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"Die Logik der Abschreckung ist nutzlos"

Bei der Gedenkstunde zum 60. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki mahnte Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker am Freitagabend vor dem Rathaus, nicht zu vergessen, was am 6. August 1945 geschehen ist, "aber auch nicht, was wir verhindern müssen."

RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM Weltweit wurde am vergangenen Freitag der mehr als 300 000 Opfer der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki gedacht. In Kirchheim hatten zur "Nacht der 100 000 Kerzen für den Frieden" verschiedene Friedensgruppen, Gewerkschaften Kirchen, Parteien und Organisationen aufgerufen. Sowohl Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker als auch Klaus Pfisterer von der DFG-VK, Neckar Fils, erinnerte an das Ereignis vom August 1945 und beschrieben das Inferno, das die Uranbombe "Little Boy" auslöste: Binnen Sekunden erlosch das Leben von über 140 000 Menschen. Die Temperatur der abgeworfenen Bombe erreichte am Detonationspunkt 60 Millionen Grad. Die Druckwelle der Atombombe fegte über die Stadt hinweg, zerstörte Gebäude und ließ die inneren Organe der Menschen in weniger als einem Bruchteil einer Sekunde verschmoren und verdampfen. Noch heute sieht man in der japanischen Stadt die Schatten verbrannter Menschen in den Steinstufen der Gedenkstätten.

Am 9. August 1945 fiel die zweite Uranbombe auf Nagasaki. 70 000 Menschen starben sofort und weitere 100 000 Menschen starben qualvoll in den Folgejahren an den Spätfolgen der Atombombenabwürfe.

"Auch 60 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki gibt es keinen Grund zur nuklearen Entwarnung", so Klaus Pfisterer, der deshalb appellierte, "die Vision einer atomwaffenfreien Welt, einer abgerüsteten Welt" in die Öffentlichkeit zu tragen.

Weltweit sind 30 000 Atomwaffen stationiert, knapp 7 000 werden in ständiger Alarmbereitschaft gehalten, davon 150 in Deutschland. Die US-Streitkräfte arbeiten an der Entwicklung neuer Atomwaffen, so genannter "Mini-Nukes" und die Zahl der Staaten, die über atomwaffenfähiges Material verfügen, steigt weiter an, informierte Pfisterer.

Angelika Matt-Heidecker, die vor einigen Wochen der von Bürgermeister Akiba aus Hiroshima gegründeten Kampagne "Bürgermeister für den Frieden" beitrat, machte auf die "ungeheure Aktualität" des Themas aufmerksam. "Atomwaffen garantieren keine Sicherheit, sondern bedeuten immer ein Risiko," meinte sie: "Die Logik der Abschreckung ist überflüssig geworden und nutzlos. Terroristen lassen sich nicht abschrecken", war sie überzeugt.

Als Mitglied der "Mayors for Peace" warb Kirchheims Oberbürgermeisterin für die Unterstützung der Vision "Atomwaffenfrei bis 2020".

"Wir Hibakusha fühlen, dass die Gefahr des dritten Einsatzes der Kernwaffen direkt bevorsteht. Wir fühlen es auf unserer Haut, wie wir Japaner es nennen," schreibt Saturo Konishi, der Sprecher der Überlebenden der Atombombenabwürfe in seinem Grußwort an die "deutschen Geschwister".

"Das nukleare Schwert kommt immer näher über unsere Köpfe und wir wollen es nicht sehen; verrückte Welt, verrückte Staatsführer und die Menschen sind stumm. Eben deshalb müssen wir mehr und mehr bestrebt sein, den Ruf "Kein Hiroshima, kein Nagasaki, keine Atombombenabwürfe mehr" in allen Orten der Welt erklingen zu lassen", appelliert Konishi "an alle Friedliebenden". Gedichte von Marie-Luise Kaschnitz, Erich Fried und Dorothee Sölle zum Thema "Hiroshima" und Krieg trug Willy Kamphausen vor.

Im Anschluss an die Veranstaltung begann um 23 Uhr in der Christuskirche am Gaiserplatz eine liturgische Nacht mit Elementen aus Taize und einem Gebet für den Frieden.

Klare, reine Regentropfen löschten die vor dem Kirchheimer Rathaus brennenden Kerzen nach und nach. Es war nicht der schwarze, radioaktiv verseuchte Regen, der nach dem Atombombenabwurf fiel und tausende Menschen in Hiroshima und Nagasaki auslöschte.