Lokales

Die Kultur nicht im eigenen Saft verschmoren lassen

Künftig wird eine Plakette mit der Aufschrift "Vorbildliches Heimatmuseum" den Haupteingang des zum Museum umgebauten ehemaligen Pfarrhauses im Wendlinger Stadtteil Unterboihingen schmücken. Als einem von drei Gewinnern des vom Arbeitskreis Heimatpflege im Regierungsbezirk Stuttgart ausgeschriebenen Wettbewerbs wurde dem Wendlinger Stadtmuseum im Neresheimer Rathaus jener begehrte Titel verliehen.

HEINZ BÖHLER

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WENDLINGEN In dem musikalisch umrahmten Festakt überreichten der Vorsitzende des Arbeitskreises und Landtagsabgeordnete Hans Heinz und Regierungspräsident Dr. Udo Andriof die Plaketten den gleichwertig zu Gewinnern bestimmten Heimatmuseen in Öhringen und Neresheim. "Die Heimatmuseen im Regierungsbezirk Stuttgart zeigen hervorragende Konzepte und eine qualifizierte Vielfalt", stellte der Regierungspräsident nicht ohne Stolz zur historisch-kulturellen Arbeit in seinem Amtsbereich fest. Mit ihren unterschiedlichen Schwerpunkten setzten die Museen über das bloße Sammeln und Bewahren hinaus auf eine lebendige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der Gegenwart. So biete das Neresheimer Härtsfeldmuseum, das in vordemokratischen Zeiten den Landvögten des Oberamts zu Wohn- und Amtszwecken gedient hat, einen vorbildlichen Einblick in die Geschichte und Volkskultur der Bewohner von Stadt und Umland.

Die Bedeutung der ortsansässigen Zinngießerei und des Fabrikanten August Weygang bilden die Grundlage der Konzeption des Öhringer Heimatmuseums. Kern des Weygang-Museums ist eine erhaltene und wieder in zeitweiligen Betrieb genommene Zinngießer-Werkstatt. Dort erhalten Besucher neben der Möglichkeit, Zeugnisse bürgerlichen Lebens seit der Renaissance zu besichtigen, einen lebendigen Eindruck von einem (fast) vergessenen Handwerk.

Allen drei Museen bescheinigte die Jury den Kriterien, die der Arbeitskreis zum Maßstab des Wettbewerbs erklärt hatte, weitgehend entsprochen zu haben. So hat sich auch das Wendlinger Stadtmuseum vorbildlich der wahrheitsgetreuen Geschichtsvermittlung, der Dokumentation regionaler Besonderheiten und Entwicklungen, der freundlichen Aufnahme seiner Besucher und einer lebendigen Darstellung befleißigt. So können dank eines im Eingangsbereich installierten Aufzugs auch Behinderte in den Genuss der Wendlinger Sammlungen kommen, wo sich auf insgesamt sieben Stockwerken verteilt moderne Baumodule auf das Spannendste mit der ursprünglichen Architektur ergänzen. Touchscreen-Bildschirme und Schubladensysteme laden die Besucher ein, mit Hilfe moderner Medien sich Informationen über die Vergangenheit der drei Ortsteile Bodelshofen, Unterboihingen und Wendlingen sowie deren Zusammenwachsen zu verschaffen.

Dem mit einem fast einzigartig gepflegten Pfarrgarten versehenen Museum stehen noch einige Erweiterungsmaßnahmen ins Haus, sodass Peter Hoefer, trotz aller Koordinationsprobleme, die ein inzwischen auf über 70 Mitglieder angewachsener Verein bei der Einteilung von Arbeitseinsätzen macht, auf eine interessante Zukunft des Anwesens in der Kirchstraße und die sicherlich bald am Eingang prangende Plakette Vorbildliches Heimatmuseum blicken kann.

Zu danken ist diese Auszeichnung, zu deren und dem Empfang eines Preisgeldes von 1000 Euro eine 15-köpfige Delegation, bestehend aus Mitgliedern des Museumsvereins, des Wendlinger Gemeinderats und der Stadtverwaltung, unter Führung von Bürgermeister Frank Ziegler nach Neresheim gereist war, nicht zuletzt der Historikerin Dr. Michaela Häffner. Unter ihrer wissenschaftlichen und durchaus von ästhetischen Ansätzen geführten Feder war die Konzeption des Museums entstanden. So können der Museumsverein, die Verwaltung, die Vereine und Bürger Wendlingens, vor allem aber die Besucher, die Vorteile eines in ehrenamtlicher Tätigkeit und dennoch professionell geführten Kleinods genießen, das den Ansprüchen, die der Landeskundler Dr. Gustav Schöck in seiner Festrede an den Begriff Heimat gestellt hatte, annähernd voll entspricht. Schöck hatte gefordert, dem Begriff eine räumliche und zeitliche Dimension zu geben sowie die Menschen durch Pflege von Kultur, Arbeit und Sprache eine Gemeinsamkeit bewusst werden zu lassen, die trotz steter Veränderungen Bestand hat: "Heimat ist nichts Statisches, sie muss immer wieder erworben sein. Heimat bedarf eines pfleglichen Umgangs, muss Strukturen bilden, nicht Kulissen." Heimat, so Schöck, habe nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun, sie lebe davon, dass sie auch manchen äußeren Einflüssen offen steht. Speziell die deutsche Vergangenheit lehre: Eine Kultur, die im eigenen Saft schmort, tut das nicht lange, sie verschmort. So sieht Schöck den Auftrag nicht nur an die Heimatmuseen gerichet, Innovation mit Traditionen zu verknüpfen, um daraus ein Heimatbewusstsein zu stärken, das auch den Wandel akzeptiert.