Es war Zufall, dass ausgerechnet dieses Gebäude zerstört wurde. Der Pilot hatte technische Probleme und warf seine Bomben ab, um mehr Kontrolle über seine Maschine zu erlangen. Das Gasthaus Lamm war lange Zeit eine Ruine. Erst vor einigen Jahren wurde an der Stelle am Alleenring, wo es zum Freihof beziehungsweise zur Herdfeldbrücke geht, ein modernes Geschäftshaus errichtet. Der Lammkeller selbst diente nur noch als Lager.

Unser Klassenkamerad Cem war als Letzter dran, etwas über die Karlshöhe vorzulesen. Die Karlshöhe liegt auf einem Hügel rechts der Nürtinger Straße. Der Bierkeller gehörte zum Gasthaus Schützen. Am Anfang wurde die Karlshöhe auch Bernhardshöhe genannt, immer nach dem Vornamen des Besitzers. Die Karlshöhe wurde eigentlich eingerichtet, um dort Bier zu lagern. Doch später konnte man auch Speisen und Getränke zu sich nehmen und der Feuerwehrmusik lauschen. Den "Schützen" gab es noch lange, doch die Karlshöhe wurde schon bald nicht mehr als Keller benutzt. Das Gebäude führte einen Dornröschenschlaf da oben an der Nürtinger Straße. Teilweise allerdings wurde es von einem Beerdigungsinstitut oder als Taxistand benutzt. Den "Schützen" gibt es mittlerweile auch nicht mehr.

Das Gasthaus "Teckkeller" an der Jesinger Straße besitzt auch noch so einen Keller, der im Sommer manchmal geöffnet ist. Dann sitzen bunt gekleidete Motorradfahrer davor, die natürlich kein Bier trinken, sondern kühles, deutsches Wasser.

Heute braucht man alle diese Keller nicht mehr, schließlich hat jeder Haushalt einen Kühl- beziehungsweise Gefrierschrank. Die alten Kirchheimer Bierkeller waren früher die beliebtesten Treffpunkte der Stadt, und auch heute gibt es noch so etwas Ähnliches, und zwar Gaststätten mit Stammtischen. Was würden wir tun, wenn es keine Orte mehr gäbe, wo man sich treffen könnte zum Reden, Austauschen, Essen und Trinken, Feiern oder einfach nur zum Spaß haben?

Iris, Lukas

und Klasse 10, Werkrealschule Jesingen