Lokales

Die liebe Not mit dem Piks

Impfungen gegen Schweinegrippe schleppend angelaufen – Rund 220 Fälle im Landkreis

Offiziell ist gestern mit den ersten Impfungen zur Schweinegrippe begonnen worden. Allerdings war die Nachfrage noch etwas mager, wie aus den Arztpraxen in Kirchheim und Umgebung zu hören war. In den nächsten Wochen sollen sich zunächst Ärzte, Krankenschwestern, Pflegepersonal, Polizisten und Feuerwehrleute piksen lassen, dann sind chronisch Kranke an der Reihe und danach die Allgemeinheit, wenn gewünscht.

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richard umstadt

Kirchheim. Seit dem Frühjahr wurden im Landkreis Esslingen rund 220 Fälle der hoch ansteckenden Influenza A/H1N1, landläufig als „Schweinegrippe bekannt“, registriert. Vor allem in den Sommermonaten, als Abschlussklassen aus Spanien zurückkehrten, ging die Statistik nach oben. „Doch die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher“, weiß der Leiter des Gesundheitsamts im Landratsamt Esslingen, Dr. Walter Kontner. „Nicht jede wird als solche erkannt. Und die Krankheitsverläufe der Infizierten sind bei uns in Süddeutschland nach wie vor recht mild.“ Von einem Horrorszenario könne hier, „Gott sei Dank“, nicht gesprochen werden.

„Die erste Welle ist weniger dramatisch verlaufen“, was viele Menschen davon abhält, in die Hausarztpraxen zu strömen. Zum anderen sorgen Diskussionen um unterschiedliche Impfstoffe und deren Nebenwirkungen für Verunsicherung und eine eher abwartende Haltung. So bestätigen Arztpraxen in Kirchheim und den umliegenden Ortschaften die Aussage Dr. Kontners, dass die Impfungen gegen die Schweinegrippe schleppend anlaufen. „In dieser und der nächsten Woche kann es sein, dass die Hausärzte noch Probleme haben, den Impfstoff zu bekommen“, meint der Leiter des Gesundheitsamts. Darüber hinaus gibt es praktische Probleme, da sinnvollerweise in Zehnergruppen geimpft werden soll. Der Grund dafür ist, dass der Impfstoff an die niedergelassenen Ärzte nur in Zehnerdosen abgegeben wird. Die Apotheken müssen ihn beim Hersteller in 500er-Einheiten bestellen. Das empfindliche Präparat ist nur 24 Stunden haltbar und muss aufwendig aufbewahrt werden. Darüber hinaus müssen die Apotheken ihren Bestand im Internet dokumentieren. Das heißt in der Praxis, die Impfung läuft nur auf Bestellung. Impfwillige sollten deshalb die Notwendigkeit und den Termin für den kleinen Piks mit ihrem Hausarzt absprechen, empfiehlt der Leiter des Gesundheitsamts in Esslingen. „Die Hausärzte kennen ihre Patienten am besten und können so auch eine entsprechende Entscheidung treffen.“

Während Soldaten, Bundespolizei und ministeriale Krisenstäbe, wie berichtet, den Impfstoff Celvapan von Baxter erhalten, können niedergelassene Ärzte Pandemrix von Klaxo-Smith-Kline bestellen. Pandemrix enthält nur einen geringen Teil der Influenzaviren sowie Adjuvanzien, sogenannte Wirkverstärker, und das quecksilberhaltige Konservierungsmittel Thiomersal. Ein drittes Präparat ist laut Dr. Walter Kontner für Schwangere in Produktion und noch nicht verfügbar.

Nach einem Stufenplan ist vorgesehen, in den nächsten vier Wochen zunächst Beschäftigte des medizinischen- und Pflegebereichs zu impfen, dann Angehörige von Polizei und Feuerwehr sowie chronisch Kranke und alte Menschen. Anschließend ergeht ein Aufruf an die restliche Bevölkerung, sich gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen.

„Die Impfung wird heute madig gemacht“, geht Dr. Walter Kontner auf die Diskussion in den Medien und in der Bevölkerung ein. „Doch der Winter fängt ja erst an und dann könnte ich mir vorstellen, dass sich die Influenza A/H1N1 breit macht. Es wäre deshalb nicht verkehrt, sich mit der Impfung vertraut zu machen“, wirbt er für den umstrittenen Piks gegen die Schweinegrippe und weist darauf hin, dass der Körper drei Wochen benötigt, bis er einen Impfschutz aufgebaut hat. „Eine Impfung ist immer eine vorsorgliche Sache.“ Stutzig macht den Mediziner ein Phänomen, das bei der „normalen“ Influenza so nicht auftritt: „Bei der neuen Grippe sind auch jüngere Leute, etwa im Alter von 17, 18 Jahren, stark betroffen.“

Auf die Horrorzahlen der von der Schweinegrippe Dahingerafften angesprochen, meint Dr. Walter Kontner: „Man darf nicht außer Acht lassen, dass jedes Jahr rund 10 000 Menschen in Deutschland an der saisonalen Influenza sterben.“ Und hier vor allem chronisch Kranke und Alte, deren Organismus geschwächt ist. Deshalb rät der Mediziner von der landratsamtlichen Gesundheitsbehörde nach wie vor zu einer saisonalen Grippeimpfung.