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Die "klare kubische Form" ist keinem Zeitgeist unterworfen

Ein "Erstlingswerk" galt es am Samstag in Dettingen bei der Architektur-Rundfahrt durch den Altkreis Nürtingen zu besichtigen. Aber schon allein die Tatsache, dass die Kammergruppe Esslingen II dieses Einfamilienhaus im Panoramaweg als gelungenes Beispiel zeitgenössischer Architektur ausgewählt hat, spricht dafür, das "Erstlingswerk" als "Meisterstück" anzusehen.

ANDREAS VOLZ

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DETTINGEN Geschmack ist bekanntlich eine Sache, über die sich trefflich streiten lässt. Deshalb bemerkte Dettingens Bürgermeister Rainer Haußmann, als er dem Tross der Architekturrundfahrt die städtebaulichen Grundzüge des Baugebiets "Hinterlohrn" erläuterte, dass kaum jemand auf die Idee käme, ausgerechnet das Gebäude Panoramaweg 61 als besonders besichtigenswert einzustufen. Gemeinhin gelte die Ansicht, dass sich ein Bauherr entweder für Architektur oder für etwas Praktisches entscheiden könne. Das "Erstlingswerk" des Architekten Ralph Besser sei dagegen der Beweis dafür, dass es auch anders gehe: "Dieses Haus ist beides Architektur und praktisch."

Ralph Besser hat den Neubau nicht nur geplant, sondern wohnt auch darin. "Es ist de facto das erste Haus, das ich in allen Bereichen selbst geplant und gebaut habe. Es soll flexibel zu nutzen sein", sagt er und verweist auf die Gestaltung des Erdgeschosses, das außer einer "Erschließungszone" mit Flur, Treppe und Gäste-WC im hinteren, nördlichen Gebäudeteil nur aus einem einzigen Raum zum Wohnen, Essen und Kochen besteht.

"Das Experiment hat sich bewährt", stellt Besser bereits kurz nach Fertigstellung fest und kommt wieder auf das Stichwort "Flexibilität" zu sprechen: "Wenn man Platz braucht, hat man einen riesigen Raum."

Flexibel ist das Gebäude auch hinsichtlich einer späteren Umgestaltung, sollten einmal Kinderzimmer gebraucht oder zu einem noch späteren Zeitpunkt nicht mehr benötigt werden. Fexibilität gewährt selbst die Heizungsanlage, die in einem Nebenraum unter dem Dach untergebracht ist. Das spart Ralph Besser zufolge den klassischen Schornstein, der bei der klaren Struktur des Gebäudes gestört hätte. Außerdem sei im Dachgeschoss eine eventuelle "Nachrüstung mit Kollektoren" jederzeit möglich.

Karl-Albrecht Einselen, der Vorsitzende der Kammergruppe Esslingen II, lobt an dem Gebäude denn auch die energiewirtschaftliche Sparsamkeit, die er auf die "klare kubische Form" zurückführt, wodurch sich eine "Minimalhülle nach außen" ergebe. Aus Sicht des Architekten gerät Einselen dabei ohnehin ins Schwärmen: "Die klare Formensprache unterwirft sich nicht dem Zeitgeist mit modischen Accessoires wie Erkern oder Vorbauten."

Zur Klarheit der Fassade komme noch die deutliche Ausrichtung nach Süden mit dem Ausblick zur Teck sowie die Behandlung der Materialien. Beton und Stahl seien in ihrer natürlichen Form belassen, so wie sie produziert werden.

Und so kommt Einselen zu dem Schluss: "Es ist zeitlose Architektur mit einem eigenständigen Charakter. Man kann das Haus sicher auch nach Jahren noch sehen." Sprach's und schon machte sich der Tross auf den Weiterweg, um am "Tag der Architektur" noch zwei öffentliche Gebäude in Wernau und Köngen zu besichtigen.