Lokales

Die „Lust auf Stadt“ entfachen

Für Kirchheim stellt die Neubebauung des EZA-Areals eine historische Chance dar

Der Stadtplaner hat Grund zur Euphorie: „Welche Stadt hat heute noch die Chance, ein großes innenstädtisches Gelände insgesamt zu planen und zu entwickeln?“, fragt Gernot Pohl begeistert. Die Antwort lautet: Kirchheim. Mit raffinierter Planung wollen Architekten und Planer auf dem 3,5 Hektar großen „EZA-Areal“ nun die „Lust auf Stadt entfachen“.

Irene Strifler

Kirchheim. Innenverdichtung lautet schon seit Langem ein wichtiges Gebot im Kirchheimer Gemeinderat. Jetzt jedoch ist von „optimaler Innenverdichtung“ anstelle von „maximaler“ die Rede. Der Zeitgeschmack richtet sich nach der wachsenden Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Stadtwohnungen und einer lebenswerten Innenstadt. Beim Kirchheimer Planungsamt werden immer mehr Menschen vorstellig, die das Rentenalter im Blick haben. Nach Jahren der Kindererziehung und des Arbeitsalltags wollen sie nun wieder ins pulsierende Leben eintauchen. „Für diese Menschen heißt in die Stadt ziehen so viel wie zum Leben zurückzugehen“, fasst der Stadtplaner den Trend in Worte. So manchen drängt es vom Einfamilienhaus am Stadtrand in die Penthouse-Wohnung.

Die demografische Entwicklung spricht eine deutliche Sprache: „193 Hektar in Kirchheim bestehen aus Wohngebieten der 60er- und 70er-Jahre“, rechnet Pohl vor. Über ein Viertel der Menschen, die dort leben, nämlich etwa 2 500, sind jetzt schon älter als 65 Jahre – die Gründergeneration dieser Republik. Viele Häuser, die frei werden, werden zumindest nicht eins zu eins übernommen. Denn auf der anderen Seite geht die Gruppe der sogenannten Immobilien-Ersterwerber zwischen 30 und 45 Jahren drastisch zurück. „Auf dem Wohnungsmarkt steht ein Paradigmenwechsel an“, schlussfolgert Pohl. Auch die einfache Rechnung, das Eigenheim als Lebensversicherung zu betrachten, kann immer leichter schiefgehen.

Der Drang in die Stadt ist ungebrochen. Selten jedoch stellt sich aus Stadtplanersicht ein Areal derart als Filetstückchen dar wie das EZA-Gelände. „Die S-Bahn ist nah, aber auch die Innenstadt, außerdem ist das Gelände vollkommen eben“, preist Pohl die Fläche in direkter Nachbarschaft zum Nanz-Center und zum Ärztezentrum an. „Wir wollen hier für alle planen“, lautet sein Credo. Baugemeinschaften können ebenso zum Zuge kommen wie Bauträger oder Architekten. Mehrgenerationenverbünde gehören ebenso zur Zielgruppe wie junge Familien oder Betreutes Wohnen. Ganz viele Projekte dürften hier umgesetzt werden, Mehrfamilienhäuser, aber auch Reihenhäuser und Ähnliches mehr. „Die Gestaltung wird eine große Rolle spielen“, betont Pohl, dass das Quartier ähnlich dem französischen Viertel in Tübingen aus einem Guss sein sollte. Hier wie dort spiegelt sich die Entwicklung, dass der moderne Zeitgenosse mehr Zeit denn je hat, sei es in den langen Jahren des Ruhestands, aber auch bedingt durch Phasen der Arbeitslosigkeit.

Damit das Quartier lebendig wird, soll durchaus auch Kleingewerbe dort eine Bleibe finden. Geplant sind auch „attraktive Freiräume“, also beispielsweise kleine Plätze, auf denen vielleicht ein Gemüsehändler seinen Stand aufbauen kann, ein Straßencafé zum Verweilen einlädt und Kinder spielen.

Um möglichst viele gute Ideen zu erhalten, hat sich die Stadt für ein Gutachterverfahren entschieden. Sechs Büros haben bereits ihre Vorstellungen abgegeben – alles noch streng geheim. Mitte Mai tagt die Bewertungskommission, um einen Sieger zu ermitteln. Dieser erhält dann auch die städtebauliche Oberleitung. Seine Ideen stellen die Basis dar für den neuen Bebauungsplan.

Eigentlich ist der alte Bebauungsplan noch gar nicht so alt, er stammt nämlich aus den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Doch selten zeigt sich so deutlich, wie der Zeitgeist wechselt. Damals war für die Fläche ausgesprochen dichte Wohnbebauung vorgesehen, fast ganz ohne Freiflächen. Die Wohnungsnot nach der Wiedervereinigung ließ grüßen. „Viel zu großstädtisch für Kirchheim“, urteilt Pohl über die alten Planungen. Er ist offenkundig froh, dass das Thema seinerzeit auf Eis gelegt wurde.

Wer sich für das EZA-Areal interessiert, sollte sich die öffentliche Gemeinderatssitzung im Kirchheimer Rathaus am 23. Juni nicht entgehen lassen. An diesem Tag wird der Gemeinderat über den Siegerentwurf befinden und die Weichen für den Bebauungsplan stellen.

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